Meissner Porzellan

Die verschwundenen Kunstschätze von Neubrandenburg

Die Geschichte der alten Neubrandenburger Kunstsammlung wirkt abenteuerlich. Der größte Teil der Schätze ist seit 1945 verschollen. Einige sind wieder zu besichtigen.
„Das Opfer der Treue” von Johann Daniel Schöne ist die vorerst letzte rekonstruierte Meissener Plastik. Links
„Das Opfer der Treue” von Johann Daniel Schöne ist die vorerst letzte rekonstruierte Meissener Plastik. Links die zusammengesetzten, ursprünglichen Teile. Rechts die restaurierte Plastik mit den neuen Teilen in weiß. Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH, Sven Drigalla
Scherben über Scherben wurden 2006 bei den Ausgrabungen auf dem Markt für die Tiefgarage sichergestellt.
Scherben über Scherben wurden 2006 bei den Ausgrabungen auf dem Markt für die Tiefgarage sichergestellt. Frank Wilhelm
Die Kunstwissenschaftlerin Elke Pretzel fahndet seit Jahren nach den Schätzen der Kunstsammlung.
Die Kunstwissenschaftlerin Elke Pretzel fahndet seit Jahren nach den Schätzen der Kunstsammlung. Frank Wilhelm
„Wer kauft Liebesgötter? – Die drei Temperamente der Liebe”. Die Plastik von Christian Gottfried J&uuml
„Wer kauft Liebesgötter? – Die drei Temperamente der Liebe”. Die Plastik von Christian Gottfried Jüchtzer, entstanden vor mehr als 200 Jahren, gehört zu den bereits rekonstruierten Stücken. Frank Wilhelm
Das Brandzimmer wird jetzt ergänzt durch das „Weiße Zimmer”, das ebenfalls durch den Papierkünstle
Das Brandzimmer wird jetzt ergänzt durch das „Weiße Zimmer”, das ebenfalls durch den Papierkünstler Simon Schubert gestaltet wird. Stadt Neubrandenburg
Neubrandenburg

Diesen Anruf im Jahr 2006 wird Elke Pretzel wohl ihr Leben lang nicht vergessen. Nichts ahnend saß die Kunstwissenschaftlerin in ihrem Büro in der Neubrandenburger Kunstsammlung, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung ein Archäologe, der an den Ausgrabungen auf dem Marktplatz der Viertorestadt beteiligt war: „Sie müssen schnell kommen, Frau Pretzel!” Als sie das Grabungsfeld, gelegen an der Stargarder Straße, sah, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Das Erdreich war alles weiß. Das mussten die Scherben der am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten Porzellanausstellung der Kunstsammlung sein.”

1920 war die Sammlung in den Südflügel des Herzoglichen Palais gezogen. Bei der Eroberung der Viertorestadt durch die Rote Armee Ende April 1945 war das Palais bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Dabei wurde auch die wertvolle Porzellansammlung, zu der unter anderem etliche Stücke aus der Meissener Porzellanmanufaktur stammten, zu Schutt und Asche.

Weiterlesen: Als im April 1945 ein Feuerinferno in der Innenstadt wütete

Zu DDR-Zeiten hat sich niemand gekümmert

Elke Pretzel arbeitet seit 1988 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunstsammlung. Bekannt war auch schon zu DDR-Zeiten, dass es einst eine wertvolle Sammlung von Gemälden, Grafiken, Skulpturen, Porzellan, historischen Büchern und vielem anderen gab. „Da hat sich aber niemand darum gekümmert.” Als beispielsweise am Markt eine Fernwärmeleitung gebaut und die Fundament für eine Telefonhäuschen gegossen wurde, habe sich wohl keiner Gedanken darüber gemacht, dass sich dort vor April 1945 ein Museum voller Schätze befand. Möglicherweise wurden seinerzeit Porzellenscherben einfach weggebaggert.

Testament im alten Archiv gefunden

Elke Pretzel fing an, in Archiven nach Dokumente zu Kunstsammlung zu forschen, insbesondere nach Inventarlisten. Vergeblich. Bis heute kann niemand genau sagen, wie viele Kunstwerke die Sammlung vor 1945 wirklich umfasste. Trotzdem gelang der Kunstwissenschaftlerin ein Sensationsfund: Sie stieß im Archiv des Neubrandenburger Amtsgerichts auf ein Testament von 1890, mit dem der Maler Henry Stoll die Stadt Neubrandenburg zur Universalerbin seines Kunstbesitzes einsetzte. Das war ein Glücksfall, normalerweise wären Gerichte nicht dazu verpflichtet, Testamente über so einen langen Zeitraum aufzubewahren.

Da die Stadt mit der Übernahme des Eigentums eine Versicherung der Kunstwerke abschloss, wurden die zu diesem Zeitpunkt mehr als 670 Gemälde aufgelistet und geschätzt – darunter waren Werke bedeutender Maler wie Blechen, van Dyck oder Murillo. Damit sind wenigstens von diesen Beständen der Maler und der Bildtitel bekannt, sagte Elke Pretzel. Hinzu kamen aus den Nachlass von Henry Stoll aber außerdem mehrere 1000 Grafiken, kunsthandwerkliche Gegenstände, Stilmöbel und eine Bibliothek mit antiquarischen Ausgaben.

