SPEZIALLAGER FÜNFEICHEN

Verband sauer über Ende der Diktatur-Hilfe

Im Jahr des Wende-Jubiläums würdigen einstige Fünfeichen-Häftlinge und deren Angehörige vor allem das Ende des Schweigens. Umso unverständlicher für die Opferverbände, dass die Frist für Entschädigungsansprüche ausläuft.
Susanne Schulz Susanne Schulz
Am südlichen Gräberfeld des Internierungslagers wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst an die Toten erinnert.
Am südlichen Gräberfeld des Internierungslagers wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst an die Toten erinnert.
Die Tochter eines einstigen Häftlings trennte sich von dem Aluminiumgeschirr, das ihr Vater einst im Lager gefertigt hatte. Rita Lüdtke (rechts), Vorsitzende der AG Fünfeichen, übergab die Erinnerungsstücke an Vize-Oberbürgermeisterin Sabine Renger für die Sammlung des Regionalmuseums.
Die Tochter eines einstigen Häftlings trennte sich von dem Aluminiumgeschirr, das ihr Vater einst im Lager gefertigt hatte. Rita Lüdtke (rechts), Vorsitzende der AG Fünfeichen, übergab die Erinnerungsstücke an Vize-Oberbürgermeisterin Sabine Renger für die Sammlung des Regionalmuseums.
Neubrandenburg.

„Wir sind aus allen Wolken gefallen“, erinnert sich Siegfried Bruhn an jene Zeit nach der Wende, als sein Vater erstmals vom Internierungslager Fünfeichen erzählte. Jahrzehntelang hatte er geschwiegen – der Weisung folgend, die den überlebenden Häftlingen mit Strafe drohte, wenn sie über ihre Leidenszeit redeten.

Dass die sowjetischen Befreier im Osten Deutschlands sogenannte Speziallager betrieben für ehemals aktive Nazis oder solche, die sie dafür hielten, war ein Tabu-Thema. Dass die friedliche Revolution endlich auch ein Ende des Schweigens ermöglichte, ist in diesem Jahr das zentrale Thema im Wirken der 1991 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen.

Von den mehr als 15.000 Menschen, die seit 1945 in dem vorherigen Kriegsgefangenenlager interniert waren, wurden im Sommer 1948 noch rund 5000 in die Freiheit entlassen. Der 91-jährige Willi Bruhn ist einer von inzwischen nur noch 63 Überlebenden. Wie jedes Jahr begleitet ihn sein Sohn Siegfried zur Jahresgedenkveranstaltung der AG Fünfeichen, die mehr als 150 Teilnehmer zählt – einstige Häftlinge, deren Angehörige und viele andere, die sich um die Aufarbeitung jener Zeit bemühen.

Berichte von Zeitzeugen dokumentiert

„Unsere wichtigste Aufgabe ist die Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Rita Lüdtke, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft. Über die Reste und Trümmer des Lagers sei sprichwörtlich Gras gewachsen. Doch was hier geschah, dürfe nicht vergessen werden. So werden in Filmen die Berichte von Zeitzeugen dokumentiert – wie der eines Mannes, der bei der Heimkehr im Hausflur als erstes sein eigenes Bild mit einem schwarzen Trauerflor erblickte. Denn meist hatten die Angehörigen niemals Nachricht vom Schicksal der ohne Anklage und Urteil Verhafteten erhalten.

Nicht nur in den Familien, auch in der Gesellschaft habe die Existenz der „Schweigelager“ Spuren hinterlassen, unter die nicht einfach ein Schlussstrich gezogen werden dürfe, fordert die AG Fünfeichen. Gemeinsam mit anderen Opferverbänden kämpft sie daher gegen die Entscheidung, dass Ansprüche aus dem SED-Unrechtsbereinigungsgesetz nur noch bis Ende 2019 geltend gemacht werden können. „Erlittenes Unrecht darf kein Verfallsdatum haben“, fordert Rita Lüdtke und wendet sich entschieden gegen die „unverständliche Botschaft, 30 Jahre nach der friedlichen Revolution die Hilfe für Opfer der Diktatur einzustellen“.

In Geschichte der Stadt aufgenommen

Die politische Wende habe auch den „Aufbruch in die Freiheit der Erinnerung“ bewirkt, sagte Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, in seiner Gedenkansprache zum ökumenischen Gottesdienst auf dem Gräberfeld des Internierungslagers. In Neubrandenburg habe damals sofort eine öffentliche Aufarbeitung begonnen, sei die unheilvolle Geschichte der Lager in Fünfeichen vorbildlich in die Geschichte der Stadt aufgenommen worden. Aufgabe der heutigen Akteure sei es auch, angesichts von immer weniger Zeitzeugen die Erinnerung an nachfolgende Generationen weiter zu geben.

In wörtlichem Sinne leistet dies auch ein Päckchen, das die Arbeitsgemeinschaft von der Tochter eines ehemaligen Häftlings bekam. Es enthielt Essgeschirr aus Aluminium, das ihr Vater im Lager gefertigt hatte. Die Zeugnisse einer leidvollen Zeit sollen in die Sammlung des Regionalmuseums aufgenommen werden.

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