ERSCHRECKENDE ZAHL

Das Leben nach dem Feuerwehr-Krebs

Neun tote Neubrandenburger Feuerwehrleute in 16 Jahren. Bernd Quetschke kämpfte auch gegen die Krankheit – mit Erfolg und er ist zurück im Dienst.
Susanne Schulz Susanne Schulz
Bernd Quetschke konnte nach der Krebserkrankung in seinen Beruf, zu seiner Berufung zurückkehren. Derzeit drehen sich vie
Bernd Quetschke konnte nach der Krebserkrankung in seinen Beruf, zu seiner Berufung zurückkehren. Derzeit drehen sich viele Gespräche um die Kollegen, denen das nicht vergönnt war. Susanne Schulz
Die Konfrontation mit gefährlichen Stoffen – wie hier beim Einsatz auf einem Firmengelände nahe Neubrandenburg
Die Konfrontation mit gefährlichen Stoffen – wie hier beim Einsatz auf einem Firmengelände nahe Neubrandenburg – gehört zum Alltag der Feuerwehrleute. Angesichts gehäufter Krebs- und Todesfälle wird jetzt der Vorsorge immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Felix Gadewolz
Neubrandenburg.

Vielleicht ist es seinem ältesten Enkelkind zu verdanken, dass Bernd Quetschke noch lebt. Die Aussicht, Opa zu werden, habe ihm jedenfalls gehörig Kraft gegeben, als sein Leben vor elf Jahren aus den Fugen geriet. Damals bemerkte er beim Rasieren eine Schwellung am Hals, die in wenigen Wochen von der Größe eines Stecknadelkopfes auf die einer Zwanzig-Cent-Münze wuchs.

Durch seine Berufserfahrung als Feuerwehrmann sensibilisiert, ging Quetschke – gegen seine sonstige Gewohnheit – zum Arzt, wurde sofort weitergeschickt zum HNO-Spezialisten und lag wenige Tage später auf dem OP-Tisch: Lymphdrüsenkrebs! Eine der Krebsarten, die bei Feuerwehrleuten gehäuft auftreten.

Neun Kameraden sind an Krebs gestorben

Die Retter sind bei ihren Einsätzen einer Unzahl gefährlicher Substanzen ausgesetzt, sei es durch den Rauch oder durch Stoffe, die über die Haut das Immunsystem angreifen. Lymphdrüsen- und Lungen-, Prostata- und Hodenkrebs gehören zu den häufigsten Todesursachen bei Feuerwehrleuten. In der Neubrandenburger Berufswehr ist Bernd Quetschke einer von aktuell vier Kameraden, die nach überstandener Krebs-Erkrankung in den Dienst zurückkehren konnten. Neun Kollegen sind seit 2003 an Krebs gestorben.

Auch Quetschke hatte angesichts der Diagnose das Gefühl, ihm werde der Boden unter den Füßen weggerissen. „20 Jahre zuvor wäre das noch ein Todesurteil gewesen“, ist ihm bewusst. Inzwischen sind die Heilungschancen gestiegen. Dennoch war plötzlich alles infrage gestellt, was sein Leben ausmachte.

Schon als Elfjähriger war er zu Hause in Stavenhagen „Junger Brandschutzhelfer“ geworden, ging nach der Lehre als Zerspanungsfacharbeiter und der Armeezeit zur Feuerwehr in Malchin, wurde dann nach dreijährigem Fachschulstudium nach Neubrandenburg versetzt. Sein Spezialgebiet ist der vorbeugende Brandschutz, der den Kollegen im Einsatzdienst wichtige Voraussetzungen schafft. Zum Beispiel durch die Feuerwehrpläne, die mit allen großen Betrieben und Einrichtungen abgestimmt sein müssen, um Brände zu vermeiden und für den Brandfall nötige Informationen über Angriffswege und Gefährdungen zu liefern.

Im Einsatz immer wieder in Kontakt mit Giftstoffen

Bittere Ironie provoziert da die Erinnerung an einen Einsatz, der ihm nach der Krebs-Diagnose umso deutlicher gegenwärtig blieb: In den 80er Jahren bekam es sein Team bei einem Brand im Reparaturwerk mit einer Druckmaschine zu tun, aus der es dampfte und zischte. Das sei doch nicht etwa ein PCB-Kondensator?, stellte er die Verantwortlichen im Werk zur Rede. PCB steht für polychlorierte Biphenyle – das sind Chlorverbindungen, die bis in die 80er Jahre vielfach in elektrischen Anlagen eingesetzt wurden, längst aber als Giftstoffe erkannt, und seit 2001 weltweit verboten sind. Auch andere Beteiligte des damaligen Einsatzes sind erkrankt oder verstorben, weiß Quetschke.

Nur zu deutlich erinnert er sich an das Aufwachen nach seiner Krebs-Operation, an das bange Tasten: Ein kleiner Verband hätte bedeutet, dass die Geschwulst wohl gutartig war. Doch da war mehr. Wie er wenig später erfuhr, mussten mit dem Tumor an der linken Halsseite sämtliche Lymphknoten entfernt werden.

Fast ein Jahr war Quetschke „außer Gefecht“. Immerhin konnten die Abstände der Kontrolluntersuchungen seither von zwei Wochen auf sechs Monate vergrößert werden. Doch jedes Mal spürt er schon Tage vorher die Anspannung. Auch das Warten auf den Befund nach der jährlichen MRT-Untersuchung ist hart.

Viele Feuerwehrleute sprechen nicht gern über den Krebs

Zu klagen, liegt dem Feuerwehrmann indessen fern. Bei Temperaturwechseln signalisieren ihm Schmerzen, dass da drinnen immer noch „was arbeitet“, und einmal wöchentlich braucht er eine Lymphdrainage, damit – mangels der entfernten Lymphknoten – die Gewebsflüssigkeit aus dem betroffenen Bereich abfließen kann. Davon abgesehen aber sei „alles gut“, sagt Quetschke und ist bis heute dankbar, dass die Ärzte so offen und ehrlich mit ihm umgingen. Nach einem allmählichen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben ist er längst wieder voll einsatzfähig.

Dann und wann werde im Kollegenkreis über die Krankheitsfälle geredet. Das sei immer eine sehr persönliche Angelegenheit. Viele sprächen nicht gern darüber, erst recht wenn es um urologische Befunde gehe. Hinzu kommt die Angst, den Beruf nicht mehr ausüben zu können. Umso mehr weiß Quetschke sein wiedergewonnenes Leben zu schätzen. Und er freut sich, wenn er am 1. November nach 40 Dienstjahren in den Ruhestand geht, auf freie Zeit für seine Handball-Leidenschaft und für seine Enkel – inzwischen sind es vier.

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