Wie schwierig es ist, die Figuren mit vom Rheumaschmerz geplagten Fingern zu fassen, weiß Rheumatologin Dr. Michaela Ber
Wie schwierig es ist, die Figuren mit vom Rheumaschmerz geplagten Fingern zu fassen, weiß Rheumatologin Dr. Michaela Berndt sehr gut. Für die in der Tagesklinik angebotenen Therapien gibt es lange Wartelisten. Susanne Schulz
Patientin Christa Konkel auf dem Ergometer, im Gespräch mit der leitenden Oberärztin Dr. Michaela Berndt
Patientin Christa Konkel auf dem Ergometer, im Gespräch mit der leitenden Oberärztin Dr. Michaela Berndt Anke Brauns
In der Ergotherapie geht es um verschiedene Übungen für die oberen Extremitäten, unter anderem ein Fingerü
In der Ergotherapie geht es um verschiedene Übungen für die oberen Extremitäten, unter anderem ein Fingerübungsprogramm, zu dem auch handwerkliche Arbeiten gehören – hier Ergotherapeutin Katrin Hahn mit den Patientinnen Veronika Schmidt und Sabine Ressel. Anke Brauns
Jörg Martin aus der Uckermark leidet an Morbus Bechterew, einer entzündlichen Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankun
Jörg Martin aus der Uckermark leidet an Morbus Bechterew, einer entzündlichen Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankung. Seit 2007 kommt er jedes Jahr in die Rheumatologische Tagesklinik. Anke Brauns
Rheuma

Im Kampf gegen Schmerzen, Irrtümer und Ungeduld

Die Rheumatologische Tagesklinik in Neubrandenburg ist eine von nur drei Einrichtungen dieser Art im Land. Doch der Bedarf ist riesig: Die Therapie-Kurse sind bis nächsten Herbst ausgebucht. Rheumatologin Dr. Michaela Berndt muss zudem mit manchem Missverständnis über ihr Fachgebiet aufräumen.
Neubrandenburg

Immer diese Schmerzen. Über Monate. Über Jahre. Seit der Operation, die ihn von einem Rückenleiden befreien sollte, schien es für Hans Ullmann* keinen Ausweg zu geben aus diesem Dilemma. Er bekam Medikamente in immer höherer Dosierung, doch die Beschwerden ließen sich nicht bändigen. „Irgendwann konnte ich den Schmerz gar nicht mehr wirklich lokalisieren“, erzählt er, wie er sich letztlich selbst schon als Hypochonder fühlte; ganz zu schweigen von den Nebenwirkungen und der Angst vor Abhängigkeit.

"Zuhören ist Hälfte der Diagnostik"

Und endlich eine Erklärung, eine Diagnose: Eine rheumatische Erkrankung ist verantwortlich für den Dauerschmerz. Ein Leiden, dass nicht in Blutwerten und Röntgenbildern, in Laboruntersuchungen und Bildgebungsverfahren fassbar ist. „In der Rheumatologie ist Zuhören die Hälfte der Diagnostik“, sagt Dr. Michaela Berndt. Die Leitende Oberärztin in der Abteilung Rheumatologie der Klinik für Innere Medizin 2 am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg weiß, wie viel Geduld ihr Fachgebiet verlangt: von den Patienten ebenso wie von den Ärzten, bei der Diagnostik ebenso wie bei der Therapie. Nach kurzer Zeit „klappt nicht“ erkennen und das Präparat wechseln – das funktioniert hier nicht.

Bei Hans Ullmann dauerte es fast ein Jahr, bis ein Medikament gefunden war, das er verträgt. Und die Medikation allein kann das Rheuma nicht bekämpfen. Unterstützung, um Beweglichkeit und Lebensqualität zurück zu erlangen, erhalten Patienten in der Rheumatologischen Tagesklinik, einer von nur drei Einrichtungen dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern.

Weil Schmerzmittel keine Lebensperspektive sind

Zehn Kursplätze stehen in Neubrandenburg zur Verfügung für das jeweils rund zweiwöchige Kompaktprogramm mit Physio- und Ergo-,aber auch Schmerz- und Entspannungstherapie. „Das ist kein Wellnessprogramm“, verdeutlicht Michaela Berndt. Hans Ullmann kann’s bestätigen: „Kein Moment Ruhe, geballte Versorgung, und das sehr individuell. Am Anfang ist man nur kaputt.“

Voller Hoffnung aber habe er sofort zugesagt, als die Oberärztin ihm die Tagesklinik vorschlug. Einige Wochen später – Geduld! – spürte er dann Erfolge, weil ihm viele Dinge wieder leichter fielen. „Auch dass lässt irgendwann nach“, stellt er fest: Im Alltag könne das Erlernte dann doch nicht so fortgesetzt werden wie in der Klinik, werde dann doch nicht mehr so viel Sport getrieben, wie es die guten Vorsätze wollen.

