COLD CASES

Diese ungelösten Kriminalfälle gibt es in Ost-MV

15 bislang nicht aufgeklärte Tötungsverbrechen machen der Kripo im Osten von MV zu schaffen. Die Akten werden aber auch nach Jahrzehnten nie völlig zugeklappt.
Im Osten Mecklenburg-Vorpommerns gelten noch 15 Tötungsverbrechen als ungelöst.
Im Osten Mecklenburg-Vorpommerns gelten noch 15 Tötungsverbrechen als ungelöst. Marc Tirl
Der Neubrandenburger Kriminalhauptkommissar Olaf Hildebrandt (links) bittet in der TV-Sendereihe „XY ungelöst&rdquo
Der Neubrandenburger Kriminalhauptkommissar Olaf Hildebrandt (links) bittet in der TV-Sendereihe „XY ungelöst” um Hilfe bei der Suche nach Gerda Wiese.
Im August 1994 verschwand Susann Jahrsetz, vier Jahre später wurden ihre sterblichen Überreste gefunden.
Im August 1994 verschwand Susann Jahrsetz, vier Jahre später wurden ihre sterblichen Überreste gefunden.
Im Greifswalder Flüsschen Ryck wurde 2006 die Leiche einer 33-jährigen gefunden, deren Tod noch ungesühnt ist
Im Greifswalder Flüsschen Ryck wurde 2006 die Leiche einer 33-jährigen gefunden, deren Tod noch ungesühnt ist Stefan Sauer
Neubrandenburg ·

Ungläubiges Entsetzen legte sich über die Stadt Neubrandenburg an jenem verhängnisvollen Abend im Oktober 1997, als sich damals – auch ohne Facebook, Twitter und Co. – in Windeseile die Nachricht von dem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter im Süden der Stadt verbreitete. Nur eine Stunde nach dem Überfall erlag ein Mitarbeiter einer Neubrandenburger Sicherheitsfirma, ein 51 Jahre alter Familienvater, seinen schweren Schussverletzungen. Die Beute, Tageseinnahmen eines großen Supermarktes im Neubrandenburger Bethaniencenter in Höhe von 238.000 Mark, ist samt den Tätern bis heute verschwunden geblieben.

Der Fall des erschossenen Wachmanns aus der Vier-Tore-Stadt ist einer von insgesamt 15 noch ungeklärten Tötungsverbrechen im Neubrandenburger Polizeipräsidium, zuständig für den Osten Mecklenburg-Vorpommerns. Aber anders als die Kollegen im Rostocker Präsidium verzichten die Neubrandenburger Kriminalisten auf die Einrichtung einer speziellen Ermittlungsgruppe, die sich ausschließlich um ungelöste schwere Straftaten kümmert.

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Neue Mitarbeiter mit neuem Blick auf alte Fälle

In der Hansestadt besteht die „Cold Case Unit“ (CCU) derzeit aus sechs Mitarbeitern. Sie untersucht Fälle, die mitunter mehr als zwei Jahrzehnte zurück liegen und nie gelöst werden konnten. Aber auch bei der Kripo im Neubrandenburger Präsidium werden solche Akten nie zugeklappt, versichert eine Sprecherin der Polizei.

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Besonders neue Mitarbeiter nehmen sich die alten Fälle regelmäßig vor. Gut möglich, heißt es bei der Kripo, dass die mit einem anderen Blick auf die teilweise lange zurückliegenden Straftaten etwas entdecken, was damals unbeachtet geblieben ist.

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Zu den Fällen, die bis heute als ungelöst gelten müssen, zählt auch das Tötungsverbrechen an der erst zehnjährigen Susann Jahrsetz. Wohl nie mehr kann genau geklärt werden, was sich an jenem späten August-Nachmittag 1994 im Malchiner Wohngebiet Am Zachow zutrug. Drei Kinder spielten hinter dem Neubaublock, zwei von ihnen flitzten bei einsetzendem Regen durch den hinteren Kellereingang ins Haus. Das dritte, Susann, soll angeblich versucht haben, um das Haus herum und durch den Vordereingang ins Trockene zu gelangen.

