Dr. med. Sven Armbrust ist Chefarzt der Neubrandenburger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
Dr. med. Sven Armbrust ist Chefarzt der Neubrandenburger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Gilberto Pérez Villacampa
Interview

Gibt es noch genügend Kinderärzte im Osten des Landes?

Nach dem Brandbrief eines Kinderarztes befragte der Nordkurier den Chefarzt der Neubrandenburger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Sven Armbrust, zur Situation im Osten des Landes.
Neubrandenburg

Stimmen Sie Professor Classen und seinem Brandbrief zu?

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In den meisten Punkten auf jeden Fall.

In welchen nicht?

Für Ost-Mecklenburg und Vorpommern sieht die zukünftige Situation nicht ganz so schlecht aus, weil wir den Generationswechsel in weiten Teilen besser abgeschlossen haben. Viele ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unserem Haus sind in den 30ern und 40ern, die sich jetzt niedergelassen und damit ausscheidende Ärzte ersetzt haben.

Reicht die Anzahl der Praxen denn aus?

Der Berechnungsschlüssel wird oft kritisiert. Ich sehe eine Konzentration in den großen Städten und weiß, dass es ins Land gehend dünner wird. Hier genügt ein Anfahrtsweg von acht Kilometern oft nicht. Erschwerend ist zum Beispiel, dass wir zwar auf dem Schild manchmal eine ganze Stelle haben, aber die Kollegen arbeiten in Teilzeit oder teilen sich sogar eine Stelle.

Wenn Kinder und Jugendliche stundenlang fahren und warten müssen, stimmt der Schlüssel also nicht?

Das ist ein hoch kompliziertes Thema. Ich meine, dass wir das System der strengen Aufteilung in Ambulanz und Klinik überdenken könnten. Vielleicht die Pflichtöffnungszeit von 26 Stunden erhöhen, aber dafür habe ich zu wenig Erfahrung mit der Niederlassung selbst. Ich bin jedenfalls froh, wenn wir die Stellen, die wir haben, nachbesetzen können.

Und das ist im Osten des Landes passiert?

Ja. In den nächsten 15 Jahren sollte die Versorgung stabil sein.

Jammert Professor Classen jetzt auf hohem Niveau?

Nein. Denn ich sehe einen drastischen Mangel an pädiatrischem Nachwuchs in den Kliniken. Dieser Nachwuchs muss ausgebildet werden für eine Arbeit an den Krankenhäusern, für die Niederlassung und natürlich für die spezialfachärztliche Versorgung. Es gibt zum Beispiel nur vier, demnächst fünf, Kinderkardiologen im ganzen Bundesland. In Neubrandenburg, Stralsund, Rostock und Schwerin. Wenn einer von denen selbst krank wird, kann er für acht Wochen ausfallen. Was dann?

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Wozu brauchen wir Kinderkardiologen? Ein Herzinfarkt ist doch ein Herzinfarkt.

Ein Herzinfarkt beim Kind ist eine Rarität. Aber vom angeborenen Herzfehler, den Ersatzkreisläufen, die Kinder bekommen, um lebensfähig zu sein, haben Erwachsenenkardiologen kaum Ahnung. Und generell gilt: Ein Kind „funktioniert“ schlichtweg anders als ein Erwachsener. Ein Frühgeborenes ist anders als ein Reifgeborenes, ein Säugling funktioniert anders als ein Kleinkind oder ein Jugendlicher. In den jeweiligen Reifeabschnitten können sich Krankheiten ganz anders darstellen. Kinder brauchen eine andere Betreuung, andere Dosierungen und haben andere Symptome und Grenzwerte. Ich habe schon sehr erfahrene Ärzte erlebt, die nach meiner Diagnose im Rettungsdienst sehr überrascht waren, weil sie von einer Erwachsenenphysiologie ausgegangen sind.

Ihr Kollege schreibt, dass Kindermedizin manchmal belächelt wird. Erleben Sie das auch?

Ich kenne es zumindest. Einige Ärzte meinen, dass wir Pädiater geworden sind, weil wir gern in der Buddelkiste spielen. Doch Kinder- und Jugendmedizin ist ein hoch spezialisiertes Gebiet, mit den dicksten Fachbüchern, den meisten Erkrankungen. Mittlerweile sind wir so weit, dass wir Kinder, die früher mit zehn oder 15 Jahren gestorben wären, in die Erwachsenenmedizin reinbekommen. Das gilt für meine Herzpatienten genauso wie für Stoffwechselerkrankungen oder mehrfach behinderte Kinder, die plötzlich groß werden.

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Ist Kindermedizin eine besonders teure Fachrichtung?

Wir brauchen für die Versorgung mehr Zeit, Personal und mehr Ausrüstung. Nur ein Beispiel: Während auf der Erwachsenen-Intensivstation vielleicht eine Tropfbeutelgröße reicht, brauchen wir zwölf verschiedene Größen, damit sie zu jedem unserer Patienten passen. Deshalb trifft uns der ökonomische Druck und, wenn Sie so wollen, der Rotstift besonders hart.

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