Neubrandenburgs Fußball-Pelé

Die schönste Zeit des Souleymane Chérif

Benjamin Unger und Matthias Hufmann nahmen sich der Geschichte des einzigen schwarzen Fußballspielers im DDR-Fußball an. Am Donnerstag war in Neubrandenburg Weltpremiere ihrer Doku.
Dennis Bacher Dennis Bacher
Das Aufstiegsspiel gegen Cottbus 1964 war Pelés letztes Spiel für den SCN. Weil er Ausländer war, durfte er sein Team nicht in die Oberliga begleiten.
Das Aufstiegsspiel gegen Cottbus 1964 war Pelés letztes Spiel für den SCN. Weil er Ausländer war, durfte er sein Team nicht in die Oberliga begleiten. Archiv
Aufstiegshelden: Die ehemaligem Mitspieler vom SCN wollten die Dokumentation über ihren Pelé nicht verpassen.
Aufstiegshelden: Die ehemaligem Mitspieler vom SCN wollten die Dokumentation über ihren Pelé nicht verpassen. Dennis Bacher
Die Autoren Matthias Hufmann, Benjamin Unger und Redakteurin Maren Höfl machten Chérif in Guinea ausfindig.
Die Autoren Matthias Hufmann, Benjamin Unger und Redakteurin Maren Höfl machten Chérif in Guinea ausfindig. Dennis Bacher
Souleyman Chérif (hintere Reihe, Dritter von rechts) zu erfolgreichen Zeiten mit der SCN-Mannschaft.
Souleyman Chérif (hintere Reihe, Dritter von rechts) zu erfolgreichen Zeiten mit der SCN-Mannschaft. Archiv
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Neubrandenburg.

„Guinea ist mein Vaterland – Deutschland mein Mutterland!“ Ein Lachen geht durch das Publikum. Nur wenig später muss sich mancher Zuschauer eine Träne von der Wange wischen. Es waren emotionale 30 Minuten. Der Kinosaal im Neubrandenburger Lichtspielhaus Cinestar war am Donnerstagabend nahezu bis zum letzten Sessel gefüllt. Die, die gekommen waren, wollten sich nicht entgehen lassen, was da über die Leinwand flimmerte. Viele ehemalige Fußballbekannte der Viertorestadt waren unter den Gästen. Selbst die guineische Unesco-Botschafterin gehörte zum Kinopublikum. Alle waren sie gekommen, um der einmaligen Geschichte eines alten Bekannten zu frönen. Der Geschichte von Souleymane Chérif. Ein Fernseh-Team vom NDR hat den einzigen schwarzen Spieler des DDR-Fußballs in seinem Heimatland Guinea und seine ehemaligen SCN-Kameraden in Neubrandenburg besucht.

Anfang der 1960er-Jahre als Student in die DDR gekommen, schoss Chérif den SCN 1964 mit spektakulären Hackenschlägen und Fallrückziehertoren in die höchste Spielklasse. Doch dort durfte er selbst nie spielen, denn der DDR-Fußballverband hatte ein Verbot für Ausländer in der Oberliga erlassen. „Mit ihm wären wir nicht wieder abgestiegen“, ist sich Peter Krabbe im Nachhinein sicher. Wie auch Krabbe hatten die meisten der SCN-Kameraden von damals die Filmemacher mit Bildaufnahmen und Zeitungsausschnitten beliefert, doch gesehen hatten sie den fertigen Film bis zur Premiere noch nicht.

Von einem Wiedersehen geträumt

„Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter – im positiven Sinne!“, erzählt der 80-jährige Harry Mehrwald im Anschluss an die Vorführung. „Es war sehr emotional“, fügt Jürgen Schröder gerührt an. Beide waren wichtiger Bestandteil der SCN-Truppe, die in der Fußball-Saison 1963/64 den Aufstieg packte. Eine unvergessliche Zeit in Neubrandenburgs Fußball-Historie. „Wir hatten eine tolle Mannschaft. Keinen dabei, der abhob“, erzählt der ehemalige Verteidiger Mehrwald, der im Aufstiegsjahr in allen 30  Partien auf dem Platz stand. Einer der Helden von damals fehlte bei der Weltpremiere im Kino aber gewiss. Publikumsliebling Souleymane Chérif aus Guinea – Pelé genannt.

