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Über 80 Prozent der Innenstadt Neubrandenburgs wurden durch Kampfhandlungen und Feuer zerstört wie hier in der nördlichen Innenstadt. Walter Martin
Die Neubrandenburger Marienkirche wurde bei dem Stadtbrand schwer beschädigt. In der Folge stürzte das Dach ein.
Die Neubrandenburger Marienkirche wurde bei dem Stadtbrand schwer beschädigt. In der Folge stürzte das Dach ein. Olbrich
Im Hintergrund das Treptower Tor, vorne rechts der Fritz-Reuter-Brunnen, der damals auf dem Marktplatz stand. Viele der Ruinen
Im Hintergrund das Treptower Tor, vorne rechts der Fritz-Reuter-Brunnen, der damals auf dem Marktplatz stand. Viele der Ruinen wurden in den Folgejahren abgetragen. unbekannt
Die Ruine des Palais nach dem Stadtbrand vom 29./30 April 1945, im Hintergrund das zerstörte Kaufhaus Karstadt.
Die Ruine des Palais nach dem Stadtbrand vom 29./30 April 1945, im Hintergrund das zerstörte Kaufhaus Karstadt. Horst Beyerman
Ende des Zweiten Weltkriegs

Ein Feuerinferno wütet in der Neubrandenburger Innenstadt

Am 29. und 30. April 1945 brannte die Innenstadt nieder, viele Menschen starben. Der Einmarsch der Roten Armee war für viele Opfer des NS-Regimes aber auch eine Befreiung.
Neubrandenburg

Neubrandenburg ist bis zu diesem Sonntag im April 1945 von den Kämpfen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont geblieben. 1944 wurde der Flugplatz in Trollenhagen zweimal bombardiert. Doch die Front im Kampf zwischen Roter Armee und der zurückweichenden Wehrmacht rückt vor 75 Jahren immer näher. Tausende Flüchtende drängen in die Stadt sowie versprengte Wehrmacht-Soldaten oder auch ganze Einheiten.

Am Abend des 28. April erreicht Rote Armee die Stadtgrenze

Nüchtern und faktenreich beschreibt Dieter Krüger in seinem Aufsatz „1945: Das Kriegsende in Neubrandenburg und im Kreis Mecklenburg-Strelitz“ die dramatischen Tage kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Vier-Tore-Stadt, an deren Ende hunderte Menschen tot und 80 Prozent der Innenstadt bis auf die Grundmauern zerstört sind.

Am 28. April waren am Vormittag die Geschäfte in der Stadt noch geöffnet. Die Menschen wiegen sich in Sicherheit, schließlich hatte der Stadtkommandant verkünden lassen, dass der Vormarsch des Feindes bei Woldegk gestoppt worden sei. Am frühen Nachmittag mit dem Eintreffen der Kampftruppen der Wehrmacht ergeht dann überraschend die Weisung an die Bevölkerung, die Stadt mit ihren 20.000 Einwohnern umgehend zu verlassen. Panik entsteht, auf den Straßen stauen sich die Kolonnen aus Flüchtlingen und Soldaten. Am Abend erreichen Panzerspitzen der Roten Armee die Stadtgrenze. Vermutlich ihr Feuer aus Panzerkanonen trifft und beschädigt den Turm der Marienkirche.

Eine Gruppe Neubrandenburger unter dem 1933 suspendierten Stadtsyndikus Paul Koch hatte zuvor noch versucht, eine kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee zu erreichen. „Dies ist durch Zeitzeugen belegt“, sagt die Leiterin des Neubrandenburger Stadtarchivs, Eleonore Wolf. Unter anderem wegen der verworrenen Lage waren diese Versuche letztlich aber nicht erfolgreich.

Feuer raste durch die Stadt

Die Hauptkräfte der Wehrmacht hatten am Abend des 28. April eine Verteidigungsstellung im Abschnitt Neuendorf, Weitin und Zirzow bezogen. Die Rote Armee rückte am darauffolgenden Tag von mehreren Stellen auf die Stadt vor, vereinzelter Widerstand brach schnell zusammen. Gegen Mittag eröffnete nach Darstellung von Dieter Krüger die deutsche Artillerie den Beschuss des westlichen Stadtgebietes. Um die Weitiner Höhe entbrannte ein Kampf, der in den Morgenstunden des 30. April mit der Besetzung durch die Rote Armee endete.

Damalige Zeitzeugen berichteten von Brandlegungen am 29. und 30. April in der Innenstadt. Das Feuer raste in der Nacht und am folgenden Tag durch die Stadt. Wie viele Menschen in ihren Kellern erstickten, konnte nicht abschließend geklärt werden. Plünderungen, Totschlag und Vergewaltigungen ließen viele Menschen am Sinn des Weiterlebens zweifeln, sodass sie keinen anderen Ausweg als den Freitod für sich und ihre Familie sahen. Insgesamt geht die Forschung von rund 300 Suizidopfern im Frühjahr 1945 in Neubrandenburg aus.

Die Lager für alliierte Kriegsgefangene in Fünfeichen wurden laut Zeitzeugen von damals schon vor der Einnahme der Stadt friedlich übergeben. Hier unterhielten die Sowjets später von 1945 bis 1949 das NKWD-Lager Nr. 9 Fünfeichen, in dem über 5000 zumeist unschuldige Menschen ums Leben gekommen waren.

Die beiden Außenstellen des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück im Nemerower Holz und der Ihlenfelder Straße, in denen bis zu 7000 Häftlinge Zwangsarbeit verrichten mussten, waren vor Einnahme der Stadt von der SS geräumt und die verbliebenen Insassinnen auf Todesmärsche geschickt worden. Ihrer soll am Mittwoch mit individuellen Blumenniederlegungen am Gedenkort „Trauernde“ zwischen Wall und Franziskanerkloster gedacht werden.

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