Schwere Vorwürfe
Friedlands Rettungswache in großer Not

Wie groß sind die Sorgen mit der flächendeckenden notärztlichen Versorgung rund um Friedland?
Wie groß sind die Sorgen mit der flächendeckenden notärztlichen Versorgung rund um Friedland?
Patrick Seeger

Wie steht es um die Rettungswache in Friedland? Ein Insider erhebt schwere Vorwürfe hinsichtlich Notarztversorgung. Die Rede ist von übermüdeten Ärzten und vorzeitigen Schichtabbrüchen. Bis zu 72 Stunden werden die Ärzte in Friedland eingesetzt. Die Übermüdung führe zu heiklen Situationen im Notfall. Die Verantwortlichen vom DRK hüllen sich in Schweigen.

Die Zustände, die Klaus Utrecht (Name geändert) beschreibt, geben Anlass zur Sorge. In der Rettungswache Friedland herrsche eine lückenhaft eingesetzte Versorgung mit Notfallärzten. Utrecht, selbst Notfallsanitäter, beschreibt Schichten von 24, 48 und in seltenen Fällen sogar 72 Stunden. „Irgendwann ist das nicht mehr im Interesse des Patienten“, sagt Utrecht und hat auch Beispiele parat. So sei es bei einem Einsatz beinahe zu einer Katastrophe gekommen, als einem Patienten offenbar zu viel eines Medikamentes gegeben worden war. Mit großen Komplikationen für den Patienten. Ein Fehler, der für Utrecht auf die Übermüdung des Notarztes zurückzuführen sei.

Er bekomme die Arbeitsbelastung hautnah mit und wolle einzelnen Ärzten nicht mal einen Vorwurf machen. Zumal er noch einige weitere Mängel bei den Arbeitsbedingungen festgestellt hat. Denn neben dem überbordenden Stundenpensum komme es auch regelmäßig vor, dass Schichten in Friedland gar nicht mit einem Notarzt besetzt werden können. Utrecht, bereits einige Zeit im Rettungsdienst tätig, weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: „Das ganze System ist hochriskant.“

Ein Dienstplan, der dem Nordkurier vorliegt, belegt, was Utrecht sagt. Immer wieder bleiben vereinzelte Schichten unbesetzt, mindestens genauso häufig müssen die eingesetzten Ärzte gleich zwei volle Tage am Stück arbeiten. Verantwortlich für die Stundeneinteilung ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Die Zuständigkeiten dort zu durchschauen, ist jedoch gar nicht so einfach. Während die Rettungswache und die Sanitäter wie Utrecht zum Kreisverband Mecklenburgische Seenplatte gehören, kommen die Notärzte vom DRK-Notärztlichen Dienst MV.

Der Nordkurier befragte die gemeinnützige GmbH mit Sitz in Teterow mehrfach. Eine offizielle Stellungnahme kam trotz Versprechungen über Wochen nicht. Der Landkreis, dem die Aufsicht über die Rettungsdienste obliegt, gibt sich da offener. Es sei durchaus in Einzelfällen vorgekommen, dass Rettungswachen nicht besetzt werden konnten. Beispielsweise bei einer plötzlichen Erkrankung eines Arztes, sagt Ordnungsamtsleiter Peter Handsche. „Eine Nachweisführung oder Statistik liegt uns darüber nicht vor“, fügt er jedoch hinzu. Auf Nachfrage teilt der Kreis außerdem mit, dass kurzfristige Ausfälle immer durch Umsetzungen schnell
kompensiert werden können.

Probleme auch mit Honorarärzten

Eine Antwort, die sich mit den Beobachtungen Utrechts nicht deckt. Zwar sei die Wache nicht von den dort regelmäßig eingesetzten Ärzten abhängig, sondern erhalte auch dank einer Notarztbörse von anderswo Ersatz. Doch auch mit den Honorarärzten gebe es Probleme: „Die kommen aus Berlin oder von noch weiter weg und verlassen die Wache dann teilweise vor Schichtende. Klar, die wollen ja auch nach Hause.“

Auch der Kreis weiß, dass die Honorarärzte aus ganz Deutschland anreisen. „‚Nur, acht Stunden Bereitschaftsdienst wären da nicht sinnvoll“, schreibt er. Aber gleich 48  Stunden? Der Kreis begründet das auch damit, dass es sich lediglich um einen Bereitschaftsdienst handelt und die Dauer von den entsprechenden Vereinbarungen abhängt. „Die Ärzte könnten sich während der Bereitschaft erholen, auch schlafen.“ Für Utrecht ein Spiel auf Messers Schneide. „Alle gehen davon aus, dass es rund um Friedland sowieso nicht so viele Einsätze gibt“, sagt er.

