„Nicht mehr wegzudenken” sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Persona
„Nicht mehr wegzudenken” sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Personal und Verwaltung zuständige Johann Dell – und trainieren kann sie hier auch. Susanne Schulz
„Nicht mehr wegzudenken“ sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Persona
„Nicht mehr wegzudenken“ sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Personal und Verwaltung zuständige Johann Dell – und trainieren kann sie hier auch. Susanne Schulz
„Nicht mehr wegzudenken” sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Persona
„Nicht mehr wegzudenken” sei die 21-jährige Kim-Lara Asmus aus dem Fitnessstudio, findet der für Personal und Verwaltung zuständige Johann Dell. Susanne Schulz
Behinderung

Junge Frau passt trotz Handicap super als Fitnessstudio-Azubi

Viele Firmen tun sich schwer, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen. Ein Fitnessstudio macht das möglich – mit positiven Erfahrungen auf beiden Seiten.
Neubrandenburg

In einem Fitnessstudio zu arbeiten, hätte sich Kim wohl vor drei Jahren noch nicht träumen lassen – und ihr heutiger Chef hätte ihr das womöglich auch nicht zugetraut. Denn der jungen Frau sind Einschränkungen durchaus anzusehen. Kim-Lara Asmus ist Spastikerin; Orthesen stützen zum Beispiel ihre Beine, deren Muskulatur durch eine Schädigung im Gehirn oder Rückenmark über Gebühr unter Spannung steht.

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Aber die 21-Jährige mit dem Förderschulabschluss will arbeiten und hat dafür mit Unterstützung ihrer Betreuerin aus dem Bildungszentrum schon einiges versucht. Zunächst mit ernüchternden Ergebnissen: Der Bürojob hätte mehr Schnelligkeit, die Arbeit in einem Blumenladen eine bessere Feinmotorik erfordert. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Wie wär‘s mit einem Fitnessstudio, Geräte putzen?

„Es gibt unzählige Kleinigkeiten zu tun, die Zeit kosten“

Johann Dell muss unwillkürlich lachen, wenn er heute diese „Aufgabenbeschreibung“ hört. Denn daraus ist sehr viel mehr geworden, weiß der Verwaltungs- und Personalverantwortliche des Neubrandenburger Studios MaxxGym. „Jeder hat eine Chance verdient“, kommentiert er die damalige Anfrage zu einem Praktikum für eine junge Frau mit Behinderung.

Zumal in einem Fitnessstudio halt nicht nur die fitten jungen Trainer tätig sind, die zeigen, was Sport bewirken kann. „Es gibt unzählige Kleinigkeiten zu tun, die Zeit kosten“, erklärt Dell – hier was nachfüllen, da was reinigen, dort eine Handreichung oder Anfrage. „Das ist eine ganz Fleißige“, wurden Kollegen schon nach wenigen Tagen auf die Neue aufmerksam, die nicht wartet, bis ihr eine Aufgabe übertragen wird, sondern sieht, was zu tun ist.

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Selbst als das Studio wegen des Corona-Lockdowns schließen musste, drängte Kim darauf, weiter zu arbeiten. „Dieser Einsatz hat mich begeistert“, sagt Dell, für den die junge Kollegin längst „nicht mehr wegzudenken“ ist. Zunächst über geförderte Maßnahmen in dem Studio beschäftigt, hat sie mittlerweile einen Arbeitsvertrag, der ebenfalls über einen längeren Zeitraum von der Bundesagentur für Arbeit gefördert wird.

Gesetzliche Pflicht oder Ausgleichsabgabe

Überhaupt gibt es vielerlei Unterstützung für Betriebe, die schwerbehinderte Menschen beschäftigen. „Viele Unternehmen zeigen bereits, wie Inklusion im Arbeitsleben funktionieren kann“, bestätigt Thomas Besse, Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Neubrandenburg. „Und doch braucht es immer wieder gute Beispiele, um das sichtbar zu machen.“ Vielfach sei dabei weniger die Behinderung ein Problem als fehlende Arbeitsplatzausstattung, auch da gebe es Fördermöglichkeiten durch die Agentur.

Nicht zuletzt trägt diese Unterstützung dazu bei, eine gesetzlich verankerte Pflicht einzulösen. Denn Firmen mit mindestens 20 Beschäftigten müssen dem Sozialgesetzbuch zufolge mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit einer Behinderung vergeben – bei einem Betrieb mit 20 Mitarbeitern wäre das eine Stelle. Für jeden unbesetzten Platz muss eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden, die monatlich von 140 bis zu360 Euro betragen kann.

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Doch nicht allein finanzielle Erwägungen und auch nicht vordergründig Anlässe wie den internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember sieht Thomas Besse als Motive für eine Einstellungsentscheidung: Gerade Menschen, für die Einschränkungen und Benachteiligung zum Alltag gehören, brächten oft hohe Motivation, Verlässlichkeit und Identifikation mit dem Unternehmen mit.

So erlebt es auch Johann Dell: „Kim ist nicht nur eine Ergänzung, sondern ein Gewinn für uns“, sagt der Personalchef. Ohnehin lasse sich nicht aus einem Schulzeugnis ablesen, wie gut jemand zur Arbeit und zum Team passt: „Da geht es weniger um den IQ als um einen EQ, um die emotionale Intelligenz.“ Anfangs sehr schüchtern, habe die junge Frau sich mit ihrem freundlichen Naturell zum guten Geist des Studios entwickelt. Ohne dabei eine Sonderrolle einzunehmen: „Ich behandle sie genauso, übertrage ihr Aufgaben und Verantwortung wie allen anderen Kollegen“, stellt Dell klar.

Massagesessel ist für Pausen der Lieblingsort

In dem Studio werden Menschen im Alter von 14 bis 84 Jahren, vom Reha-Sport bis zum Muskeltraining betreut von bis zu 20 Kursleitern sowie sieben festangestellten Mitarbeitern. Eine davon ist Kim, mit 30 Stunden pro Woche Arbeitszeit. Auf ihrem E-Roller saust sie morgens zum Studio, das vor einem Jahr vom innenstadtnahen Stadtringtreff in ein ehemaliges Autohaus im Industriegebiet umzog.

„Mehr Platz, mehr Licht, mehr Parkmöglichkeiten“, kommentiert der Verwaltungschef die Vorzüge des neuen Standorts. Und Kim weiß besonders zu schätzen, dass jetzt alle Räume auf einer Ebene liegen und sie nicht mehr Treppen steigen muss. In den Pausen übrigens ist der Massagesessel ihr Lieblingsort, in der Freizeit trainiert sie in der Neubrandenburger Rollstuhltanz-Gruppe.

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Auch im Fitnessstudio hat sie festgestellt, dass Sport ihren Muskeln gut tut, ihre Beschwerden bessert. Vor allem aber hat sie immer mehr Aufgaben für sich erobert. „Einfach mal ausprobieren“, ist auch das Motto, das sich für Johann Dell mit der Einstellung der jungen Frau bestätigt hat. „Warum machen das nicht alle?“ fragt er sich und kann sich als Erklärungen etwa Sorgen ums Inventar, um die Betreuung von Kollegen mit Behinderung oder um die Kosten vorstellen.

Die Fördermöglichkeiten wiederum seien vielleicht zu wenig bekannt. Das will die Arbeitsagentur ändern und ermuntert Interessenten, sich beim Arbeitgeberservice oder dem Jobcenter beraten zu lassen unter der kostenfreien Nummer 0800-4555520.

 

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