Weiterlesen: Vor 100 Jahren geraubtes Gemälde wieder auf Neubrandenburger Boden

Stadt hatte zwei wichtige Mäzene für Kunst

Im Laufe der Zeit vergrößerte sich die Sammlung noch einmal deutlich. Denn Stoll hatte der Stadt auch die Zinsen seines Kapitalvermögens bis zur Inflationszeit 1923 zum Ankauf zeitgenössischer Kunstwerke vermacht. Und 1911 vermachte ein weiterer honoriger Neubrandenburger der Stadt einen umfangreichen Bestand an Kunstwerken. August Schmidt hatte eine Sammlung zusammengetragen, deren Ruf weit über die Grenzen der Stadt Neubrandenburg hinausreichte, sagt Elke Pretzel. Dazu gehörten unter anderem wertvolle Kupfer- und Stahlstiche mit Werken von Dürer oder Piranesi sowie eben eine Porzellansammlung namhafter Meissener Modelleure des 18. Jahrhunderts.

1920 zog die Städtische Kunstsammlung aus der Höheren Töchterschule in den Südflügel des Herzoglichen Palais, nachdem die Monarchie und damit auch das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz 1918 abgedankt hatte. Als die Niederlage der Nazis im Zweiten Weltkrieg immer mehr absehbar war, haben zahlreiche deutsche Museen ihre wertvollsten Stücke ausgelagert und in Bunker gebracht oder aber aus Sorge vor der anrückenden Roten Armee Richtung Westen transportiert. Betraf das auch die Gemälde der Neubrandenburger Kunstsammlung? Eine Augenzeugin jedenfalls hat Elke Pretzel berichtet, dass die Kunstwerke vor dem Zusammenbruch im April 1945 Richtung Westen abtransportiert wurden. Doch ihre bisherigen Nachforschungen haben nichts ergeben.

Ist die alte Sammlung für immer verschollen?

Ebenso nicht die Meldung von mehr als 1400 Werken aus der Kunstsammlung in der Internet-Datenbank „Lost Art” des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Diese Meldungen erfolgten auf der Grundlage einer 1999 gefundenen unvollständigen Inventarliste, die aber nur einen Bruchteil der Sammlung widerspiegelt. Elke Pretzel geht davon aus, dass sich im Eigentum der alten Neubrandenburger Kunstsammlung zwischen 10.000 und 15.000 Stücke befanden.

Wenigstens wurden 2006 noch die Scherben gefunden, unter denen sich auch etliche Torsi fanden. Mit diesem Fund war das Feuer für die alte Sammmlung in Elke Pretzel endgültig entfacht. Bei einer ersten Ausstellung der Funde 2008/09 wurde die neue Kunstsammlung förmlich überrannt. Dagegen erntete die Kuratorin mit ihrer Idee, Teile des Meissener Porzellans zu restaurieren, nicht nur Beifall. Zu teuer, meinten einige. „Da gab es schon etliche Anfeindungen”, erinnert sich Elke Pretzel. Doch zusammen mit der Direktorin der Kunstsammlung Merete Cobarg setzte sie sich durch.

Opulente Doktorarbeit über „Eine gebrochene Sammlung”

Mittlerweile wurden 17 wunderschöne Plastiken mit Hilfe eines Restaurators der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen restauriert. Spätestens, wenn die Skeptiker diese wieder hergestellten, mehr als 200 Jahre alten figürlichen Plastiken besichtigen, dürfte die Kritik verstummen. Zumal der Kölner Papierkünstler Simon Schubert mit dem „Brandzimmer” einen würdigen Ausstellungsraum schuf. Auf schwarzem Papier scheinen die Flammen noch zu lodern, die die alten Räume der Kunstsammlung vernichtet haben. In Vitrinen lagern Hunderte Scherben verschiedener Porzellanmanufakturen. Sie werden ergänzt durch bereits restaurierte Plastiken sowie größere Bruchstücke, die Torsi.

Die 17. restaurierte Meissen-Plastik steht noch eingepackt auf einem Regal in Elke Pretzels Büro. Ab Donnerstag soll „Das Opfer der Treue” im neuen „Weißen Zimmer” zu sehen sein, ebenfalls gestaltet durch Schuberts Papier-Faltkünste. Der Raum soll „den atmosphärischen und räumlichen Zustand” der Kunstsammlung „vor der Zerstörung zurück in die Gegenwart” holen. Elke Pretzel hat ihre Leidenschaft und ihr Wissen mittlerweile in eine oppulente, unter dem Titel „Eine gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung in Neubrandenburg (1890-1945)“ veröffentlichte Doktorarbeit eingebracht, die 2020 mit dem Annalise-Wagner-Preis ausgezeichnet wurde.

Weiterlesen: Kunstpreis aus Neubrandenburg diesmal für Bildhauerei

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

zur Homepage