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Eine Umarmung auf dem Dach der Welt

VonMichael Ossenkopp„Der kälteste und einsamste Platz der Welt“. So be- schreibt ein Bergsteiger, der da gewesen ist, den Ort hoch oben auf dem Mount ...

Edmund Hillary und Tensing Norgay (rechts und Bild unten) bezwangen als erste den Gipfel.  FOTOs: Royal Geographical Society

VonMichael Ossenkopp

„Der kälteste und einsamste Platz der Welt“. So be- schreibt ein Bergsteiger, der da gewesen ist, den Ort hoch oben auf dem Mount Everest. Der Weg zum Gipfel kostete inzwischen viele Menschen das Leben.

Neubrandenburg.„Auf der Schneefläche angekommen gab es nichts als Luft – in jeder Richtung. Mit ungeheurer Befriedigung stellten wir fest, dass wir auf dem höchsten Punkt der Erde standen. “ So beschrieb der Neuseeländer Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest vor 60 Jahren.
Gemeinsam mit Tensing Norgay hatte er den internationalen Wettlauf um den höchsten Ort der Erde gewonnen. Der Mission war eine monatelange Planung von Expeditionsleiter Oberst John Hunt vom britischen Himalaya-Komitee vorausgegangen. In Unterdruckkammern der Royal Air Force hatte er das Equipment ebenso getestet wie unter hochalpinen Bedingungen in der Schweiz.
Der Aufstieg durch das Hochland von Nepal beginnt im März 1953 mit 350 Trägern und 13 Tonnen Ausrüstung – unter anderem 180 Sauerstoffzylinder, Kocher, Zelte sowie Metallleitern. Sherpas, die einheimischen Träger, schleppen das Material ins Basislager in 5400 Metern Höhe. Unterhalb des Khumbu-Gletschers errichtet die Karawane am 17. April Zelte, einige Bergsteiger beginnen mit dem weiteren Aufstieg und bereiten zusätzliche Lager vor.

Hillary und Norgay
nur zweite Wahl
Der 33-jährige Hillary ist Bergsteiger aus Leidenschaft, von Beruf Imker. Der gebürtige Nepalese Norgay kennt die Region wie kaum ein anderer und ist von dem unbändigen Willen beseelt, eines Tages auf dem Gipfel des Everest zu stehen. Am 25. April wird der Khumbu-Eisbruch, eine rund 700 Meter hohe Wand aus Eistürmen, von einer 52 Mann starken Expedition in Angriff genommen.
Im Lager 4 in 6400 Metern Höhe entscheidet Hunt am
7. Mai, dass Charles Evans und Tom Bourdillon vom Südsattel aus den Gipfel in Angriff nehmen. Sollten sie es nicht schaffen, würden Norgay und Hillary als zweites Gipfelteam aufbrechen. Eisige Windböen mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad pfeifen um die Felsen.

