20 BIS 21 UHR

In der Rettungsleitstelle

Was passiert tagtäglich in Neubrandenburg und Umgebung? In unserer 24-Stunden-Serie zeigen wir jeden Tag eine Stunde im Leben der Region und begleiten Menschen bei der Arbeit.
Falk Reinholz ist Schichtführer in der Ziegelbergstraße.
Falk Reinholz ist Schichtführer in der Ziegelbergstraße. Paulina Jasmer
Auf der riesigen Karte zeigt Torsten Schmidt auf Rettungswachen, von denen Rettungsfahrzeuge geordert werden. Wenn Not am Mann ist, können Einsatzfahrzeuge auch kreisübergreifend angefordert werden.
Auf der riesigen Karte zeigt Torsten Schmidt auf Rettungswachen, von denen Rettungsfahrzeuge geordert werden. Wenn Not am Mann ist, können Einsatzfahrzeuge auch kreisübergreifend angefordert werden. Paulina Jasmer

Wenn ein junges Paar am Telefon ist und verzweifelt berichtet, dass das zweijährige Kind blau angelaufen ist und nicht mehr atmet, „dann will ich mir am liebsten das Headset vom Kopf reißen und gleich hinfahren“, sagt Falk Reinholz. Solche Notrufe hat er auch schon entgegen genommen. Und der gelernte Rettungsassistent weiß, dass ein Rettungswagen aufgrund der langen Wege im Landkreis schon mal 20 Minuten braucht, bis er am Einsatzort ist – für das Kind womöglich zu spät. Darum hat Falk Reinholz immer abwechselnd mit Mutter und Vater gesprochen und sie für die Reanimation an ihrem kleinen Kind angeleitet. Und als er im Hintergrund das Blaulichtsignal hört und das Kind zeitgleich anfängt zu schreien, dann ist die Erleichterung riesengroß.

Solche extremen Notfälle sind in der Regel selten, schränkt Falk Reinholz ein. Er steht vor seinen vier Monitoren in der integrierten Rettungsleitstelle (IRLS) in der Neubrandenburger Ziegelbergstraße. Aber es wäre nicht auszudenken, wenn er nicht helfen könnte. Deshalb ist die Ausbildung zum Rettungsassistenten und Gruppenführer der Feuerwehr auch wichtig. Denn in der Leitstelle kommen alle Notrufe an. Immer dann, wenn Menschen die 112 wählen.

Umgehend Rettungswagen alarmiert

Falk Reinholz kann so in dieser Abend- beziehungsweise Nachtschicht mit seinen Mitarbeitern Stefanie Hollnagel und Torsten Schmidt alle Hilfesuchenden genau fragen und das Gesagte auch bewerten und vor allem koordinieren. Nur als Team funktioniert das. Denn wenn zahlreiche Menschen ein- und denselben Unfall melden, gilt es, sich abzustimmen. Drei Rettungswagen zu einem Unglücksort zu schicken, wo nur einer gebraucht wird, wäre natürlich nicht gut.

Bei den meisten Gesprächen fragen die Mitarbeiter nach Medikamenten oder der Art von Verletzungen. So wie sie eine fast 100-Jährige aus einem Neubrandenburger Pflegeheim nach einem Sturz erlitt. Falk Reinholz hat die Pflegekraft am Apparat. Über dem Auge der älteren Dame prange ein riesiger Bluterguss, schildert sie. Und die junge Frau will sich absichern und ihre Bewohnerin schützen. Sie möchte eine Röntgenaufnahme machen lassen. Den Ernst der Lage hat auch der Schichtführer erkannt und alarmiert umgehend einen Rettungswagen.

