Jürgen Harder (Mitte) überreichte am Dienstag das Straßenschild mit dem Namen seines Bruders an den Chef des O
Jürgen Harder (Mitte) überreichte am Dienstag das Straßenschild mit dem Namen seines Bruders an den Chef des Oststadt-Vereins Thomas Möller (links). Mit dabei: der Autor des Harder-Buchs, Helmut Borth. Thomas Beigang
Geschenk für Verein

Ein Straßenschild aus DDR-Zeiten kehrt zurück nach Hause

Der Bruder eines Mannes, der einst mit einem Straßennamen geehrt und nach der Wende der Vergessenheit preisgegeben wurde, hat die Emaille-Tafel an den Oststadt-Verein übergeben.
Neubrandenburg

Das Geschenk ist eingewickelt in eine alte Decke, dem soll nichts passieren. Schließlich hat das Stück Blech schon mehr als 50 Jahre auf dem Buckel und fünf Jahrzehnte gehen auch an einem emaillierten Straßenschild nicht spurlos vorbei. Eine Ecke ist bereits abgeblättert, eine andere rostig. Aber vielleicht wäre der Zustand des betagten Straßenschildes noch viel schlimmer, wenn es durchgehend seinen Dienst verrichtet hätte.

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Nach der Wende für Bischof entschieden

Durfte es aber nicht. 1991 beschlossen die frei gewählten Stadtvertreter in Neubrandenburg die Umbenennung der Günter-Harder-Straße. Die allererste Straße im größten Stadtteil der Vier-Tore-Stadt, wo 1970 der Grundstein für die Oststadt gelegt wurde, sollte nach dem Willen des kommunalen Parlaments künftig Nils-Stensen-Straße heißen. „Den Namen kannte und kennt doch kein Mensch“, schüttelt Thomas Möller, der rührige Vorsitzende des Neubrandenburger Oststadt-Vereins, den Kopf. Der einstige Weihbischof Niels Stensen (1638-1686) habe doch mit Neubrandenburg „gar nichts zu tun“.

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Junger Seepolizist mit Zivilcourage

Schon im vergangenen Jahr regte Möller daher an, die Stensen-Straße wieder in Günter-Harder-Straße umzubenennen und übermittelte den Vorschlag allen Fraktionen der Stadtvertretung – die tun sich aber mehrheitlich noch schwer mit der Idee. Der 19  Jahre alte Seepolizist war am 24.  März 1951 in Neubrandenburg bei einer Festnahme erschossen worden. Günter Harder habe Zivilcourage bewiesen, als er half, Verbrecher zu stellen, sei aber kein Genosse gewesen, wie eine jüngste Publikation („Totgeschwiegen“) von Autor Helmut Borth zeige, sagte Thomas Möller.

Anwohner übergaben Schild der Mutter

Auch wenn es seit 1991 keine Harder-Straße mehr in Neubrandenburg gab – das Straßenschild wurde gerettet. Anwohner sicherten es sich vor 31 Jahren und übergaben es der Mutter des ermordeten Polizisten, die zu DDR-Zeiten eine kleine Wohnung in der Harder-Straße bewohnte. Nach deren Tod fand das Schild seinen Platz bei Jürgen Harder.

An Verein überreicht

Der jüngere Bruder des früher Hochgeehrten ist am Dienstag aus Ribnitz-Damgarten in die alte Heimat zurückgekommen („Meine Klasse vom Abschlussjahrgang 1956 trifft sich, wir feiern 66 Jahre Abitur.“) und hatte das Straßenschild im Kofferraum. Bekommen soll es Thomas Möller, dessen Verein im Lindetalcenter eine Dauerausstellung zur Geschichte der Oststadt unterhält. Hier soll die blecherne Erinnerung an die Günter-Harder-Straße einen würdigen Platz erhalten. Vielleicht hat Möller sogar noch mehr vor mit dem Schild. Die Idee will der 61-Jährige aber noch für sich behalten, der Überraschung wegen.

Interesse freut die Familie

Jürgen Harder freut sich über das wiedererwachte Interesse am Schicksal seines Bruders. „Die Familie hat sich früher ja nie in den Vordergrund gedrängt, wir hatten keine Wahl, was mit der Erinnerung an meinen Bruder gemacht wurde.“ Um so schöner, dass dieser trotz der speziellen Geschichtsbewältigung von 1991 nicht völlig in Vergessenheit geraten sei.

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