Mitarbeiter dürfen sich nicht äußern

Selbst wenn das statistisch stimme, sei die Wache nicht vorbereitet, sollte es mal zu vermehrten Einsätzen an aufeinanderfolgenden Tagen kommen. Auch das mit dem Schlafen ist nicht immer so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt“, sagt er. Wenn der Alarm geht, schrecken einige Ärzte auch dann hoch, wenn sie nicht für den Einsatz benötigt werden. Doch gerade bei den unbesetzten Schichten fehle ihm die Bereitschaft des DRK, etwas zu ändern. So blieben die Dienste vom
24. und 25. Dezember zunächst unbesetzt. Das DRK schrieb sie für 50 Euro in der Stunde an die Ärzte von der Notarztbörse aus. Festangestellte bekommen nur 35 Euro die Stunde. Als sich weiter kein Mediziner fand, habe sich ein Notfallarzt vom DRK selbst bereit erklärt, die Schicht zu diesen Konditionen anzunehmen. Das wurde abgelehnt. Einem eigenen Arzt diesen Stundensatz zu bezahlen, sei zu teuer. „Dabei ist das Geld da“, sagt Utrecht. Die Kassenärztliche Versorgung, von dem das DRK das Geld für Einsätze erhält, sei es sicher egal gewesen, von wo der Arzt komme, ist sich Utrecht sicher.

Die Mitarbeiter der Wache selbst dürfen sich gegenüber dem Nordkurier übrigens nicht äußern. Utrecht macht es trotzdem, weil er es für notwendig hält, dass die stark verminderte Einsatzbereitschaft aufgrund des Ärztemangels endlich öffentlich wird. Aus Rücksicht auf die Kollegen und das bestehende Arbeitsverhältnis würde er seinen richtigen Namen dennoch lieber nicht lesen. Dem Kreis sind Utrechts beschriebene Missstände – das offenbaren die Antworten Peter Handsches – nicht bekannt. Weder die verfrühte Abreise der Honorarärzte noch eine grundsätzliche verminderte Einsatzbereitschaft in Friedland.

Kommentare (1)

Ich arbeite selbst regelmäßig seit fünf Jahren als Honorar-Notarzt in Friedland. Die Dienste hier stellen einen angenehmen Ausgleich zum Klinikalltag dar, in welchem man stellenweise vierundzwanzig Stunden lang dutzende Patienten behandeln muss. Die höchste Anzahl zu behandelnder Patienten betrug während meiner Dienste hier vier! in 24 Stunden, wobei bei weitem nicht alle Patienten notärztliche Handlungskompetenz verlangten. In der Regel hatte man deutlich weniger zu tun... Das Assistenzpersonal (Rettungsassistenten / Notfallsanitäter) ist eines der besten, welches ich bezüglich der Fachkompetenz und Verantwortungsübernahme deutschlandweit erleben durfte. Friedland ist für mich als Oberarzt einer großen Klinik so etwas wie - verzeihen Sie den Ausdruck - Urlaub vom Krankenhausstreß.... Die Dienstpläne werden online edititiert und lange vor Gültigkeit ausgehangen. Zwei DRK-Mitarbeiter aquieren bis zum Stichtag die fehlenden Mitarbeiter. Und das festangestellte Ärzte aufgrund vertraglicher Regelungen und dem gültigen Arbeitszeitgesetz nicht endlos überpflanzt werden können ist auch nachvollziehbar. Nebenbei ist die Arbeitsstunde eines festangestellten Arztes inklusive Lohnnebenkosten und Zeitzuschlägen sicherlich teurer, als jene eines Honorararztes, bei welchem mit dem pauschalen Stundensatz alles abgegolten ist und der weniger strikten Arbeitszeitbeschränkungen unterliegt. Friedland ist ein Stützpunkt, bei dem ich mich persönlich gut versorgt fühlen würde, wenn ich in seinem Einzugsbereich wohnen würde. VG