„Soundboks” ist der Name eines Herstellers tragbarer Lautsprecherboxen und für einige Jugendgruppen ein echte
„Soundboks” ist der Name eines Herstellers tragbarer Lautsprecherboxen und für einige Jugendgruppen ein echtes Lebensgefühl. Aristoteles hätte dazu bestimmt auch eine Meinung gehabt. Danny Bende
Mobile Musikboxen

Jugendliche wehren sich gegen Lärm-Vorwürfe

Die Debatte um mobile Musikboxen stößt besonders bei Neubrandenburgs Jugendlichen auf ein großes Echo. Sie fühlen sich zunehmend unerwünscht.
Neubrandenburg

Frühling, Sonne, Boom, Boom, Boom: So langsam lassen es die Temperaturen wieder zu, die ganze Nacht im Freien zu verbringen – und dort zu feiern. An den bekannten öffentlichen Orten in und um Neubrandenburg fanden in den vergangenen Wochen wieder einige private Partys statt und das mit den üblichen Folgen. Junge Leute haben Spaß und für alle anderen, die nicht direkt beteiligt sind, wird es mitunter ganz schön laut. Das hat auch etwas mit den hochgerüsteten Lautsprecherboxen zu tun, die mit ihren großen Akkus genug Power für das ganze Wochenende haben.

Neben dem Kater danach sind dann oftmals auch andere Folgen unübersehbar. Den Nordkurier hatten an den vergangenen Wochenenden Fotos von Spaziergängern erreicht, die sich über den Müll beklagten, der etwa rund um den Strand am Kulturpark herumlag. „Wer feiern kann, kann auch aufräumen”, schreib da etwa ein Leser auf Instagram zu entsprechenden Bildern. Zu sehen waren Vodkaflaschen, Sixpack-Pappe, Becher, Kippen, verteilt auf dem großen Steg am Tollensesee und zielgerichtet neben einem extra dafür aufgestellten Mülleimer platziert. „Dit muss doch wirklich nicht sein!”

Glasscherbe im Fuß

Unappetitlich war auch ein weiteres Foto, das die Redaktion erreichte. Eine Mutter hatte es in der Notaufnahme aufgenommen, es zeigt die Fußverletzung ihres Sohnes, der vor ein paar Jahren in den See sprang und direkt eine zersplitterte Sektflasche erwischte. Dem Jungen gehe es heute wieder gut, schrieb eine Freundin der Mutter. Sie hatte das Foto an die Redaktion geschickt, um auch auf dieses Problem rund um die Partys am See aufmerksam zu machen. „Er hatte Schwein, dass die Sehne nicht ganz durchtrennt wurde.” Ihm bleibe eine dicke Narbe, doch die störe nicht beim Fußballspielen.

Klar, für den Müll sind nicht alle Feiernden gleichermaßen verantwortlich, doch wenn er liegen bleibt, dann versuchen die Leute einen Verantwortlichen zu finden. Und irgendjemand muss ihn dann auch wegräumen.

Jugendliche fühlen sich missverstanden und unerwünscht

Die Diskussionen um den Abfall, die Partys und die laute Musik umtreibt die Menschen in Neubrandenburg schon lange. Viele Jugendliche fühlen sich dabei offenbar missverstanden und unerwünscht. Das zeigten Reaktionen auf Instagram als der Nordkurier zuletzt im Februar über mobile Musikboxen berichtete, wegen derer die Stadt allein im vergangenen Jahr 12.000 Euro an Bußgeld verhängt hatte.

Lärmbelästigung oder ein Ausdruck jugendlicher Freiheit? Die Meinungen gehen bei den Jugendlichen selbst ziemlich auseinander. Weit mehr als 500 Kommentare sammelten sich unter dem Beitrag. „Am hellichten Tage mit lautstarker Musik durch die Innenstadt zu preschen, ist respektlos“, schreibt eine Nutzerin exemplarisch für viele junge Menschen, die von den dumpfen Bässen ebenfalls genervt ist. Man könne seine Musik auch leise hören.

Reportage von einer Partynacht: Belve is Leben, Alter!

Kein Verständnis für Bußgelder

Doch ebenso viele Kommentatoren hatten für die Erhebung von Bußgeldern und das Einsammeln der Boxen kein Verständnis. „Also, ich frage mich ernsthaft, warum wir Jugendlichen heutzutage nichts mehr dürfen. Es wird seit Jahren nicht mehr auf uns Jugendlichen geachtet, es wird immer nur gemeckert und uns wird gefühlt alles verboten“, beklagt ein Nutzer.

So sieht es auch ein 13-jähriger Schüler aus dem Umland, der zum Schutz anonym bleiben möchte. Er sei selbst regelmäßig mit der Box auf dem Rücken unterwegs. „Ich habe die aber noch nie voll aufgedreht“, betont er, als ihn der Nordkurier im Februar befragte. Regelmäßig treffe er sich mit Freunden, etwa auf dem Wall. Die Gruppe bleibe dabei schon extra in Bewegung. Nicht allein, um den Störfaktor gering zu halten, sondern auch, um nicht von den Ordnungshütern erwischt zu werden. Es gebe sicher auch Altersgenossen, die es übertreiben, reflektiert der 13-Jährige.

Doch ihn und seine Freunde beschleiche verstärkt das Gefühl, in der Stadt einfach nicht mehr erwünscht zu sein. „Egal wo wir sind, werden wir angemeckert und sollen wieder weg“, sagt er. Dabei gebe es gerade in Corona-Zeiten ohnehin schon kaum Möglichkeiten, sich außerhalb der Schule mal zu treffen.

So scheint die jetzige Debatte um die Musikboxen in das alte Leid mit dem Umgang der Jugendlichen in der Stadt generell zu passen. Auf die Verschmutzungen am Belvedere hat die Stadt mittlerweile mit einer strengen Verordnung und neuen Ruhezeiten reagiert. Das bringt ihr bei den Jugendlichen ebenso Vorwürfe ein wie das Erheben von Bußgeldern.

Ein häufiges Bild in der Stadt: Jugendliche, die mit großen Lautsprechern auf dem Rücken durch die Stadt laufen. Das Modell des Herstellers "Soundboks" ist sehr beliebt. (Foto: Simon Voigt)

Jugendbeauftragte will sich an die Schulen wenden

Seit Februar hält Neubrandenburg eine eigene Jugendbeteiligungsmanagerin vor. Diese will sich an die Schulen wenden, um Jugendliche direkt anzusprechen und zu ermuntern, sich aktiv einzubringen, erläuterte Christian Jenewsky, der städtische Koordinator für Generationen. Gleichzeitig konstituierte sich eine neue Arbeitsgruppe, in der Jugendliche ebenso sitzen wie Stadtvertreter. Bislang hätten die Jugendlichen als einzige Gruppe keine Lobby und das solle sich ändern, so Jenewsky.

Für den 13-jährigen Neubrandenburger Schüler, der selbst gerne mit der Lautsprecherbox durch die Stadt zieht, zählt bis dahin vor allem eines: „Wir müssen mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Aber auch für die anderen Verständnis haben.“

Fakt ist auch: Dieser Konflikt ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Das zeigt sich auch an diesem Zitat, das dem griechischen Philosophen Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) zugeschrieben wird:

"Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere heutige Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen."

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