Der Waschtisch im Hygieneraum. Hier wird der Verstorbene für die Abschiedsfeier vorbereitet.
Der Waschtisch im Hygieneraum. Hier wird der Verstorbene für die Abschiedsfeier vorbereitet. Zoltán Szabó
Torsten Schäper (51), links und Marko Lau (42) im Vorraum des Bestattungshaus Doreen Peter.
Torsten Schäper (51), links und Marko Lau (42) im Vorraum des Bestattungshaus Doreen Peter. Zoltán Szabó
Der kleine Abschiedsraum. Hier wird auf der offene Sarg mit der Verstorbenen aufgebahrt.
Der kleine Abschiedsraum. Hier wird auf der offene Sarg mit der Verstorbenen aufgebahrt. Zoltán Szabó
Der Tisch für den Kaffeekranz für die Angehörigen des Verstorbenen. Andernorts nennt man es Leichenschmaus.
Der Tisch für den Kaffeekranz für die Angehörigen des Verstorbenen. Andernorts nennt man es Leichenschmaus. Zoltán Szabó
Der Sarg mit Blumenkränzen der Angehörigen in der Feierhalle. Fotos: Zoltán Szabó
Der Sarg mit Blumenkränzen der Angehörigen in der Feierhalle. Fotos: Zoltán Szabó Zoltán Szabó
Reportage

Die Arbeit mit den Toten – ein Besuch beim Bestatter

Täglich nehmen Angehörige bei Trauerfeiern Abschied von ihren Lieben. Bestattungshäuser arbeiten im Hintergrund. Doch wie sieht die Arbeit eines Bestatters aus?
Neubrandenburg

In der Kühlkammer werden die Verstorbenen auf eine Temperatur von 0 bis 8 Grad heruntergekühlt. Es ist 9.30 Uhr morgens im Bestattungshaus Doreen Peter in der Kreissatdt Neubrandenburg. Grelles Licht erhellt den Hygieneraum. Der Boden ist gefliest. Weiße und blaue Kacheln an der Wand, ein Absaugschlauch, ein Duschkopf. Darüber thront ein kleines Kreuz aus Holz mit Jesus Christus. Darunter ragt ein langer Tisch in das Zentrum des Raumes. Der Marmor der Oberfläche ist in der Mitte durchbrochen. Für einen Abfluss.

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Ein Riese im Raum der Toten

Mit rund 1,90 Meter ist Torsten Schäper (51) ein Riese im Raum. Er trägt die blonden Haare kurz geschnitten. Sein Gesicht ist eine Landschaft, die Stirn voller Falten. Sein Kollege Marko Lau (42), ein wenig kleiner, aber ebenso muskulös, trägt dieselbe Frisur. Er wechselte erst vor Kurzem ins Bestattungsgeschäft. Trotzdem sind die beiden Männer bereits ein eingespieltes Team und jeder Griff mit den medizinischen Handschuhen sitzt.

Jetzt greift eine Hand zum Öffner der Kühlkammer und Torsten Schäper schiebt einen offenen Sarg auf einem fahrbaren Vehikel in den Hygieneraum. Im hellen Holzsarg, der zur Einäscherung vorgesehen ist, liegt eine alte Dame, gekleidet in grauer Stoffhose und einem Pullover in dezentem Rosa.

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Ihre geschlossenen Augen sind eingefallen, ihr Mund geöffnet. Als würde sie friedlich schlafen. Aber jedes Leben ist aus der Frau gewichen. Ihre Haut ist blass, aber kaum blasser als bei manchem Lebenden. „Wir haben sie vor ein paar Tagen aus dem Pflegeheim abgeholt“, erklärt Schäper mit ruhiger, fester Stimme. In der Stille des Hygieneraums ist er der weniger Schweigsame von beiden. Gemeinsam hieven sie die Verstorbene aus dem Sarg und legen sie behutsam auf den Waschtisch. Beim Aufsetzen durchzieht ein leicht fauliger Geruch den Raum. Ein wenig Gas, das aus dem Körper der Verstorbenen entweicht. „Das ist normal. Die Gase sammeln sich. Wenn man Pech hat, auch Flüssigkeiten. Die muss man dann absaugen“, erklärt Schäper. Es komme immer darauf an, in welchem Zustand der Verstorbene bei der Abholung sei. Ein Windstoß haucht frische, kalte Winterluft in den Hygieneraum. Die Tür zum Hinterhof steht einen Spalt offen.

