Nach Unfall

Gerettetes Rehkitz May schmust mit Bullterriern (Video)

Rehkitz May wurde nach einem Unfall schwer verletzt liegen gelassen. Nun päppelt eine Altentreptowerin sie auf. Sie kennt sich aus mit der Hege von Wildtieren – und züchtet sogenannte Kampfhunde.
Christine Gerhard Christine Gerhard
Rehkitz May schmust mit dem Bullterrier Enigma of the Purple Sunset.
Rehkitz May schmust mit dem Bullterrier Enigma of the Purple Sunset. Christine Gerhard
May wurde nach einem Autounfall einfach liegengelassen.
May wurde nach einem Autounfall einfach liegengelassen. Christine Gerhard
Eine außergewöhnliche Freundschaft.
Eine außergewöhnliche Freundschaft. Christine Gerhard
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Altentreptow.

Marder, Füchse, Lämmer, Hunde, Katzen – Rowena Lux aus Altentreptow hat schon viele in Not geratene Tiere gepflegt. Auch wenn insbesondere die Aufzucht von Wildtieren kräftezehrend ist, „bei solchen Notfällen könnte ich niemals Nein sagen“, erklärt sie. Seit mehr als einer Woche lebt deshalb May bei Rowena Lux. Es ist ihr fünftes Rehkitz.

Eine Bekannte hatte das Tierkind mit einem offenen Bruch auf der Bundesstraße gefunden, wo der Unfallverursacher es hatte liegen lassen. „Viele Leute sind überfordert“, sagt Lux, auch weil der Umgang mit Wildtieren rechtlich sehr schwierig sei. „Selbst darf man das Tier nur zur Seite schieben, mehr nicht“, sagt sie. Ansonsten muss bei einem Wildunfall die Polizei verständigt werden, die an den zuständigen Förster oder Jäger verweisen kann. Mays Finderin aber brachte das Kitz zu Rowena Lux, denn die ist als Anlaufstelle für Tiere in Not bekannt.

„Ich habe schon als Kind alles mit nach Hause gebracht“, sagt Lux. „Und wenn es eine Maus war, die ich der Katze abgenommen habe.“ Seitdem hat sie sich viel Wissen über die Aufzucht von Wildtieren angeeignet, sich belesen, um Rat und Hilfe gebeten. „Man muss sich informieren“, sagt Lux, zum Beispiel bei der Wildtierhilfe. Blauäugig ein wildes Tier aufzunehmen in dem Glauben, „das schaffe ich schon“, könne fatal sein. Rehe zum Beispiel seien sehr wählerisch und keineswegs Grasfresser: May knabbert an selbst gesammelten Kräutern.

Reh ruft wie ein Baby

Und einem Kitz die Flasche hinhalten und erwarten, dass es sofort trinkt – so einfach sei das nicht. „Da muss man schon tief in die Trickkiste greifen“, sagt Lux, die weiß, dass kleine Rehe bei der Aufzucht nur Ziegenmilch vertragen – falsche Fütterung kann tödlich sein. Das geht ins Geld. Allein für die Milch fallen Lux Kosten von etwa 120 Euro im Monat an. Jede Mohrrübe, jede Portion Ziegenmilch, sagt sie, würde die Familie entlasten und dabei helfen, dass May bald gesund wird.

Die etwa sechs Wochen alte May bekommt alle vier Stunden ihre Milch, Tag und Nacht. Wie ein Baby ruft sie, wenn sie Hunger hat oder gereinigt werden will. Dazu benutzt Lux einen Kamm, der das Gebiss der Mutter ersetzen soll, denn sie möchte die Ricke so gut wie möglich imitieren. „May genießt das Kämmen enorm“, so Lux. Wenn die Ersatzmutter doch einmal sechs Stunden am Stück schlafen will, packt ihre Familie mit an. Die acht Kinder helfen bei der Hege von May gerne mit – und das Kitz scheint unter all der Zuneigung gut zu gedeihen.

„May hat sich angepasst und kommt gut zurecht“, sagt Lux. Vor den Miniaturbullterriern, die sie züchtet, fürchtet sich das kleine Reh nicht, dabei handelt es sich um eine sogenannte Kampfhunderasse. „Ich habe ein sehr intaktes Rudel“, sagt Lux. „Ich kann den Hunden jedes Tier zeigen und sie kümmern sich darum.“

May soll in Wildpark umziehen

Auch gesundheitlich scheint es May schon besser zu gehen: Nachdem sich der Tierarzt beim letzten Besuch mit der Wundheilung zufrieden gezeigt hatte, wagte Lux es, dem Kitz seinen Namen zu geben. Zwei oder drei Mal täglich stabilisiert sie es bei seinen Gehversuchen, wie in einer Physiotherapie. Inzwischen steht May sogar schon allein auf und geht ein paar Schritte. Wenn der Gips erst einmal ab ist, wird sie dann bald durch den Garten tollen können.

Lux weiß, dass auch ihr fünftes Kitz nur ein Gast auf Zeit ist. „So niedlich sie auch sind, Rehkitze sind keine Haustiere und kein Spielzeug“, sagt sie. „Wir sind nur Unterstützer, die Tieren in Not beim Überleben helfen.“

Ein halbes Jahr bekommen Rehe in der freien Wildbahn Milch, danach haben sie auch die psychische Reife, um eigenständig zu leben. Aufgenommene Rehe bleiben meist ein Jahr unter menschlicher Obhut, um den Winter zu überstehen, und werden im folgenden Frühling ausgewildert. May soll im nächsten Jahr in einen Wildpark in der Nähe umziehen, wo Lux sie gerne auch einmal besuchen will.