MORDFALL LEONIE

„Hier ist alles okay“ - Ein Todesabend voller Widersprüche

Vierter Verhandlungstag im „Mordprozess Leonie“: Vier Zeugen, fünf Stunden Vernehmung und erstmals zeigt der mutmaßliche Kindermörder David H. Gefühlsregungen. Wer und was hat die ausgelöst?
Andreas Becker Andreas Becker
Gerald Bahr Gerald Bahr
David H. und seine Anwälte Bernd Raitor (r.) und Jörg Fenger.
David H. und seine Anwälte Bernd Raitor (r.) und Jörg Fenger. Andreas Becker
Neubrandenburg.

Die Aussagen sind gegensätzlich: Während Leonies Stiefvater in all seinen bisherigen Vernehmung darauf beharrt hat, dass die am Ende tödlichen Verletzungen des Mädchens aus einem Treppensturz resultieren, widersprechen Rechtsmediziner und Kripobeamte von der Spurensicherung. „Das Verletzungsmuster passte einfach nicht zu einem Treppensturz“, machten Jakob K., Polizist aus dem Revier Ueckermünde, und Ronny M. vom Kriminaldauerdienst der Inspektion Anklam, übereinstimmend deutlich. Beide Polizisten waren gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen am Todesabend am 12. Januar in der Wohnung in Torgelow im Dienst.

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Doch damit nicht genug der Widersprüchlichkeiten: Laut Stiefvater soll der Treppensturz sich bereits am Nachmittag um 15 Uhr ereignet haben – doch erst um kurz vor 19.30 Uhr alarmierte David H. die Rettungskräfte. Weil Leonie nach seinen Aussagen zu dem Zeitpunkt nur noch „röchelte und unter Atemnot litt“. Demgegenüber hatten Notarzt und Rettungssanitäter betont, dass Leonie zum Zeitpunkt des Alarmrufes bereits „einen längeren Zeitraum tot gewesen ist“.

Mutter belastet David H. in Verhören

Doch was passierte zwischen 15 und 19.30 Uhr in der Wohnung, in der David H. gemeinsam mit Leonies leiblicher Mutter Janine Z. sowie den Kindern Noah-Joel (3) und Jonathan (1 Jahr) gelebt hatten? Einkaufen, spielen, schlafen, baden, Abend essen? Die Aussagen von David H. und Janine Z. sind bisher schwammig und widersprüchlich. In einem aber waren sich unmittelbar nach dem Todesdrama Stiefvater und leibliche Mutter einig: Es gab den Treppensturz – aber mit welchen Verletzungen?

Mittlerweile aber, so haben Recherchen des Nordkurier ergeben, ist Janine Z. von der ursprünglichen gemeinsamen Sprachregelung mit David H. abgerückt – und hat offenbar in späteren Verhören Leonies Stiefvater schwer belastet. Dem 28-Jährigen wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Gegen die Mutter wird ebenfalls ermittelt – wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen, da sie offenbar ebenfalls keine Hilfe geholt hatte.

Vor diesem Hintergrund wird mit Spannung erwartet, Was Janine Z. ausssagt, wenn sie am nächsten Verhandlungstag am 21. Oktober in den Zeugenstand muss. Bereits im Vorfeld gibt es Konfliktpotenzial. Über ihren Anwalt hat Leonies leibliche Mutter beantragt, während ihrer Vernehmung die Öffentlichkeit auszuschließen. Und noch etwas steht im Antrag der Verteidiger: Janine Z. möchte, dass auch der Mordangeklagte David H. während ihrer Aussage den Gerichtssaal im Landgericht Neubrandenburg verlassen soll.

Polizei: Entsetzen über Jugendnothilfedienst

Ob sich das Gericht unter Vorsitz von Jochen Unterlöhner darauf einlässt und dem Antrag zustimmt? Am kommenden Montag, zu Beginn des fünften Verhandlungstages fällt in dieser Angelegenheit die Entscheidung. Doch egal ob hinter verschlossenen Türen oder in aller Öffentlichkeit – die Verteidiger von David H. bestätigten gestern im Gespräch mit dem Nordkurier, dass ihr Mandat nach den Ausführungen der Mutter sein bisheriges Schweigen vor Gericht brechen und eine Erklärung abgeben möchte.

Unabhängig davon, hat der bisher stoisch zur Erde blickende David H. im Verlauf der gestrigen Verhandlung erste Gefühlregungen gezeigt. Als Christin Schmidt vom Kriminaldauerdienst berichtete, dass die kleine Leonie an ihrem Todestag eine grüne Strumpfhose, eine weiße Unterhose und ein rosafarbenes T-Shirt mit Schmetterlingsmotiv trug, zuckte es im Gesicht des vermeintlichen Kindermörders. David H. schluckte schwer, fast hatte es den Anschein, als würde sich der 28-Jährige Tränen aus den Augen wischen. Dem Gegenüber sitzenden leiblichen Vater Leonies, Oliver E. – er tritt als Nebenkläger auf, – liefen in diesem Augenblick die Tränen übers rotgeweinte Gesicht.

Weniger emotional betrachtete dagegen eine Mitarbeiter des Awo-Kreisverbandes Uecker-Randow am Todesabend Leonies die Situation in der Wohnung in Torgelow. Die Frau hatte stellvertretend für das Jugendamt des Landkreises Vorpommern-Greifswald Bereitschaftsdienst – und verließ den Tatort nach Aussage von Polizisten, ohne sich die kleinen Noah-Joel und Jonathan anzuschauen. Und das, obwohl auch Noah-Joel – ebenso wie die kurz zuvor verstorbene Leonie – heftige und sichtbare Verletzungen aufwies. Begründung der Awo-Mitarbeiter, laut der verwunderten und entsetzten Polizisten: „Hier ist alles okay.“ Und setzte sich damit in Widerspruch zu Notarzt und Rettungssanitätern. Die hatten unmittelbar nach ihrem Eintreffen in der Todeswohnung betont: „Hier stimmt etwas nicht.“

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