Seit zehn Jahren lebt der 98-jährige Norbert Langenberger im Friedländer Seniorenpark. Hören und Sehen fäl
Seit zehn Jahren lebt der 98-jährige Norbert Langenberger im Friedländer Seniorenpark. Hören und Sehen fällt ihm schwerer mit der Zeit, doch sonst gehe es ihm gut, sagt er selbst. Henning Stallmeyer
Mit seinem selbst gebauten Traktor pflügte er nicht nur seinen Garten, sondern half auch stets den Nachbarn.
Mit seinem selbst gebauten Traktor pflügte er nicht nur seinen Garten, sondern half auch stets den Nachbarn. Henning Stallmeyer
Mit 18 kam er zur Armee. Als Soldat war er in Frankreich stationiert.
Mit 18 kam er zur Armee. Als Soldat war er in Frankreich stationiert. Henning Stallmeyer
Aus Einzelteilen baute sich der pfiffige Norbert Langenberger seinen eigenen Traktor.
Aus Einzelteilen baute sich der pfiffige Norbert Langenberger seinen eigenen Traktor. Henning Stallmeyer
Sein erstes eigenes Auto, ein IFA F9.
Sein erstes eigenes Auto, ein IFA F9. Henning Stallmeyer
Hauptsächlich lebe er in der Vergangenheit, sagt Langenberger heute. Dabei helfen ihm die vielen Fotos, die sein Zimmer s
Hauptsächlich lebe er in der Vergangenheit, sagt Langenberger heute. Dabei helfen ihm die vielen Fotos, die sein Zimmer schmücken. Henning Stallmeyer
An diesem Tisch spielt sich heute die meiste Zeit des Alltags von Norbert Langenberger ab.
An diesem Tisch spielt sich heute die meiste Zeit des Alltags von Norbert Langenberger ab. Henning Stallmeyer
Lebensgeschichte

Krieg, Liebe und gute Ideen – wenn ein 98-Jähriger zu erzählen beginnt

Ein bewegtes Leben liegt hinter Norbert Langenberger: Er wurde aus seiner Heimat vertrieben, überlebte den Krieg – und fand sein Glück schließlich in der Nähe von Friedland.
Neubrandenburg

Norbert Langenberger hatte immer gute Einfälle. Zwei von ihnen haben sein Leben gerettet. Beim ersten Mal war er fast noch ein Kind. Es war das Jahr 1940, Hitler und Stalin hatten Polen unter sich aufgeteilt. Norbert Langenberger lebte damals als 16-jähriger Junge in Galizien, einer Grenzregion zwischen Polen und der Ukraine. Mit Sack und Pack musste seine Familie schlagartig die Gegend verlassen und nach Westen, Richtung Deutschland, ziehen. So sah es der Hitler-Stalin-Pakt für alle Deutschstämmigen im Land vor. Denn ursprünglich stammten die Langenbergers aus dem ehemaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn.

Wenn man Norbert Langenberger von früher erzählen hört, kann man kaum glauben, dass man es mit einem 98-jährigen Mann zu tun hat. So lebendig wirken seine Geschichten und seine sehr detailreichen Erinnerungen, dass man meint, diese Ereignisse können höchstens ein paar Tage zurückliegen. Nur manchmal gerät er ins Stocken, dann fällt ihm ein bestimmter Ortsname nicht mehr ein. Das ärgert ihn, er richtete sich dann in seinem Rollstuhl auf, schnipst mit dem Finger, ballt die Hand zur Faust und haut damit auch schon mal sacht auf den Tisch. Und dann fällt es ihm plötzlich wieder ein und der Senior lächelt, lehnt sich erleichtert zurück und erzählt die Geschichte weiter.

