Ehrenamt führt kein Schattendasein: Ein Forschungsprojekt der Hochschule Neubrandenburg bringt Licht in die Entwicklung d
Ehrenamt führt kein Schattendasein: Ein Forschungsprojekt der Hochschule Neubrandenburg bringt Licht in die Entwicklung des vielfältigen Engagements in Mecklenburg-Vorpommern. Patrick Seeger
Prof. Claudia Vogel
Prof. Claudia Vogel Foto-Atelier Schild-Vogel
Prof. Christine Krüger
Prof. Christine Krüger Foto-Atelier Schild-Vogel
Interview

Hochschule forscht zu Ehrenamt in MV

Ein Forschungsprojekt geht ehrenamtlichem Wirken in MV auf den Grund. Susanne Schulz sprach mit den federführenden Professorinnen Christine Krüger und Claudia Vogel.
Neubrandenburg

Wie kam es zu der ungewöhnlichen Konstellation, ein Forschungsprojekt gewissermaßen „im Auftrag“ einer Stiftung aufzulegen?

Vogel: Die Ehrenamtsstiftung – komplett heißt sie ja Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern – hatte eine Ausschreibung veröffentlicht, und wir freuen uns, den Zuschlag erhalten zu haben. Es ist toll, dass diese Forschung gerade an der Hochschule Neubrandenburg stattfinden kann. Ja, es ist schon ein neues Kapitel, auch für die Stiftung.

Mit welchen Voraussetzungen und Inhalten empfiehlt sich die Hochschule für dieses Thema?

Krüger: Da gibt es so einige Berührungspunkte. Was uns alle umtreibt, ist ja die Entwicklung des ländlichen Raums, der so typisch ist für Mecklenburg-Vorpommern mit seiner geringen Bevölkerungsdichte. Wir gehen davon aus, dass Ehrenamt hier eine besondere Rolle spielt, weil damit viel Infrastruktur aufrechterhalten wird. Hinzu kommt, dass wir beide in den letzten beiden Jahren in unsere Professuren berufen wurden und das Interesse aus ganz unterschiedlichen Forschungsperspektiven teilen. Das Thema hat aber auch schon vor unserer Zeit am Fachbereich eine Rolle gespielt, vielleicht können wir es wieder etwas beleben.

Vogel: Ein individueller Forschungsschwerpunkt von mir ist in letzter Zeit vor allem das Ehrenamt für und durch ältere Menschen. Da geht es nicht nur um das Wirken zugunsten unterstützungsbedürftiger älterer Menschen, sondern von ihnen selbst geht ganz viel produktives Engagement aus, gerade im ländlichen Raum mit alternder Bevölkerung.

Entsteht nicht sogar der Eindruck, dass Aktivitäten oft gerade von der älteren Generation getragen werden, während die jüngere sich nicht auf Ehrenamts“pflichten“ festlegen möchten?

Vogel: Wenn wir die quantitative Seite betrachten, beteiligen sich Jüngere sogar zu höheren Anteilen. Das lässt aber nicht auf weniger Engagement der Älteren schließen, sondern hat unter anderem damit zu tun, dass sich Menschen eben gerade aus Altersgründen auch mal aus dem Ehrenamt zurückziehen. Jüngere wiederum sind stärker in familiäre und berufliche Zusammenhänge eingebunden, die ihnen weniger Zeit für ein Ehrenamt lassen.

Krüger: Wenn wir uns die Bedürfnisse jüngerer Menschen ansehen, dann wollen sie flexibler agieren, nicht auf Jahre hinaus verpflichtet sein. Das sehen wir unter anderem auch am Rückgang der Bewerberzahlen für Freiwilligendienste.

Vogel: Berücksichtigen müssen wir auch, dass es hier nun mal weniger junge Leute gibt.

Krüger: Richtig, und die Bleibeperspektiven sind eher schlecht, auch wenn wir momentan mehr Zuzug als Wegzug haben.

Ehrenamt ist ein wahrhaft weites Feld: von den Rettungseinsätzen der Feuerwehren über Vereine etwa mit sportlicher, kultureller, sozialer Ausrichtung bis hin zu Menschen, die ohne jegliche institutionelle Bindung für andere, fürs Gemeinwohl tätig werden. Wie weit fassen Sie den Begriff?

Vogel: Das muss tatsächlich definiert werden. In unserem Forschungsprojekt – das ja aufgelegt wurde, weil die Datenlage über Formen des Engagements nicht so gut ist – beziehen wir uns auf das organisationsgebundene Ehrenamt, das mit einem bestimmten strukturellen Rahmen und einer bestimmten Dauerhaftigkeit einhergeht. Nicht erfasst wird also, wo sich Menschen ohne Organisationsform zusammentun. Trotzdem ist das Spektrum noch extrem breit.

Krüger: Wenn wir die Forschung fortsetzen, bleibt aber sicher auch Luft für weitere Schwerpunktsetzungen.

Welche Erwartungen werden seitens der Ehrenamtsstiftung an Ihr Projekt formuliert?

