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Lernförderung

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Harte Zeiten für die Nachhilfe

Weg vom Einzelunterricht und hin zur Gruppe? Mit den neuen Konditionen sollen Anreize für mehr Gruppenunterricht geschaffen werden.
Weg vom Einzelunterricht und hin zur Gruppe? Mit den neuen Konditionen sollen Anreize für mehr Gruppenunterricht geschaffen werden.
Maja Hitij

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte hat die Richtlinie zur Lernförderung für bedürftige Familien neu gestaltet. Die Konditionen erscheinen vielen Anbietern aber nicht annehmbar. Ihre Befürchtung: Kinder sind die Leidtragenden.

Die Lernförderung für Kinder aus Familien mit geringem Einkommen ist mit Beginn des neuen Schuljahres im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte neu geregelt worden. Der Kreis hat dafür die Richtlinie für die Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) des Bundes in diesem Bereich geändert – zum Unmut vieler Nachhilfe-Anbieter, die seit Jahren auf Basis einzelner Verträge Kindern mit Lernproblemen geholfen hatten.

Die künftig geltenden Bedingungen sehen unter anderem deutlich geringere Honorarsätze für Nachhilfe-Lehrer vor. Nicht allein deshalb befürchten Vertreter der Branche eine sinkende Qualität der Lernförderung und höhere Hürden für sozial schwache Familien bei der Nutzung der Angebote.

Verträge mit allen Anbietern wurden gekündigt

Der Landkreis, der die vom Bund zur Verfügung gestellten BuT-Mittel verwaltet, hatte festgestellt, dass die Kosten für diesen Bereich aus dem Ruder laufen. Und deswegen hart durchgegriffen. Die Verträge mit allen Anbietern wurden gekündigt, neue sollen nur noch auf Basis der neuen Richtlinie abgeschlossen werden. Je nach Qualifikation der Lehrer will der Kreis für die Unterrichtseinheiten brutto zwischen 10 und 23 Euro zahlen.

Sozialdezernent Michael Löffler verteidigt das Vorgehen des Kreises: Man habe sich zur Preisgestaltung im Land umgeschaut. In Rostock liege der Satz einheitlich bei 15 Euro, in anderen Regionen sei man gerade dabei, die Tarife nach unten anzupassen. Mit den neuen Konditionen seien zugleich Anreize zum Beispiel für mehr Gruppen- und weniger Einzelunterricht verbunden, sodass Anbieter, die sich darauf einstellten, weiterhin Geld verdienen können.

„Das geht nach hinten los“, befürchten Vertreter der Branche. Die Kinder, denen geholfen werden soll, hätten ja oft unter den Bedingungen der Schule ihre Schwierigkeiten, erklärt Kathrin Ader vom Duden-Institut in Neubrandenburg. Nur mit Einfühlungsvermögen und individueller Betreuung sei es manchmal möglich, Lernerfolge zu erzielen.

Höhere Anforderungen als an Quereinsteiger bei öffentlichen Schulen

„Bisher haben die Mitarbeiter eingeschätzt, ob Einzel- oder Gruppenarbeit für das Kind am besten ist. Künftig zwingt uns die Richtlinie, nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu entscheiden“, kritisiert Diana Kuhk von der ABG Neubrandenburg. „Die Vorgaben widersprechen unserem eigenen Qualitätsanspruch“, macht Götz Grigoleit vom Studienkreis deutlich.

Und die Richtlinie weist nach Ansicht von Ader, Kuhk und Grigoleit sowie vieler anderer Anbieter noch mehr Probleme auf. An die Nachhilfe-Lehrer würden höhere Anforderungen gestellt als an Quereinsteiger bei öffentlichen Schulen. Zudem sollen Ausgangssituation und mögliche Lernerfolge beurteilt werden, bevor man sich mit den Kindern richtig beschäftigen konnte. 

„Wie soll das möglich sein?“, fragen die Branchen-Vertreter. „Wir müssten Standards massiv absenken, um noch wirtschaftlich arbeiten zu können. Damit würden wir aber unsere Arbeit torpedieren. Denn dann dürften Lernerfolge schwerer zu erreichen sein“, warnt Grigoleit.

Neue Preise und weniger Stundenzahl

Und wie solle man Familien, die keine BuT-Förderung kriegen, erklären, dass die Preise für sie deutlich höher liegen, als sie der Landkreis zahlen will? „Die Stundensätze für Honorarkräfte decken nicht einmal den Mindestlohn ab, denn davon sind ja auch noch Nebenkosten zu begleichen“, macht Kathrin Ader deutlich.

Und es seien ja nicht nur die Preise neu vorgeschrieben, sondern auch Stundenumfänge reduziert und die Bewilligungspraxis verschärft worden. Für Nachhilfe-Anbieter, Schulen und Familien bedeute das mehr Papierkram. Es sei zu befürchten, dass gerade die Zielgruppe der BuT-Förderung diesen Aufwand scheue.

All diese Probleme führen offenbar zu einer deutlichen Branchenbereinigung. Von zuvor rund 100 Anbietern im Landkreis habe bisher nur ein Drittel avisiert, an neuen Verträgen auf Basis der Richtlinie interessiert zu sein, gab Löffler zu.