Leiche von Susann Jahrsetz 1998 gefunden

In der Wohnung ihrer Großeltern ist sie aber nie angekommen. Niemand gab an, das Mädchen gesehen zu haben. Ein Fakt, der die Kriminalisten fast zur Verzweiflung trieb. Die nächsten vier Jahre galt der Fall als Vermisstensache, obwohl die Kripo von einem Tötungsverbrechen ausging. Das Blatt wendete sich erst im August 1998, als Arbeiter in einem Abwasserschacht östlich von Waren die Reste einer Kinderleiche fanden, die sich als die der Susann Jahrsetz erwies.

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Nur wenige Tage danach präsentierten Staatsanwälte und Kripo der Öffentlichkeit den vermeintlichen Täter. Der 31-jährige Hilmar B., früherer Nachbar des Mädchens, sollte der Schuldige sein. Im Visier hatten die Beamten den Mann schon 1994, nur wenige Tage, nachdem Susann verschwand. Nachbar B. war einschlägig vorbestraft. Als 19-Jähriger tötete er 1986 ein 14-jähriges Mädchen und wurde dafür zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt, ohne sie bis zum Ende absitzen zu müssen.

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Das Malchiner Amtsgericht verwarf allerdings 1994 das Begehren der Staatsanwälte nach einem Haftbefehl, das entscheidende Indiz, die Leiche, fehlte damals noch. Nach dem Fund der sterblichen Überreste erlitt die Staatsanwaltschaft eine weitere Niederlage. Das Gericht lehnte eine Eröffnung der Verfahrens ab – mit der Begründung, dass man nach eingehender Prüfung der Ermittlungsergebnisse keinen dringenden Tatverdacht erkennen könne. Und weil es nie eine andere ernsthafte Spur gab, bleibt die Tötung der kleinen Susann wohl ungesühnt.

Tankstellen-Mitarbeiterin spurlos verschwunden

Ein anderer rätselhafter Fall ist die Ermordung der 33-jährigen Sandra R. Die Mutter von zwei Kindern arbeitete in einer Tankstelle in der Nähe des Einkaufszentrums „Elisenpark“ in Greifswald und war dort am 27. April 2006 unter mysteriösen Umständen verschwunden. Um 20.30 Uhr hatte sie den letzten Tankstellenkunden bedient. Als der Sicherheitsdienst um 21  Uhr die Tankstelle „scharf“ schließen wollte, lagen Handtasche und Handy der Frau da, aus der Kasse fehlten einige Hundert Euro, die Videokamera war weggedreht. Die Tankstelle stand offen.

Am nächsten Morgen wurde die Leiche der jungen Mutter mit schweren Stichverletzungen im Fluss Ryck entdeckt. Im Magen der Leiche fanden sich Spuren von K.-o.-Tropfen. Wie der Nordkurier damals schrieb, hatte es beim „ersten Angriff“ der Polizei schwere Pannen gegeben. Vorzeitig wurde der Tatort freigegeben, eine Putzkolonne machte alles sauber – und verwischte möglicherweise wichtige Spuren.

Wer tötete Gundula Jana Klein?

Sechs Jahre zuvor hatte an gleichem Ort die ergebnislose Fahndung nach dem Mörder oder den Mördern einer Studentin die Ermittler an den Rand der Verzweiflung gebracht. Die 24-Jährige Gundula Jana Klein studierte an der Universität Greifswald Romanistik und Sport. Am 15. August 2000 stieg sie gegen 20 Uhr vor der Szenekneipe „PIT“ in den Geländewagen eines Mannes ein. Dann verlor sich ihre Spur.

Erst am 10. September fanden zwei Radfahrer im Wald bei Groß Petershagen die entkleidete Leiche der Studentin. Sie wohnte in einem Zimmer über einer Gaststätte, die damals als Treffpunkt von rechten Schlägern und Rockern stadtbekannt war. Vor ihrem Tod hatte die Studentin von lautstarken rechten Parolen durch Besucher und vergeblichen Beschwerden berichtet. Die Kripo erhielt 700 Hinweise, doch dem Mörder kam sie nicht auf die Spur.