Lange Reise in die neue Heimat

1940 wurden Kinder und Frauen mit der Bahn transportiert, die Männer sollten mit Pferden und Karren das wenige Hab und Gut in die neue Heimat schaffen. Doch Langenbergers Vater verlor im Ersten Weltkrieg ein Bein und hätte alleine die lange Reise nicht geschafft, so musste Norbert beim Vater bleiben. Im Januar 1940 bei minus 20 Grad Außentemperatur ging der Marsch los. „Viele haben die Strecke nicht geschafft. Die Füße sind abgefroren oder der Karren brach entzwei, weil die Wege glatt waren und man die Straße nicht erkennen konnte“, erinnert sich Norbert Langenberger viele Jahre später.

Doch vor diesem Schicksal wurden Vater und Sohn verschont. Sie kamen auf eine einfache Idee, um sich vor der Kälte zu schützen. Sie haben Stroh zu langen Zöpfen geflochten. „Wie die Mädchen“, beschreibt Langenberger. Dann haben Sie daraus Zylinder geformt und zusammengebunden, sodass ihre Stiefel hineinpassten. Mit der zusätzlichen Isolation überlebten sie den langen Marsch in Richtung Deutschland.

Über Umwege landete die Familie schließlich in Mecklenburg, genauer gesagt in Beseritz, zehn Kilometer von Friedland entfernt. Dort lebte er lange glücklich, heiratete und gründete seine eigene Familie. Seine Eltern übernahmen dort ein kleines Gut und bauten so ziemlich alles an, was auf dem acht Hektar kleinen Land wuchs. „Hauptsächlich natürlich Rüben“, erinnert sich Norbert Langenberger, der später in Neubrandenburg noch zum Landmaschinenschlosser ausgebildet wurde.

Pfiffige Idee: Traktor aus alten Ersatzteilen gebaut

Wenn er die schönsten Anekdoten seines Lebens zum Besten gibt, fangen seine kleinen Augen an zu leuchten. Dann erzählt er, wie er aus Einzelteilen seinen eigenen Traktor gebaut hat. Die Lenkung montierte er von einem ausrangierten Trabi ab, die Hinterachse von einem Skoda Oktavia. Die Anhängerkupplung, wo der Pflug aufgehängt wurde, baute er von einem alten Wartburg ab. Wieder ein guter Einfall des pfiffigen Beseritzers. Mit dem Traktor Marke Eigenbau bestellte er nicht nur seinen, sondern auch die Gärten seiner Nachbarn.

Doch er erinnert sich auch an die schlimmen Momente in seinem Leben. Dann zittern manchmal seine Hände, während er spricht. So auch, als er vom Krieg und seiner Gefangenschaft berichtet. Zwei Wochen nach seinem 18. Geburtstag wurde Norbert Langenberger Soldat und an die Westfront nach Frankreich versetzt. Dort versorgte er die Pferde für die Kavallerie. Nach Kriegsende kam er in französische Gefangenschaft. Da begann für ihn das Elend. „Ich magerte auf 30 Kilogramm ab“, schildert er, „Ich war sicher, dass ich das nicht überleben würde“.

Tagtäglich musste er bei Grabenaushebungen schwer schuften, brach mehrfach zusammen. Doch immer wieder wurden Gefangene auf die Bauernhöfe in der Umgebung zum Arbeiten geschickt, da waren die Arbeitsbedingungen besser. „Ich musste da irgendwie hinkommen. Aber die Offiziere wählten immer nur die älteren, erfahrenen Bauern unter den Gefangenen aus.“ Da kam ihm der zweite lebensrettende Einfall in seinem Leben. Während er in den Gräben ackerte, sammelte er weggeworfene Tabakstängel, kratzte die Schale ab, schnitt das Mark heraus und trocknete es in seiner Baracke. „Daraus habe ich Machorka gemacht“, erklärt Norbert Langenberger fast siebzig Jahre später stolz. Machorka, eine bei russischen Soldaten beliebte Tabakmischung, auch als Bauern-Tabak verschrien.

Tabak rettete sein Leben in der Kriegsgefangenschaft

Damit stopfte er einem einflussreichen Gefangenen, einem deutschen Feldwebel, jeden Tag eine Pfeife. Und dieser Feldwebel hatte Einfluss bei den französischen Offizieren und sorgte dafür, dass Norbert raus zu den Bauernhöfen durfte. „Das hat mein Leben gerettet“, fasst der 98-Jährige ganz ernst zusammen. Auf den Bauernhöfen kam er wieder zu Kräften, die Arbeit war leichter. 1948 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft nach Beseritz zurück und übernahm das Land seiner Eltern.

