MORDPROZESS

Leonies Vater vor Gericht: „Alles explodierte in meinem Kopf“

Zwei Stunden saß er im Zeugenstand – weinend, jammernd, verzweifelnd: Oliver E, leiblicher Vater der getöteten Leonie, ließ im Landgericht Neubrandenburg tief in seine geschundene Seele schauen.
Andreas Becker Andreas Becker
Durfte seine Tochter Leonie über Jahre kaum sehen: der leibliche Vater des im Januar 2019 getöteten Mädchens.
Durfte seine Tochter Leonie über Jahre kaum sehen: der leibliche Vater des im Januar 2019 getöteten Mädchens. Andreas Becker
Neubrandenburg.

Es ist Montag, der 14. Januar 2019, die kleine Leonie ist seit 48 Stunden tot. Oliver E., leiblicher Vater des Mädchens, weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den dramatischen Geschehnissen in Torgelow. „Meine Schwester hat mich an diesem Montag auf einen Bericht im Nordkurier aufmerksam gemacht. Dort wurde über eine Tragödie mit einem kleinen Mädchen berichtet“, erzählt Leonies leiblicher Vater mit tränenerstickter Stimme. Oliver E. weiter: „Sofort habe ich dann versucht, die Mutter Leonies auf ihrem Handy zu erreichen.“ Die lebte seinerzeit mit ihrem Lebenspartner David H. in Torgelow.

Nervenzerreißender Kampf um das Sorgerecht

Doch statt der Mutter Janine Z. geht Stiefvater David H. ans Telefon: „Du Froschkönig, ist das meine Leonie, die tot ist?“, fragt Oliver E. seinen Nebenbuhler voller grausamer Vorahnung. „Ja, das ist Deine Leonie“, antwortet David H., dem die Staatsanwaltschaft Mord durch Unterlassen und Misshandlungen von Schutzbefohlenen vorwirft.

Keine Polizei, kein Jugendamt, keine Notfallseelsorgerin – nein, der Mordangeklagte überbrachte dem Vater der getöteten Leonie die Todesnachricht. Wieder einmal bricht für Oliver E. seine Welt zusammen.

Rückblende: Silvester 2011. Oliver E. und Janine Z. lernen sich kennen und lieben. Auf den Tag genau ein Jahr später kommt die gemeinsame Tochter Leonie zur Welt. „Wir waren eine kleine glückliche Familie – hatten eine tolle Tochter, eine Wohnung jeder einen Führerschein“, blickt Oliver E. im Zeugenstand auf jene Zeit zurück. Doch das Glück verblasst – Oliver E.,muss viel arbeiten, seine Frau ist viel allein zu Hause, auch das zweite Kind, der im August 2016 geborene Noal-Joel, kittet die Risse in der Beziehung nicht mehr. Zum endgültigen Bruch kommt es, als Janine Z. im Herbst 2016 mit David H., zu dem Zeitpunkt Arbeitskollege und Freund von Oliver E., durchbrennt.

„Als ich gehört habe, dass David Händchen haltend mit Janine und den Kindern durch Wolgast spaziert, ist alles in meinem kopf explodiert“, erinnert sich der Vater. „Frau weg, Kinder weg“, flüstert Oliver E. – und weint vor Gericht.

+++ Alle Nordkurier-Artikel zum Mordfall Leonie finden Sie hier. +++

Leonies Vater stand am Abgrund

Nach der Hiobsbotschaft folgt der Absturz – Alkohol- und Drogenexzesse, Selbstmordgedanken, geschlossene Psychiatrie. Die Welt von Leonies leiblichem Vater liegt in Trümmern. Nur mühsam berappelt sich Oliver E., es beginnt ein nervenzerreißender Kampf um Sorge- und Umgangsrecht. „Mit Hinweis auf Alkohol und Drogen verweigerte Janine mir unsere Kinder“, sagt der leibliche Vater von Leonie und Noah-Joel. Dabei ist Janine Z. selbst nicht sauber. „Sie hat Amphetamine genommen – am Wochenende oder abends, wenn die Kinder im Bett waren“, berichtet Oliver E.

„Immer wieder bin ich gegen Wände gelaufen. In der Kita durfte ich die Kinder nicht mehr abholen, das Jugendamt verwies mich an die Volkssolidarität – ich sah meine Kinder weder an Weihnachten noch zu den Geburtstagen“, sagt der leibliche Vater. Erst zwei Jahre nach der Trennung – im September 2018 – erzielt Oliver E. durch anwaltliche Hilfe vor dem Amtsgericht Greifswald einen Teilerfolg. Ab November 2018 soll er alle drei Wochen – jeweils von Freitag, 16 Uhr, bis Sonntag, 11 Uhr, die Kinder sehen dürfen.

Doch das Urteil des Gerichts wird von der Realität schnell überholt. Am 2. November, dem ersten vereinbarten Besuchstermin, steht Oliver E. in Torgelow vor verschlossenen Türen. David H. und Janine Z. lassen ihn nicht rein – der leibliche Vater alarmiert die Polizei. Auch die klingelt – doch keiner macht auf.

Damit nicht genug – weitere Besuchstermine im Dezember, zu Weihnachten und zu Leonies Geburtstag am Silvestertag finden nicht statt. „Mit fadenscheinigen Begründungen wurden die Termine abgesagt“, sagt Oliver E. und äußert seine Version für die Besuchsabsagen: „Die wollten verhindern, dass ich die Verletzungen bei den Kindern sehen.“ Bereits Monate zuvor hatte Oliver E. bei der Polizei Anzeige wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung erstattet. „Ich habe aber nie erfahren, was aus der Anzeige geworden ist“, zuckt Oliver E. vor Gericht mit den Schultern – wischt sich die Tränen ab und greift in einer kurzen Vernehmungspause verzweifelt zu einer mitgebrachten Packung Gummibärchen.

Zur Jahreswende 2018/19 ist die Geduld von Oliver E. aufgebracht – zu diesem Zeitpunkt hat er seine Kinder seit weit über zwei Jahren kaum mehr als zwei- oder dreimal gesehen. Per WhatsApp droht er Janine Z. damit, dass er das vom Amtsgericht Greifswald ausgesprochene geteilte Sorgerecht für sich alleine beanspruchen wolle – „und das er jetzt die Faxen dicke habe“. Janine Z. antwortet durchaus moderat, bittet am 8. Januar ebenfalls per WhatsApp um Geduld und ein Gespräch.

Kurz vor Leonies Tod gab es einen heftigen Beziehungsstreit

Die leibliche Mutter selbst steht an diesem Tag unter starkem Druck – die Beziehung zu David H. kriselt. Die Mutter von Janine Z., die 49-jährige Jeanette Z. berichtet dem Gericht völlig aufgelöst, weinend, schluchzend und nahe am Nervenzusammenbruch: „Ich habe an dem Tag dreimal mit meiner Tochter telefoniert, beim 40-minütigen Gespräch am Abend habe ich am Telefon den heftigen Streit zwischen den beiden live mitgehört.“

Die Oma Leonies rät ihrer Tochter zur Trennung – wie auch zuvor bereits andere Freundinnen aus dem Umfeld von Janine Z. Leonies Mutter selbst ist hin- und hergerissen, ob sie sich eine neue Bleibe suchen soll. Die Entscheidung wird ihr auf grausame Weise abgenommen – vier Tage nach dem heftigen Beziehungsstreit ist Leonie tot.

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Kommentare (1)

..sieht auch nicht gerade so aus, als könnte ihn kein Wässerchen trüben!
Das ist doch eine Assi-Familie und die kleine Leonie ist das Opfer all dieser verkommenen Menschen!