Bis Herbst 2021 ausgebucht

Umso wichtiger, dass Rheuma-Patienten nach gewisser Zeit erneut Gelegenheit bekommen, an dem Programm teilzunehmen. Und kein Wunder, dass der Bedarf viel größer ist als die Kapazität der Klinik. Erst recht, nachdem die Einrichtung im Frühjahr wegen der Corona-Pandemie einige Wochen schließen musste. Die Wartelisten sind nun noch länger geworden. Bis Herbst 2021 ist das Programm bereits ausgebucht. Das Einzugsgebiet ist groß. Zwar wird wegen der kräftezehrenden Anwendungen ein Umkreis von 30 Kilometern veranschlagt, um den Patienten lange Fahrzeiten zu ersparen. Aber manche nehmen auch größere Strecken in Kauf, weil ihnen die Therapie gut tut.

Ziel ist es, dass die Patienten wieder mit weniger Einschränkungen im Alltag zurecht kommen: „Mit Schmerzmitteln ruhig gestellt zu werden, ist doch keine Lebensperspektive“, sagt Dr. Berndt. Dass die Krankheit verschwinde, sei illusorisch. Und es sei – entgegen landläufigen Klischees – auch kein Gelenkleiden, wie es alte Leute nun mal bekommen.

1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen

„Rheuma ist eine schmerzvolle Systemerkrankung in vielerlei Erscheinungsformen“, erklärt die Medizinerin, deren Patienten bis zu 90, aber in anderen Fällen erst 18 Jahre alt sind. Deutschlandweit sind 1,5 Millionen Menschen von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen betroffen, berichtet sie: Das seien rund zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung, es gebe aber auch rund 20 000 rheumakranke Kinder. Und die Zahl steigt, schon weil die Lebenserwartung zunimmt, aber auch weil die Diagnostik besser wird und somit mehr Fälle erkannt werden.

Rund 770 Internisten seien in der Bundesrepublik rheumatologisch tätig; nötig wären doppelt so viele. Viele angehende Mediziner wüssten gar nichts von diesem Fachgebiet, stellt die Neubrandenburger Oberärztin fest. Sie selbst erlebte ihren persönlichen Aha-Effekt, als sie während des Studiums einer jungen Patientin begegnete, die nach einem Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesen war „wegen einer rheumatischen Erkrankung, von der ich noch nie gehört hatte“. Während der Facharztausbildung dann durch alle Bereiche rotierend, entschied sich Michaela Berndt tatsächlich für die Rheumatologie. „Sie hat einen Bezug zu allen anderen Fachgebieten, das ist hier an einem Krankenhaus mit Maximalversorgung ideal.“

„Rheumatologe wird man nicht allein durch Prüfung“

Zudem sei es ein Fachgebiet, in dem sie intensiv mit den Patienten arbeite. „Man ist kein Rheumatologe, wenn man die Prüfung hat“, sagt sie, „das wird man erst, je mehr man gesehen hat.“ Umso mehr hofft die Leitende Oberärztin auf Berufsnachwuchs, der sich ebenfalls für dieses Fach begeistern kann. In Neubrandenburg jedenfalls hat es einen festen Platz. Die 1999 eröffnete Abteilung am Bonhoeffer-Klinikum gehörte zu den Schwerpunktabteilungen für Rheumatologie in MV. Seit nunmehr 15 Jahren schließt die Tagesklinik eine Lücke zwischen ambulanter und vollstationärer Versorgung. Sieben Mitarbeiter – Dr. Michaela Berndt arbeitet hier zusammen mit Physio- und Ergotherapeuten, Psychologen sowie Schwestern – helfen den oft von langer Schmerzerfahrung geplagten Patienten. Für mehr Räume und mehr Therapeuten fehlt es zu ihrem Bedauern an Möglichkeiten. Umso mehr wissen die Patienten zu schätzen, was ihnen hier geboten wird. Auch Hans Ullmann hofft, bald wieder an dem Programm teilnehmen zu können.

*Name auf Wunsch geändert

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