Krüger: Forschung ist ja unabhängig. Aber einer der Schwerpunkte, das kann gar nicht anders sein, ist die Corona-Pandemie, die Leute in Handlungszwang bringt, mit bestimmten Umbrüchen umzugehen. Ohne unseren Untersuchungen vorgreifen zu wollen, habe ich die These, dass vieles von dem, was sich jetzt entwickelt, bleiben wird – zum Beispiel bei der Digitalisierung.

Vogel: Und die Herausforderungen in solchen Krisenzeiten zeigen, was vorher schon bekannt war: Ehrenamt ist ungemein wichtig für die Gesellschaft, braucht aber seinerseits Unterstützung. Ich denke zum Beispiel daran, wie schwierig die Arbeitssituation für die Feuerwehren geworden ist. Es ist sehr spannend zu sehen, an welchen Stellen das Ehrenamt Unterstützung benötigt und welche neuen Lösungen schon gefunden wurden.

Welchen Rang haben bei Ihrer Forschung jeweils quantitative und qualitative Aspekte ehrenamtlichen Wirkens?

Vogel: Tatsächlich planen wir die Forschung in zwei Teilen. Es wird einen quantitativen Teil geben, auch mit einer Befragung zu den Rahmenbedingungen.

Krüger: Und wir werden uns in einer Fallanalyse einen Amtsbereich im ländlichen Raum exemplarisch genauer angucken: Was gibt es da, wie kooperieren die Akteure, wie werden sie gefördert? Dabei versuchen wir, die Ehrenamtlichen auch aktiv einzubeziehen.

Die zunächst als Zeitrahmen vereinbarten sechs Monate sind nicht viel für ein solches Vorhaben.

Krüger: Ja, es ist ein sportliches Projekt. Aber wir bringen viel Expertise mit und können das gut schaffen.

Richten Sie ebenso, wie Sie auf frühere Forschungen aufbauen können, den Blick auch auf eine Fortsetzung?

Krüger: Das ist natürlich die Idealvorstellung, nachdem sich die Ehrenamtsstiftung da herantraut: dass das Projekt einen Aufschlag bildet, der im Land Schule macht.

Vogel: Ich habe auch die Hoffnung, dass mit unserer Forschung die Sichtbarkeit des Ehrenamts wächst, dass sich herumspricht, in welchen Bereichen tolle Menschen tolle Sachen machen. Das ist ein Ansporn, diesen – gut gesagt! – Aufschlag zu nutzen.

Ich nehme an, dass Sie sich mit ehrenamtlichem Engagement nicht nur theoretisch beschäftigen. Wie engagieren Sie sich persönlich?

Vogel: Unter anderem als Sprecherin der Sektion Alter(n) und Gesellschaft in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie – daher auch mein großes Interesse, mich in der Forschung damit zu beschäftigen. Wie sehr man dabei das Funktionieren von Demokratieprozessen erlebt, sehe ich als große Bereicherung.

Krüger: Ich bin seit vielen Jahren Gutachterin für die Qualitätsentwicklung des Freiwilligendienstes. Was mir außerdem sehr viel Freude macht, ist die Tätigkeit als Naturschutzwartin in Mecklenburg-Vorpommern – in der Natur zu sein, ist ein schöner Ausgleich.

Was nun erforscht werden soll

Die Ehrenamtsstiftung MV wurde 2015 auf Initiative der Landesregierung gegründet mit dem Ziel, gemeinnützige Initiativen mit Informationen, Weiterbildung und juristischer Beratung zu unterstützen, Austausch und Vernetzung der Akteure zu fördern und zur Verbesserung der Rahmenbedingungen beizutragen. Erkenntnisse, wie Vereine und Initiativen vor Ort besser unterstützt werden können, erwartet die Stiftung nun von der wissenschaftlichen Erforschung ehrenamtlichen Engagements.

„Wir haben keine ausreichende Datenlage zum Engagement im Land. Dem wollen wir mit dem Forschungsprojekt begegnen“, sagt Dr. Adriana Lettrari, Geschäftsführerin der in Güstrow ansässigen Stiftung. Die Ergebnisse sollen Aufschluss geben über die Herausforderungen gerade auch durch die Pandemie-Situation und somit Grundlage für die Ausrichtung der Unterstützungsangebote sein.

Das von unseren Gesprächspartnerinnen Christine Krüger, Professorin für Sozialwissenschaften und Qualitative Sozialforschung, sowie Claudia Vogel, Professorin für Soziologie und Methoden der quantitativen Sozialforschung, umgesetzte Forschungsprojekt an der Hochschule Neubrandenburg ist zunächst auf sechs Monate angelegt. Dabei sollen sich Studierende auch in der Region engagieren und es sollen gemeinsame Veranstaltungsformate organisiert werden. Die Hochschule kann mit Projekten wie HiRegion (Hochschule in der Region), UniDörfern oder Vorlesungen an besonderen Orten auch auf weitere Formate zu Wissenstransfer und regionalem Bezug ihrer Forschungen verweisen.

zur Homepage