Der FC Motor Süd Neubrandenburg gilt als gute Adresse für Flüchtlinge, die Fußball spielen möchten.
Der FC Motor Süd Neubrandenburg gilt als gute Adresse für Flüchtlinge, die Fußball spielen möchten. ZVG
Fußball

FC Motor Süd startet bei EM für Flüchtlingsmannschaften

Der Deutsche Fußball-Bund hat den Neubrandenburger Verein als seine Auswahl für die Teilnahme an einem besonderen Europa-Turnier im schweizerischen Nyon auserkoren.
Neubrandenburg

Sie haben im Fußball schon eine Menge erlebt, die Macher vom FC Motor Süd Neubrandenburg. Nun aber zur Auswahl-Mannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erkoren zu sein und als solche bei einem europäischen Turnier starten zu dürfen – das toppt alles Vorangegangene. Vereinschef Ulf Krömer erzählt: „Als der DFB im Februar bei uns anfragte, ob wir uns vorstellen könnten, für Deutschland an dieser Veranstaltung mit Flüchtlingsmannschaften aus ganz Europa teilzunehmen, fragte ich mich: ,Sind die bekloppt? Warum wir?‘ Ich konnte es gar nicht glauben. Es gibt doch wirklich größere Vereine in Deutschland, vor allem im Westen, die sich sehr um Migration bemühen. Aber gleichzeitig war meine Reaktion: Na klar, das machen wir!“ Das sei ja auch eine Ehre und Anerkennung.

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Mittlerweile ist es amtlich: Die Neubrandenburger werden am 29.  Juni bei der „kleinen EM“ dabei sein, die der europäische Fußballverband UEFA und die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen UNHCR gemeinsam im schweizerischen Nyon ausrichten. Die beiden Organisationen laden zu einem Blitzturnier. Acht UEFA-Mitglieder haben zugesagt: aus Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, Malta, Irland, der Schweiz und eben aus Deutschland – der FC Motor Süd also.

40 Prozent der Vereinsmitglieder mit Fluchthintergrund

Solange nichts fest und schriftlich vereinbart war, hieß es für Krömer & Co.: Den Mund halten! „Wir wollten nicht voreilig herausposaunen, was noch in der Schwebe war. Als die Sache dann wasserdicht war, informierten wir unsere Mitglieder. Wie die sich darüber freuten, das werde ich wohl nie vergessen“, so der Vereinsvorsitzende. „Wahnsinn! Wahnsinn! Das war immer wieder zu hören.“

Bei dem Kleinfeld-Turnier für Fußball-Amateure in Nyon, Sitz der UEFA-Schaltzentrale, bestehen die Teams jeweils aus maximal elf Spielern, von denen gut zwei Drittel Fluchthintergrund haben. Sie müssen in ihren Aufnahmeländern anerkannte Flüchtlinge sein und über Flüchtlings-Reisedokumente oder Konventionsreisedokumente verfügen. Gespielt wird mit sechs Feld-Akteuren und einem Keeper, es gibt zwei Vorrunden-Gruppen. Ein Betreuer-Quartett geht gleichfalls mit auf die Reise an den Genfersee.

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Der FC Motor Süd gilt als Fußball-Verein, der sich in der Seenplatte-Region mit am stärksten um Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund bemüht. Stand 31.  Dezember 2021 hatte man 222 Mitglieder, mehr als 40 Prozent davon stammen aus meist fernen Ländern. „24 Nationen sind bei uns vertreten“, erklärt Ulf Krömer. „Wir sind hier eine Adresse für Flüchtlinge, die Fußball spielen möchten. Der Zulauf ist nach wie groß, vor allem im Nachwuchsbereich.“

Verein muss für Abenteuer 3600 Euro aufbringen

Blamieren wollen sich die Vier-Tore-Städter in den knackigen Partien im Nyoner „Stade de Colovray“ nicht. „Wir möchten dort schon erfolgreich sein“, so Krömer. Darum habe es auch keine Diskussionen gegeben, welche drei deutschen Feldspieler ihre Mannschaftskameraden unterstützen sollten. Sebastian Döscher und Lucas Gaede, die in den Torjägerlisten der Kreisoberliga  II und Kreisliga  II ganz oben stehen, sowie Maurice Weber, der Kapitän der „Ersten“.

Mit An- und Abreise dauert das Abenteuer drei Tage. Die UEFA übernimmt die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Transporte vor Ort. Der DFB stellt die Spielkleidung und leistet einen Euro-Anteil für die weiteren Klamotten.

Den großen „Rest“ hat der FC Motor Süd zu berappen. „Die Flüge müssen wir selbst bezahlen. Das sind 3600 Euro“, macht Ulf Krömer klar. Kein Pappenstiel. „Wir sind derzeit auf der Suche nach Sponsoren und Spendern dafür.“ Landessportbund, Landesfußballverband, Kreissportbund, Kreisfußballverband und die Stadt hätten mittlerweile Kenntnis von der aufregenden, aber eben auch finanziell fordernden Unternehmung.

„Die Stadt Neubrandenburg bestätigte uns schon eine Zuwendung. Dafür sind wir dankbar“, sagt der FC-Motor-Süd-Mann. „Wir werden das Neubrandenburger Logo mit auf unsere Sachen bringen, um sichtbar zu machen, woher wir konkret kommen.“ In diesen Tagen fährt Ulf Krömer herum und besucht die Arbeitgeber der Nyon-Fahrer: „Ich bitte für sie um bezahlte Freistellungen für die Tour.“

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