Aufstieg vernebelt
nach und nach die Sinne
In Höhen oberhalb von 7500 Metern spricht man von der „Todeszone“. Das heißt, selbst in Ruhepausen baut der Körper kontinuierlich ab und eine dauerhafte Regeneration findet nicht mehr statt. Mehr als zehn bis 15 Schritte ohne Rast sind unmöglich. Die Sauerstoffaufnahme beträgt im Vergleich zum Meeresniveau nur noch ein Drittel. Ein Aufstieg in diesen Regionen wird zur Tortur, die Sinne sind benebelt. „Ich hatte das Gefühl, an meinem Gehirn sei ein Pressluftbohrer angesetzt“, schilderte Hillary seine Empfindungen.
Am 26. Mai haben Evans und Bourdillon noch 950 Meter vor sich. Tensing und Hillary harren etwas tiefer aus. Die trockene Höhenluft lässt sie nachts husten und an der Steilwand mit einer Neigung von 40 Grad kann ein falscher Schritt tödlich enden.
Gegen 13 Uhr an diesem Tag erreichen Evans und Bourdillon den Südgipfel des Mount Everest, mit 8751 Metern so hoch wie noch niemand zuvor gewesen war. Es sind noch 100 Höhenmeter bis ganz oben, Doch Evans bekommt kaum noch Sauerstoff, weil ein Ventil versagt. Mit letzter Kraft schleppen sich die beiden zurück.
Jetzt schlägt die Stunde von Hillary und Tensing. Trotzdem überkommen sie Zweifel. Im höchstgelegenen Camp der Menschheit in 8500 Metern Höhe sorgen sich die beiden am 28. Mai um den Sauerstoffvorrat. Für die Nacht bleiben nur drei statt der ursprünglich vorgesehenen vier Liter pro Minute. Um vier Uhr morgens öffnet Hillary das Zelt: klarer Himmel, minus 27 Grad, ideales Wetter.
Sie schnallen sich ihre Sauerstoffflaschen auf den Rücken, setzen ihre Gletscherbrillen auf. Mit dem Eispickel schlagen sie Stufe um Stufe. „Es schien ewig so weiterzugehen, und wir waren müde und bewegten uns schon langsamer. In der Ferne breitete sich die kahle Hochebene Tibets aus. Ich blickte nach rechts oben und sah eine schneeige Wölbung. Das musste der Gipfel sein“, erinnerte sich Hillary später.
Alle Anstrengung fällt von ihnen ab. „Als Erstes nahmen wir die Sauerstoffmasken ab. Tensing warf seine Arme um meine Schultern und umarmte mich.“ Auf dem Gipfel bleiben sie 15 Minuten. Acht Stunden später sind sie zurück auf dem Südsattel, wo die Expeditionskollegen erwartungsvoll ausgeharrt haben. Hillary sagt selbstbewusst: „Wir haben den Bastard letztlich doch bezwungen.“ Die Nachricht vom Gipfelsieg wird bis zum 2. Juni, dem Krönungstag von Queen Elisabeth II., zurückgehalten. Der anschließende Jubel in den Straßen Londons gilt nun nicht nur der neuen Queen, sondern auch den Berghelden. Die Erstbesteigung des Mount Everest wird als Pionierleistung gefeiert.
Bereits 1865 war der bis dahin nüchtern als „Peak XV“ bezeichnete höchste Gipfel im Himalaya nach dem Vermessungsexperten George Everest umbenannt worden. Für die Einheimischen ist er heilig. Nach einer Neuvermessung 1999 wurde seine Höhe von 8848 Metern um zwei Meter nach oben korrigiert.

Wege zum Gipfel
von Leichen gesäumt
Seit 1921 waren rund ein Dutzend Expeditionen am Everest gescheitert. Meist versuchten Briten, das „Dach der Welt“ zu erobern. George Mallory und sein Begleiter Andrew Irvine waren bei ihrem Besteigungsversuch im Juni 1924 bis auf wenige hundert Meter unterhalb des Gipfels gelangt. Mallorys Leiche wurde 1999 gefunden, Irvines sterbliche Überreste gelten als verschollen. Die Antwort auf die Frage, ob sie möglicherweise schon 29 Jahre vor Hillary auf dem höchsten Berg der Welt standen, bleibt dennoch Spekulation.
1975 bezwang als erste Frau die Japanerin Junko Tabei den Riesen. 1978 kletterten die Tiroler Alpinisten Reinhold Messner und Peter Habeler erstmals ohne Sauerstoffflaschen auf den Berg. Zwei Jahre später gelang Messner vom Nordosten aus die erste Alleinbesteigung. Prognostizierte Hirnschäden beim Gang ohne zusätzlichen Sauerstoff blieben angeblich aus, wenn auch Messner den sagenumwobenen Yeti gesehen haben wollte.
Schaurigerweise sind die Aufstiege an den Hängen des Mount Everest inzwischen von 120 Leichen gesäumt. Denn eisige Temperaturen konservieren die toten Körper. Insgesamt starben am Bergbisher etwa 250 bis 300 Menschen.