MORDFALL LEONIE

David H. ist laut Polizei immer wieder ausgerastet

Im Januar starb Leonie aus Torgelow. Polizisten beschrieben den mordverdächtigen Stiefvater David H. vor Gericht als „scheinheilig, die Vaterrolle nur spielend”. Und sie berichteten von Ausrastern.
Gerald Bahr Gerald Bahr
Andreas Becker Andreas Becker
Leonies Stiefvater David H. (Mitte) ist wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.
Leonies Stiefvater David H. (Mitte) ist wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Andreas Becker
Neubrandenburg.

Der Anblick muss für Polizisten und Rettungskräfte ein Schock gewesen sein, als sie am 12. Januar diesen Jahres nach Torgelow gerufen wurden. Dort ist die kleine Leonie (6) an ihren schweren Verletzungen gestorben. Was die Polizisten, die als erstes am Tatort waren, erlebt haben, war am Mittwoch zentraler Gegenstand des Mordprozesses am Landgericht Neubrandenburg.

Leonies Stiefvater David H. ist angeklagt wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener in sieben Fällen. Er soll Leonie geschlagen und getreten haben, wirft ihm die Anklage vor. Zudem soll er nicht rechtzeitig Hilfe gerufen haben, um seine Tat zu verdecken, so die Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte behauptet, dass die Sechsjährige beim Spielen gestürzt war und sich die schweren Verletzungen daher zugezogen hätte.

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Polizisten finden keine Spuren für Treppensturz

Das sagte David H. auch dem Polizisten Jakob K., der als einer der ersten die Wohnung in der Todesnacht betrat und auch als erster David H. befragte. Ein kleines Mädchen soll die Treppe herunter gefallen, wurde bei der Alarmierung der Polizisten angegeben. Im Treppenhaus lag aber niemand, fiel K. auf. „Da haben wir etwas ganz anderes erwartet”, berichtete der 22-Jährige. Auch der Puppenwagen, mit dem Leonie angeblich gestürzt sein soll, stand – und zwar hinter der Treppe.

David H. hatte der Polizei in der Todesnacht erklärt, dass der Puppenwagen vor der Treppe neben der gestürzten Leonie gelegen habe. Der habe aber extra auf den Puppenwagen und dessen kaputten Griff hingewiesen, erinnerte sich der Polizist an die Todesnacht. Da passt etwas nicht zusammen. Denn an der Treppe und den Wänden hätten die Polizisten keine Spuren für einen Sturz gefunden.

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Keine Erklärung für Blutflecken

In der Wohnung habe sich der Angeklagte auch in Widersprüche verwickelt, berichtete K. David H. habe in der Küche gestanden, als Leonie aus der Wohnung ging, um draußen zu spielen. H. sei in der Küche gewesen, habe bei offenem Fenster geraucht, die Tür sei geschlossen gewesen.

„Die kann gar nicht zu gewesen sein”, sagte jedoch Jakob K. Daran hingen viele Jacken, deren Ärmel immer im Weg waren, um sie zu schließen, so der Polizist. Durch ein lautes Poltern habe David H. gehört, dass Leonie angeblich auf der Treppe gestürzt sei. Bei angeblich geschlossener Tür durch das offene Küchenfenster? Das kann er nicht gehört haben, ist sich Jakob K. sicher.

Ein weiterer Widerspruch: An einer Wand in der Wohnung waren Blutspritzer. Woher die stammen? David H. habe den Polizisten mehrere Versionen an dem Tatabend geschildert. Zuerst hätten die vom Vormieter gestammt, H. habe sie bislang gar nicht bemerkt. Dann sollten sie von einem Streit zu Silvester herrühren.

Polizist: David H. war „scheinheilig”

Und: „Den Eindruck, den uns David H. an dem Abend geben wollte, dass er ein fürsorglicher Familienvater sei, der hat nicht zu dem Zustand der Kinderzimmer gepasst”, sagte Polizist Jakob K. Nur ein Lattenrost mit Matratze statt einem richtigen Bett für Leonie, das Zimmer unordentlich, zählte K. nur einige seiner Beobachtungen in der Wohnung auf. Im Badezimmer war ein Blutfleck auf dem Boden.

„Scheinheilig, lieblich, sich als Vater darstellend, uns als Polizisten meistens zuvorkommend, aber dann zwischendurch diese Wutanfälle uns und der Rechtsmedizinerin gegenüber, die zwei drei Minuten dauerten” – so beschrieb Jakob K. vor Gericht das Verhalten des Angeklagten in der Todesnacht. Er habe die Beamten sogar angefahren, warum sie und die Rettungskräfte ihre Schuhe vor Betreten der Wohnung nicht geputzt hätten.

David H. reagierte „kühl” auf Todesnachricht

Und dann die Verletzungen an Noah, der kleinen Bruder von Leonie, die K. gesehen hatte. Vom kleinen Noah habe Leonie bei einem Streit auch das große blaue Auge bekommen, habe H. dem Polizisten erklärt. K. war skeptisch: „Darum habe ich auch den Kinder- und Jugendnotdienst eingeschaltet, damit die sich die Kinder und die Wohnung ansehen.”

Nick M. war mit seinem Kollegen Jakob K. zusammen im Einsatz in Torgelow. M. war der erste Polizist, der Janine Z., Leonies leibliche Mutter, befragen konnte. Er führte auch bei David H. einen ersten Drogen- und Alkoholtest durch. Der Test fiel negativ aus.

Bei der Mutter zeigte der Atemalkoholtest 0,0 Promille an. M. befragte Janine Z., doch viel konnte sie nicht zu dem angeblichen Sturz und den Verletzungen sagen, da sie den ganzen Abend über im Schlafzimmer gewesen sei. David H. habe Leonie mit einem Kühlakku gekühlt, da sie sich bei einem Sturz verletzt hatte, berichtete Z. dem Polizisten. Daher habe Leonie auch nasse Kleidung gehabt, als die Rettungskräfte eintrafen. Doch einen Kühlakku fanden beide Polizisten nicht an diesem Abend.

Leonie bei Notruf wohl schon tot

David H. sagte, er habe Leonie in die Wohnung getragen. In den rund drei Stunden zwischen dem angeblichen Sturz und dem Abendbrot gegen 18 Uhr habe Leonie geschlafen. Etwa eineinhalb Stunden später erfolgte der Notruf von David H., dass das Mädchen gestürzt sei und Hilfe brauche. Zu dem Zeitpunkt soll Leonie zwar komisch geatmet bzw. geröchelt haben, war laut H. aber ansprechbar.

Daran gibt es jedoch massive Zweifel. Notarzt und Rettungssanitäter sind sich sicher, dass Leonie zum Zeitpunkt des Notrufes schon seit längerem tot gewesen sein muss.

Nick M. informierte David H. über den Tod von Leonie. Dieser habe eher kalt und reserviert reagiert, nicht geweint, dafür aber dem Notarzt unterstellt, nicht genug getan zu haben, um die Sechsjährige zu retten. Auch er beschrieb H. als „aufgesetzt, als würde er alles für die Kinder tun. Aber in manchen Situationen ist er uns gegenüber ausgerastet”, schilderte der Polizist. Immer wenn der Angeklagte in Erklärungsnot gewesen sei, sei er für kurze Zeit wütend geworden, bis die Polizisten ihn wieder beruhigten.

David H. äußerte sich in dem Prozess bislang nicht. Sein Verteidiger kündigte eine Einlassung seines Mandanten für den 25. Oktober an. Zuvor soll unter anderem auch noch die leibliche Mutter Janine Z. aussagen – möglicherweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie beantragt wurde.

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