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Jeder Tag bringt neue Herausforderungen

Seit 14 Jahren übt Torsten Schäper den Beruf des Bestatters aus. Ein vielseitiger Beruf sei das, der Freude bereite. Das sagt auch sein Kollege. Man erlebe nie dasselbe. Jeder Tag bringe neue Herausforderungen und jeder Verstorbene sei anders, sagen sie.

Die beiden Bestatter entkleiden die Frau bis auf die Unterhose und schieben eine Stütze unter ihren Kopf. Auf der Unterseite des Leichnams ist die Haut bläulich und rot gefärbt, weil sich Flüssigkeiten in der unteren Körperhälfte sammeln. Das komme vom Liegen, erläutert Schäper. Manchmal müssen sie die sogenannten Leichenflecken mit einer Salbe per Hand „wegmassieren“. Das betreffe vor allem den Bereich des Körpers, der später sichtbar bleibt. Das Gesicht etwa.

Schäper greift zum Desinfektionsspray und besprüht den Leichnam von den Füßen bis zu den Haaren. Wichtig sei das, um sich und die Angehörigen vor eventuell gefährlichen Keimen zu schützen, sagt er. Es gebe eine zertifizierte Methode bei der „Grundversorgung“, so nennen sie die Vorbereitung des Verstorbenen für die Trauerfeier. Desinfizieren, Waschen, Desinfizieren – kurz DWD. Die Luft riecht inzwischen streng nach Desinfektionsmittel. 30 Sekunden muss es einwirken, dann reißen die Männer Papiertücher von der Handtuchrolle an der Wand und tupfen die Haut der Verstorbenen trocken. Sie positionieren sich an den Gliedmaßen und bewegen diese etwas, um die Leichenstarre zu lösen. Das, sagen sie, würde die weitere Behandlung erleichtern. Behutsam reinigen sie den Körper mit einem Lappen und einer Waschlotion. Sie pflegen Fingernägel und Fußnägel.

Umgang mit Verstorbenen belastet nicht persönlich

Bei der Verstorbenen haben sie Glück. Das Pflegeheim habe sie gut gepflegt und vor der Abholung ein letztes Mal gewaschen. „Das ist nicht immer der Fall“, sagt Torsten Schäper. Es komme immer auf die individuelle Situation und Lebensumstände an. Bei Alleinlebenden käme es schon mal vor, dass sie wochenlang unentdeckt in ihrer Wohnung lägen. Manchmal würde der Magen noch Speisereste enthalten, die beim Drehen des Leichnams als Erbrochenes aus dem Mund kommen. Vereinzelt wäre der Leichnam „vollgekotet“. Die Reinigung des Körpers werde aufwendiger. Er erwähnt den Absaugschlauch.

Um die Haare zu waschen, wird der Leichnam ein Stück nach hinten gezogen, sodass der Kopf über dem Rand des Waschtisches hängt. Marko Lau hält die Verstorbene von hinten und stützt mit dem Knie ein kleines Plastikbecken, während Torsten Schäper mit dem Duschkopf die Haare wäscht, das Shampoo einmassiert und wieder ausspült. Dann schieben sie den Leichnam wieder zur Gänze auf den Tisch und legen den Kopf auf der Stütze ab. Schäper föhnt und kämmt das Haar fürsorglich.