Oben im Kopf sei er zum Glück noch ganz klar, sagt 98-Jährige selbst. Nur Sehen und Hören fällt ihm immer schwerer. Aber das sei okay für sein Alter, meint er schmunzelnd. Weil eine Operation nicht ganz nach Plan verlief, ist er seit 2009 auf den Rollstuhl angewiesen. Seit zehn Jahren lebt er im Friedländer Senioren-Wohnpark. In diesem Jahr feierte er dort sein zehnjähriges Jubiläum. Seine Zeit vertreibt er sich mit Musizieren, er spielt seit seinem 16. Lebensjahr Akkordeon, schreibt inzwischen eigene Lieder und komponiert die Musik dazu. 2016 schrieb er zudem seine eigene Biografie.

„Meine Enkelin brachte mich auf die Idee. Die sagte immer: ,Opa, du hast so viele Geschichten, schreib sie doch mal auf.‘“ Gesagt, getan. An seinem Schreibtisch verfasste er 84 Seiten, die sein Leben erzählen. Das habe ihm Spaß gemacht, aber er habe das Schreiben auch sehr ernst genommen. Ortsangaben überprüfte er akribisch im Atlas und auf seiner Landkarte, die als Schreibtischunterlage fungiert. Daneben liegen immer ordentlich Lineal, Zirkel und darüber fein säuberlich geordnete Stifte. Sein Sohn tippte die Biografie dann in den Computer und druckte das Buch aus.

Musik und Schreiben als Hobby

In dem Buch stehen alle Geschichten, die er seiner Enkelin erzählt hat. Zum Beispiel, wie er 1957 sein erstes eigenes Auto, einen IFA F9, kaufte. Wie er damit ohne Karte tagelang durch die Tschechoslowakei irrte und von einem örtlichen Gangster den Weg gezeigt bekam. Oder wie er seine Frau nach dem Krieg kennenlernte. Er lieh sich ein Fahrrad und fuhr 54 Kilometer nach Krumbeck in der Feldberger Seenlandschaft, um seine Herzensdame für sich zu gewinnen – mit Erfolg. Nur der Rückweg gestaltete sich schwierig, denn nach drei Kilometern hatte er einen platten Reifen. „Bis nach Woldegk kam ich. Zwischendurch musste ich immer wieder aufpumpen. Und da kamen wieder meine guten Ideen ins Spiel“, grinst der Rentner schelmisch.

Er klopfte am Sonntagabend an jede Tür, bis ihm eine ältere Dame öffnete. Er verlangte nach einem Eimer Wasser, ließ die Luft raus, füllte den Schlauch mit dem Wasser, und pumpte wieder Luft rein. „Bis er ganz hart war“, erinnert sich Norbert Langenberger. Irgendwie bekam er das Loch abgedichtet und mit dieser eigenartigen Flick-Methode schaffte er den 50 Kilometer langen Rückweg und kam spät in der Nacht zu Hause an. Das klingt abenteuerlich, aber genau so ist es passiert, beteuert er lächelnd. Es macht ihm sichtlich Spaß, seine Geschichten zu erzählen.

Für sein restliches Leben erwartet der 98-Jährige nicht mehr viel: „Ich lebe viel in der Vergangenheit, wenn ich ehrlich bin. Das Heute und das Morgen, damit habe ich nicht mehr viel zu tun. Ziele setze ich mir nicht mehr“, sagt er leise, nur um sich kurz darauf zu freuen, dass ihm gerade eine schöne Melodie durch den Kopf geht, die er sogleich in seinem Notizbuch festhält. Daraus will er ein Lied komponieren über den Frühling, sagt er. Schon wieder ein guter Einfall. Norbert Langenberger hat also doch noch Ziele im Leben.

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