LESUNGEN

Leseduell zwischen Syrer und Sarrazin in Neubrandenburg

Unterschiedlicher können Schriftsteller und ihr Blick auf Deutschland kaum sein. Da ist Thilo Sarrazin und seine Angst vor den Folgen islamischer Zuwanderung. Und da ist Rafik Schami, der vor fast 50 Jahren aus Syrien nach Deutschland kam.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Thilo Sarrazin (SPD) liest heute zur gleichen Zeit wie Schami in Neubrandenburg.
Thilo Sarrazin (SPD) liest heute zur gleichen Zeit wie Schami in Neubrandenburg.
Neubrandenburg.

Das war von den Veranstaltern wohl nicht so vorausgeplant. Zur gleichen Zeit lesen am Donnerstag in Neubrandenburg zwei Autoren, die unterschiedlicher kaum sein können: Thilo Sarrazin (SPD) präsentiert im Haus der Kultur und Bildung (HKB) seinen Bestseller „Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft”.

Nur wenige 100 Meter weiter, im Güterbahnhof, liest ein Schriftsteller, den Sarrazin seiner Weltanschauung entsprechend als „Feind” und als Gefährder seines Heimatlandes ansehen müsste: Rafik Schami, der aus Syrien stammt und bereits seit 1971 in Deutschland lebt und schreibt.

Die Lesung Sarrazins ist ausverkauft. Seine Untergangszenarien sind spätestens seit 2015 gefragter denn je. Der Veranstalter, der im Hintergrund bleiben wollte, hat noch einmal zusätzliche Stühle bereitstellen lassen, so dass 500 Zuhörer erwartet werden, die für eine Karte immerhin 20 Euro hinblättern mussten. Die Lesung von Rafik Schami ist von der Thalia-Buchhandlung organisiert worden. Karten zum Preis von 18 Euro wird es auf jeden Fall noch an der Abendkasse geben.

Der Name Sarrazin kann vom arabischen Stamm der Sarazenen hergeleitet werden

„Ich wollte nur Geschichten erzählen”, so der Titel des aktuellen Bandes von Schami, über das er auch heute sprechen will. Der Titel klingt bescheiden. Bescheiden, so liest sich auch die Sammlung von Essays des Bandes. Schami verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger. Eher spielerisch und humoristisch setzt er sich mit Themen wie dem Schreiben, den Arabern, der neuen Heimat Deutschland und seinen eigenen Wurzeln auseinander.

Etwa in dem Text „Unter-vier-Augen-Kämpfer”. Immer wieder verkrampfen auch wir Journalisten, wenn wir die Herkunft von Menschen aus der Fremde beschreiben wollen, die seit längerem in Deutschland leben. Gerne ist dann von „Wurzeln” die Rede. Schami beschreibt die Begegnung mit einem Schriftsteller, der sich selbst als „Araber mit deutsch-türkisch-kurdisch-persisch-jüdischen Wurzeln” bezeichnet. Seine Frau sei Italienierin mit „spanisch-griechisch-kroatisch-schwedischen Wurzeln”. „Dass er seine Tochter nicht UNO genannt hat, ist erstaunlich.”

Apropos Wurzeln. Woher stammt eigentlich der Name Sarrazin? Der Familienname kann vom arabischen Stamm der Sarazenen hergeleitet werden, hat ein Namensforscher der Universität Leipzig herausgefunden. Die Sarazenen waren ein muslimischer Volksstamm der arabischen Halbinsel Sinai und beteiligten sich an der Besetzung Südosteuropas ab dem Jahre 700.

In einem Punkt findet sich eine Gemeinsamkeit zwischen Sarrazin und Schami

„Sarrazin“ habe später in Deutschland die Bedeutung „Mann aus dem Morgenland“ gehabt. Nach der Vertreibung aus Spanien floh ein Teil der Mauren nach Frankreich, wohl auch Thilo Sarrazins Urahnen, die Hugenotten aus Lyon gewesen sein sollen und sich später in Deutschland ansiedelten. In diesem Zusammenhang darf an einen anderen Buchtitel Sarrazins erinnert werden: „Deutschland schafft sich ab” (2010).

Die Araber haben Spanien im Mittelalter mit ihrer Kultur positiv geprägt, ähnlich wie Europa heute von vielen anderen Kulturen geprägt wird, was wir angesichts der immer wieder beschworenen Terror- und Kriminalitätsgefahren verdrängen. Schami, der sich als Satiriker im Dienste der Minderheit sieht, will uns mit seinen vielfach preisgekrönten Texten die Kultur seiner Heimat näherbringen.

Zugleich hält er uns Deutschen charmant den Spiegel vor: Wie ein Vater spreche er zu seinem Sohn, der "Überstunden macht, um die Erde mit VWs zu füllen und im Urlaub von Land zu Land hetzen, der aber nicht weiß, dass er in seinem eigenen Land, ja im Nachbarhaus auf lebendige und anregende Kulturen treffen könnte”.