Inkognito keine Chance - Jede Nummer ist bekannt

Die integrierte Rettungsleitstelle ist derzeit nachts mit drei und am Tage mit vier Leuten besetzt. Dabei nehmen sie aber nicht nur Notrufe entgegen und alarmieren die Rettungskräfte, sondern koordinieren auch die Krankentransporte, die Feuerwehreinsätze, den Katastrophenschutz, die über 300 Brandemeldeanlagen und auch die Vermittlung des Kassenärztlichen Notdienstes. Aber als Leitstelle kümmert man sich auch um die Entsorgung von totem Wild nach Unfällen, um Straßenverunreinigungen wie Öl, Eis und Schnee. Da ist es schon gang und gäbe, dass die Mitarbeiter parallel und auch mitunter lange telefonieren müssen. „Wir schicken einen Rettungswagen samt Notarzt los, wenn der Zustand des Patienten lebensgefährlich ist oder es wahrscheinlich ist, dass er lebensgefährlich werden könnte“, definiert Falk Reinholz einen Notruf, der schnelles Handeln erfordert.

Dieses fixe Handeln sollte auch bei der Brandmeldung, die gerade aufgenommen wird, selbstverständlich sein. Doch der Anrufer ist alles andere als nüchtern. Er stottert etwas von Feuer, kann es aber weder orten noch seinen eigenen Standpunkt durchs Telefon geben. Und plötzlich ist die Leitung tot. Aufgelegt. So etwas passiert auch. Die Mitarbeiter der Leitstelle wissen aber genau, wer da eben angerufen hat. Alle Nummern sind für sie freigeschaltet. Niemand kann seine Nummer verbergen, selbst wenn er inkognito anrufen will, ploppt die Nummer auf.

Telefonnummern und beruhigende Worte

Gerade laufen an die zehn Einsätze, die auch Stefanie Hollnagel auf ihrem Bildschirm hat. Sie gehört nicht zu denjenigen, die per Headset mit den Notrufenden telefonieren, sondern ganz praktisch, aber verrenkend den Hörer zwischen Schulter und Ohr klemmt. „Manchmal muss man sich ganz schön was anhören“, sagt sie. Einige Anrufer sind ungeduldig, panisch und beschweren sich, warum sich die Leitstellen-Mitarbeiterin nicht gerade dort auskenne, sprich, nicht selbst die Straße wisse, wo das Unglück passiert ist. Geduld ist gefragt, damit Stefanie Hollnagel alle Infos filtern und dem Rettungsdienst weitergeben kann. Das erleichtert die Arbeit der Rettungskräfte, die an 22 Standorten im Landkreis stationiert sind – und ist einem glücklichen Ende dienlich.

Doch selbst wenn die Mitarbeiter einschätzen, dass der Notruf doch kein richtiger Notfall – eben nicht lebensbedrohend – ist, bieten sie ihre Hilfe an. So geben sie beispielsweise die Nummer des Bereitschaftsdienstes von Zahnarzt, Kinderarzt, Tierarzt und Apotheken heraus oder aber ihre beruhigenden Worte wirken auf den Anrufer. Bei den verfügbaren Ressourcen muss Vorsicht walten, denn wenn ein Rettungswagen bei einem Patienten ist, kann er eben zu keinem anderen Notfall eilen.

Um zu wissen, wie es ist, bei der Erstversorgung von Notfällen vor Ort zu sein, müssen sie als Rettungsassistenten auch mehrere Wochen im Jahr Notarzteinsätze mitfahren und mithelfen. Sie sollen sich hautnah ein Bild von den Situationen verschaffen, in denen die Hilfesuchenden sich befinden und die die Rettungskräfte professionell überwinden müssen. Vor allem zum Start in die Urlaubersaison, beispielsweise im Altkreis Müritz, klingeln mitunter die Leitungen heißt, weiß Falk Reinholz, der vor der Kreisgebietsreform die Notrufe in Waren entgegen nahm. „Es kommen Tausende Touristen in den Landkreis, aber keiner von ihnen bringt seinen Arzt mit“, sagt er und spielt damit auf die vermehrten Hilferufe an, die bald eingehen werden.

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