Trotz aller Freude über die Erinnerung wirkte Jürgen Schröder am Ende gar ein wenig enttäuscht. Sein leiser Traum vom Wiedersehen mit dem alten Sturmpartner hatte sich nicht erfüllt. „Ich habe bis zuletzt ein kleines bisschen auf die Überraschung gehofft, Souleymane heute wieder zu treffen“, gab er am Donnerstag zu. Nachdem Pelé den Schritt in die Oberliga wegen der irrsinnigen DDR-Statuten nicht mitgehen durfte, wechselte er 1964 zunächst für eine Saison zur BSG Empor Neustrelitz, und verschwand dann zurück in die Heimat. Weder Schröder noch sonst einer seiner Mitspieler hat ihn seitdem wiedergesehen.

Laut Benjamin Unger, der den Film „Pelé aus Neubrandenburg“ gemeinsam mit Matthias Hufmann auf die Beine stellte, ist tatsächlich versucht worden, Chérif für die Premiere des Films nach Neubrandenburg zu bringen. Gelungen ist es nicht. Pelé ist in seinem Heimatland Guinea ein viel beschäftigter Mann und nach wie vor umjubelte Prominenz. So zu sehen in der Dokumentation: Als er in Hemd und Schildmütze gemeinsam mit dem Filmteam auf dem Marktplatz der Hauptstadt Conakry auftaucht, scharen sich die Leute um ihn, wollen den grinsenden Mann berühren, der ihr Land bei seiner einzigen Olympiateilnahme 1968 vertreten hat. Sie rufen auf französisch: „Ballon d’Or, Ballon d’Or!“ Es bedeutet: „Goldener Ball“ – die Trophäe, die dem besten Fußballer Afrikas verliehen wird. Ein Titel, der Souleymane Chérif 1972 zuteil wurde. „Da war nix gestellt, die Leute haben sich wirklich so sehr gefreut, Chérif zu sehen“, erzählt Filmemacher Hufmann. „Nicht Platini, nicht Maradona. Es ist Souleymane Chérif“, sagt ein guineischer Nachwuchskicker in die Kamera.

Geschlossen eine Reise nach Guinea?

Unger und Hufmann begleiteten Chérif eine Woche lang. Sie wohnten bei ihm und seiner Frau zu Hause, aßen mit ihnen zu Abend. An den Wänden Fotos der Aufstiegsmannschaft. „Während unseres Aufenthalts war er unglaublich zuvorkommend, hat alles selbst geplant und organisiert“, erzählt Unger. Vor und nach dem Treffen war der Kontakt nach Westafrika jedoch problematisch. „Chérif hat einen Posten bei der Fifa inne. Außerdem trainiert er guineische Juniorenfußballer. Er ist wahnsinnig beschäftigt.“ Als vergangenes Jahr endlich ein Termin feststand und ein Flug nach Conakry gebucht war, habe das Treffen eine Woche vor Abflug abgeblasen werden müssen. „Wieder irgend ein Ding mit der Fifa“, erzählt Benjamin Unger.

Doch die vielen Mühen haben sich gelohnt. Das Filmteam hat es geschafft, Souleymane Chérif über 50 Jahre nach dem sensationellen Aufstieg in Guinea ausfindig zu machen und zu besuchen. Als ihm am Ende des Films eine Videobotschaft seiner Kameraden vom SCN übermittelt wird, muss Chérif weinen. „Die Zeit in Neubrandenburg war für mich die schönste Zeit“, sagt er. Das können seine Freunde aus Neubrandenburg nur bestätigen. Auch wenn sie letztendlich nur zwei gemeinsame Jahre hatten, vermissen sie ihren Pelé. Noch einmal auf den Fußballplatz zu gehen, um mit Pelé zu kicken, das können sich Schröder und Mehrwald aber nicht mehr vorstellen. „Mittlerweile steckt doch das ein oder andere Ersatzteil in einem“, lächelt Mehrwald. Doch die Frage, ob sie Souleymane Chérif irgendwann in Guinea besuchen wollen, verneinen beide nicht.

Der Film „Pelé aus Neubrandenburg“ ist am Sonntag um 23.35 Uhr im NDR zu sehen.

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