Dann wieder DWD. Der Leichnam wird zum zweiten Mal vollständig desinfiziert. Die Frage, ob sie der tägliche Umgang mit den Verstorbenen persönlich belaste, verneinen die beiden. „Höchstens, wenn es jemand ist, den ich aus meinem Ort kenne“, sagt der Friedländer Schäper. Er erzählt von einem Fall, in dem der Vater eines Freundes ihn gebeten hatte, nach dem Tod persönlich die Bestattung durchzuführen. „Das ist natürlich etwas anderes und geht einem schon teils nahe.“

Ein natürliches Aussehen für den Abschied

Es folgt die Ligatur. So wird der Vorgang genannt, bei dem der Mund mittels Nadel und Faden fachmännisch verschlossen wird. Mit einer langen gekrümmten Nadel sticht Torsten an der Unterseite durch das Kinn, zieht diese samt Faden durch den Kiefer, den Mund bis zur Nasennebenhöhle und zurück. Zum Schluss ist kein Faden mehr zu sehen, er verschwindet im geschlossenen Mund. Weil die Verstorbene keine eigenen Zähne mehr besitzt, greift Schäper jetzt nach einer kleinen Metallschachtel. Er zieht eine Mundschiene heraus und schiebt sie zwischen die Lippen, über das Zahnfleisch, drückt sie solange zurecht, bis sie perfekt sitzt. Anschließend kümmern sich die Männer um die eingefallenen Augen. Zwei durchsichtige Kappen werden sanft unter die Augenlider geschoben, um das ursprüngliche Volumen wiederherzustellen. Die Angehörigen sollen die Verstorbene später beim Abschied wie zu Lebzeiten in guter Erinnerung behalten.

Zuletzt wird das Gesicht mit einer speziellen Salbe eingecremt. Ein Ohr, das sich bläulich-rot verfärbt hat, wird mit der Salbe massiert, bis es wieder eine natürlichere Farbe annimmt. Geschminkt werden die Frauen nur, wenn dies zu Lebzeiten zum natürlichen Erscheinungsbild gehört habe, so Schäper. Er habe mittlerweile Übung im Schminken. Den Lippenstift aufzutragen sei nicht so viel anders, man müsse lediglich die Lippen ein wenig zusammenrollen, um die Farbe gleichmäßig zu verteilen. Manchmal gäbe es als Vorlage ein Foto aus Lebzeiten, wenn dies von den Angehörigen gewünscht wird.

Behutsam kleiden die beiden Männer die Verstorbene wieder an. Die Angehörigen haben frische Kleidung gebracht, aber ein Unterhemd vergessen. Ob sie noch ein Unterhemd da hätten, fragt Schäper und verschwindet dann kurz. Er hat eines im Lager gefunden. Marko Lau schneidet es passend zurecht. Als die Dame angezogen ist, folgt ein prüfender Blick. Die beiden Bestatter sind zufrieden mit ihrer Arbeit. Ein natürliches Aussehen für den Abschied mit den Angehörigen.

Sarg mit Kissen und Decke hergerichtet

Der Sarg wird jetzt wieder neben den Waschtisch gerollt. An den Holzrahmen wird eine festliche Banderole getackert. Zwei Metall-Elemente werden unter den Körper geschoben und dort zusammengefügt. Eine mobile Schaufel-Trage, um den Körper behutsam zurück in den Sarg zu legen. „Die Schaufel-Trage ist eine enorme Erleichterung für uns“, sagt Schäper. Der Sarg wird mit Kissen und Decke hergerichtet. Ein paar Plastik-Decken werden extra am Fußende aufgeschichtet. „Für die Optik“, erläutert er, „damit das Fußende gleichmäßig und nicht eingefallen ist.“ Eine Decke wird über die Verstorbene gezogen. Nur der Oberkörper schaut noch heraus. Die Hände liegen gefaltet auf der Decke. Die Frau wirkt friedlich in ihrem Sarg. Nach etwas mehr als einer Stunde ist die Verstorbene für die Abschiedsfeier vorbereitet und der Hygieneraum wird gründlich gereinigt.

Marko Lau und Torsten Schäper schieben den Sarg in den Abschiedsraum, wo er auf einem kunstvoll gestalteten, hölzernen Halbbogen aufgebahrt wird. In weniger als einer Stunde werden die Angehörigen eintreffen, um Abschied zu nehmen. Jeder erhalte so viel Zeit, wie er brauche. Manch einer würde nur zehn Minuten bleiben, andere fünf Stunden, erklärt Wilhelm Beier (33), einer der drei Söhne von Bestattungsunternehmerin Doreen Peter.

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