Ebenfalls ungesühnt blieb bisher auch das Verbrechen an der 17-jährige Schwesternschülerin Simone Kohrs, die am 9. Januar 1992 Opfer eines brutalen Mordes wurde. Sie wollte mit dem Bus aus ihrem Heimatdorf Katzenow zurück nach Stralsund fahren und wurde zuletzt an der Bushaltestelle ihres Ortes lebend gesehen. Zeugen sahen die junge Frau in einen Pkw einsteigen. Am Morgen des 10. Januar fand dann ein Lkw-Fahrer die weitgehend entkleidete Leiche der jungen Frau auf einer illegalen Müllkippe in der Nähe von Stralsund. Erste Ermittlungen ergaben, dass die 17-Jährige auf einem Feldweg mit Äther betäubt, vergewaltigt und erdrosselt wurde. Trotz umfangreicher DNA-Tests bei mehreren Tausend Männern der Region konnte der Mörder bisher nicht ermittelt werden.

Tod einer Krankenschwester noch immer ein Rätsel

Ohne offiziellen Abschluss bleibt auch die Fahndung nach Verantwortlichen für den Tod der Anne Stephan. Einem Sammler abgestoßenen Gehörns gelang im März 1994, was ein gutes halbes Jahr vorher 200 Polizisten nicht vergönnt war. Der Spaziergänger fand die sterblichen Überreste der seit dem 20. Juli des Vorjahres vermissten 21-jährigen Krankenschwester und angehenden Medizinstudentin aus Dresden.

Am Rande eines Waldstückes zwischen den Dörfern Holldorf und Blankensee südlich von Neubrandenburg entdeckte der Mann einen menschlichen Knochen. Die eilends herbeigerufene Polizei fand in einem Umkreis von 20 Metern verstreute Skelettteile, Kleidungsstücke und eine Uhr. Der Zahnbefund ergab recht schnell, dass es sich um die Leiche der vermissten jungen Frau handelte. Tragischerweise lag der Fundort nur etwa 300 Meter von der Stelle entfernt, an dem Waldarbeiter im September 1993 das Fahrrad der Anne Stephan entdeckten.

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Vom Rad gezerrt und in den Wald verschleppt

Der späte Fund der sterblichen Überreste brachte der Kripo erhebliche Probleme. Denn auf welche Art die junge Frau ums Leben kam, konnte nicht mehr festgestellt werden. Am 20. Juli 1993 hatten die Eltern Annes zum letzten Mal von ihrer Tochter aus Neustrelitz gehört. Sie war in Oranienburg aus dem Zug und aufs Rad gestiegen, ihr Ziel hieß Ostsee. Der Täter muss Anna überfallen, vom Rad gezerrt und in den dicht bewachsenen Wald verschleppt haben. Die Beamten befragten rund 1000 Einwohner der umliegenden Dörfer, baten die Bevölkerung um Mithilfe.

Lange Zeit war Funkstille. Bis der Hinweis kam, dass am 20. Juli ein dunkler Lieferwagen mit Kofferaufbau den Weg entlanggefahren sein muss. Der Fahrer verwickelte sich in Widersprüche und geriet in Verdacht. Allerdings musste die Kripo diese Version bald aufgeben, aufgrund lückenlos nachgewiesener Zeiten konnte der Fahrer nicht der Täter sein. Ein Mann aus der Umgebung jedoch, einschlägig bekannt wegen sexueller Belästigungen, kann heute nicht mehr befragt werden. Bei einer Schlägerei in Hamburg erlitt er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und gilt seitdem als nicht mehr verlässlich in seinen Aussagen.

Gerda Wiese seit Advent 2015 vermisst

Ein Beispiel noch, dessen Unbegreiflichkeit noch nicht so lange herrührt. Immer noch ungeklärt ist auch das tragische Schicksal der ehemaligen Lehrerin Gerda Wiese aus Priborn im Süden der Müritzregion. Wie und warum die Rentnerin in der Adventszeit 2015 urplötzlich verschwand, gilt bis heute als eines der größten Geheimnisse in den Fahndungsakten der Kripo.

Mehr zum Thema: Gerda Wiese seit 2000 Tagen spurlos verschwunden

Trotz der intensivsten Suchaktionen in der Polizeigeschichte des Landes und trotz der Dauerpräsenz des Falles in den Medien – unter anderem baten auch die Macher der ZDF-Sendung „XY-ungelöst“ um Mithilfe – bleibt Gerda Wiese verschwunden. Die Fahnder sind längst überzeugt: Bei dem, was damals in Priborn geschah, müsse man wohl von einem Kapitalverbrechen ausgehen.

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