In einem Punkt findet sich dann aber doch noch eine Gemeinsamkeit zwischen Sarrazin und Schami. Beide lieben ihre Heimat Deutschland. Schami schreibt: „Die Bundesrepublik ist ein wunderbares Bücherland. Von hier aus konnte ich durch Übersetzungen viele andere Sprachen erreichen.”

Die Lesung von Rafik Schami beginnt um 19.30 Uhr im Güterbahnhof Neubrandenburg. Zur gleichen Zeit ist Thilo Sarrazin im HKB zu erleben.

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Kommentare (7)

Bei Eventim gibt es immer noch Karten!
Aber vielleicht will man ja auch verhindern, dass noch mehr Bürger unangenehme Wahrheiten erfahren. Auch weil sie nach diesem Artikel zur Abendkasse strömen.
Das würde auch zum Duktus des Artikels passen und dem darin vorkommenden Grobschema: Böser Autor - Guter Autor.

Dann ist doch gut, wenn ich für beide Autoren Werbung betrieben habe. Schließlich sind wir ein freies Land. Man sieht sich. Habe noch mal geprüft und nirgends die Begriffe böser und guter Autor gefunden. Die Bürger können sich doch die "unangenehmen Wahrheiten" von Herrn Sarrazin kaufen und tun es doch auch.

Welch eine primitive Wertung, einen arabischstämmigen Schriftsteller, der seit fast einem halben Jahrhundert in Deutschland lebt, also voll assimiliert ist als einem "Feind" im Sinne Sarrazins Ausführungen zu charakterisieren! Herr Wilhelm, Sie wissen ganz genau, auf welche Prozesse der SPD-Mann hinweisen will. Ihm ging es nie um ethnische Pauschalisierung sondern um die Warnung vor andauernder verantwortungsloser Förderung von Einwanderung bildungs- und kulturfremder Menschen in unbeherrschbarer Anzahl.

Vielleicht trägt Sarrazin selbst mit seinen Tönen ein wenig dazu bei, dass ihm Pauschalisierungen vorgeworfen werden? Ich sage nur "Feindliche Übernahme ... " Feind und Übernahme sind klar kriegerisch geprägte Begriffe, die mir genauso wie der Untertitel eher nicht nach Differenzierung klingen. Wer will entscheiden, wann ein Ausländer integriert ist? nach 1, 2, 3, 5, 10 ... Jahren? Und schließlich die Frage nach dem Moral-Amt, das "bildungs- und kulturfremde Menschen" aussortiert und wieder wegschickt oder andere Maßnahmen ergreift. Ich hoffe für jeden von uns, dass er da nicht durchs Raster fällt.

Herr Wilhelm, man sollte eine zweite Meinung einholen, um nicht einem Leipziger Namensforscher aufzusitzen. Sarrazin/Sarazin/Sarasin ist auch "jemand, der im Land der Sarazenen war". Eine französische Namensgebung aus der Zeit der Kreuzzüge für Personen die am Kreuzzug teilnahmen oder eine Pilgerfahrt unternahmen. Quelle: Hans Bahlow: Deutsches Namenlexikon. Suhrkamp, Frankfurt 1972, S. 444 Die spanischen Mauren wurden im 8. Jahrhundert auf fränkischem Gebiet zurückgeschlagen (siehe Septimanien, Spanische Mark - christliche Bollwerke um das Frankenreich gegen die Mauren zu schützen). Die Reconquista hatte die Vertreibung aller Muslime aus christlichem Gebiet als Hauptaufgabe. Da war die Flucht der Mauren ins christliche Frankreich die abwegigste und sinnfreieste Option. Höhepunkt dieses wissenschaftlichen Stuss des Leipziger Namensforscher ist, dass unter den Hugenotten verkappte Sarrazenen/Mauren gewesen sein sollen (vielleicht die fixe Idee, dass der christliche Protestantismus eine Erfindung der Muslime ist, um das Christentum zu spalten?).

Danke für die zweite Meinung. Ich habe aber auch in einem anderen historischen Roman von Gerd Skibbe, früherer Neubrandenburg, gelesen, dass es viele der vertriebenen Mauren ins freiere Frankreich gezogen hat, nachdem sie aus Spanien vertrieben wurden. Skibbe hat für sein Buch sehr ausführlich Quellenstudium in Malaga etc. betrieben. Von daher dürfte der aufgezeigte Weg durchaus möglich sein. Müssen wir mal den Thilo fragen, ob er schon Ahnenforschung betrieben hat.

...ausgesehen, wenn man sich nicht über die Namensherkunft eines Autors auslässt. Skibbes Maurengeschichte handelt von den in Spanien verbliebenen, zwangskonvertierten Mauren (Stichwort: Morisken), die zwischen 1570 und 1610 gewaltsam und enteignet über das Mittelmeer gejagt wurden. Ein paar reiche, zwangskonvertierte Mauren durften für kurze Zeit auch nach Frankreich vertrieben werden.