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„Erstes kommunales Großprojekt“

Grabungsleiterin Verena Hoffmann hatte schon während der Ausgrabungen auf dem Marktplatz den Neubrandenburgern bei einer öffentlichen Führung erste Ergebnisse vorgestellt. [KT_CREDIT] FOTO: NK Archiv

VonAndreas SegethWann wurde das erste steinerne Neubranden- burger Rathaus, das sogenannte Schohus, denn nun gebaut? Die einstige Grabungsleiterin Verena ...

VonAndreas Segeth

Wann wurde das erste steinerne Neubranden- burger Rathaus, das sogenannte Schohus, denn nun gebaut? Die einstige Grabungsleiterin Verena Hoffmann verteidigt ihre These, dass es bereits um 1260/1265 entstand.

Neubrandenburg.Der Leiter der jetzigen Grabungen am HKB, Jörg Ansorge, ist sich nach Auswertung der verschiedenen Erdschichten sicher, dass das Schohus erst zwischen 1270 und 1290 gebaut wurde. Das berichtete der Nordkurier vor gut zwei Wochen im Zuge einer Reportage über die neuesten Ausgrabungen an der HKB-Baustelle im Herzen der alten Innenstadt.
Das widerspricht allerdings den Erkenntnissen von Verena Hoffmann, die die große Marktplatzgrabung von 2006 bis 2008 geleitet hatte und damals das erste steinerne Rathaus der Stadt auf 1260/65 datierte. Zu diesem Thema hatte sie auch ihre Doktorarbeit geschrieben und erfolgreich verteidigt. Das Thema sei in der Fachwelt mit großem Interesse wahrgenommen worden, teilte sie nun mit. Es wäre schade, wenn in Neubrandenburg jetzt der Eindruck entstünde, dass es Zweifel an der Datierung des ersten Rathausbaus gäbe. Dem Kollegen Jörg Ansorge sei allerdings kein Vorwurf zu machen – als promovierter Geologe sei er ein Quereinsteiger in der Archäologie, schrieb sie.
2006 habe sich in Neubrandenburg vor dem Bau einer Tiefgarage die äußerst seltene Chance ergeben, einen Marktplatz vollständig archäologisch zu untersuchen. Damals sei es trotz des enormen Baudrucks mit großem personellen Aufwand gelungen, den Marktplatz per Hand Schicht für Schicht mit einem hohen wissenschaftlichen Standard auszugraben und unmittelbar anschließend im Rahmen einer Dissertation auszuwerten.
Besonders wegen der Aufseh enerregenden Ergebnisse zur Stadtentstehungsgeschichte genieße die Neubrandenburger Marktplatzgrabung in Fachkreisen höchstes Interesse, so Hoffmann. Vor allem der erste steinerne Rathausbau wurde bereits bei internationalen Fachtagungen und aktuell in der Fachzeitschrift „Archäologie“ vorgestellt. Anfang Februar habe sie im Rahmen eines Vortrags im Stadtarchiv auch den Neubrandenburgern „ihren“ besonderen Rathausbau nahe gebracht (der Nordkurier berichtete).
Sollte nun der Eindruck entstanden sein, es gebe Zweifel an der Datierung des Gebäudes, könne sie die Neubrandenburger „beruhigen“: Der Baubeginn für Neubrandenburgs ersten steinernen Rathausbau falle in die Zeit um 1260/65, erklärt Verena Hoffmann. Das belege die komplexe Auswertung der Schichtenabfolge und die detaillierte bauarchäologische Analyse der Gebäude, die von ihr mit großer Sorgfalt erarbeitet worden sei.
Die von Jörg Ansorge jetzt vorgestellten Planierschichten seien auch bei der Marktplatzgrabung von 2006 bis 2008 erfasst und großflächig untersucht. Hier handelt es sich tatsächlich um Erdreich, das im Zuge der Errichtung der Handelsgroßgebäude auf der Osthälfte des Marktplatzes anfiel, Funde aus der Zeit „um 1270 bis um 1310/20“ enthielt und im Rahmen von großangelegten Planiermaßnahmen vor der Versiegelung des Marktplatzes mit einer Pflasterung Anfang des 14.Jahrhunderts über den Platz verteilt wurde.
Den Anfang dieser ersten kommunalen Großbaumaßnahme markiere jedoch die Errichtung der Kellerhalle des steinernen Rathauses, deren Baugruben noch unter den beschriebenen Schichten liegen, also etwas älter sind. Da die Baugruben des Rathauses den in diesem Bereich erfassten stadtgründungszeitlichen Markthorizont aus der Zeit „um 1250/55“ schneiden, also jünger sind und zudem Keramik aus der Zeit „um 1260/65“ enthalten, dürfte es an der Datierung des Baubeginns „um 1260/65“ keinen Zweifel geben. Es handele sich also eher um ein Missverständnis als um einen „Wissenschaftlerstreit“ – zumal bei der Notbergung am HKB zurzeit weder der mittelalterliche Rathausbau noch unmittelbar angrenzende Bereiche untersucht werden. Das geschah 2006/2007, dort befindet sich jetzt die Tiefgarage.
Das zurzeit am HKB erfasste dritte Großgebäude nördlich des Rathauses und seine Umgebung sei tatsächlich als letztes der vier Gebäude ganz am Ende dieser hochmittelalterlichen Großbaumaßnahme entstanden, welche die Osthälfte des Marktplatzes zwischen „um 1260/65“ und „um 1310/20“ in eine Großbaustelle verwandelte.
Dass Jörg Ansorge nun trotz der ungleich schlechteren Voraussetzungen – bei der aktuellen Maßnahme am HKB handelt es sich um eine mit ganz geringen Personalaufwand mit Bagger unter extremem Zeitdruck und widrigen Witterungsbedingungen durchgeführte Notbergung – die späte Datierung des dritten Großgebäudes bestätige, sei sehr erfreulich. Da sei ihm der kleine Fauxpas, den von ihm beobachteten Ausschnitt auf den gesamten Marktplatz und seine komplexe Schichtenabfolge zu übertragen, „verziehen“, so Verena Hoffmann.

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