Den mexikanischen Medizinern – die 4. von rechts ist Isabel Gutierrez Payro – wollen Geschäftsführerin G
Den mexikanischen Medizinern – die 4. von rechts ist Isabel Gutierrez Payro – wollen Geschäftsführerin Gudrun Kappich (5. von rechts) und der Ärztliche Direktor Jens-Peter Keil (hinten, Mitte) im Neubrandenburger Klinikum eine berufliche Perspektive bieten. Susanne Schulz
Neue Ärzte in MV

Medizin-Karriere von Mexiko nach Mecklenburg

Elf neue Kollegen am Neubrandenburger Klinikum stehen für ein großes Netzwerk, das den Ärztemangel mildern und ausländischen Fachkräften berufliche Perspektiven eröffnen will.
Neubrandenburg

Auf der Intensivstation fühlt Isabel Gutierrez Payro sich wie zu Hause. Intensivmedizin ist genau das Fachgebiet, auf dem sie ihre medizinische Laufbahn aufbauen möchte. Erst einmal aber kommt die Fachsprachenprüfung – und wer die junge Mexikanerin von ihren Zukunftsplänen sprechen hört, hegt keinen Zweifel, dass sie das schafft.

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Erst seit wenigen Monaten in Deutschland zu Hause, ist sie eine von elf Ärztinnen und Ärzten aus Mexiko, die sich am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg eine berufliche Perspektive aufbauen. Sie nehmen teil am Programm „Specialized“, mit dem die Bundesagentur für Arbeit den chronischen Personalmangel in Kliniken und Krankenhäusern mildern und zugleich ausländische Fachkräfte fördern will, denen in ihren Heimatländern oft Karriereperspektiven fehlen.

Sprachkenntnisse sehr wichtig

Beides erfordert über den hehren Vorsatz hinaus indessen ein großes Netzwerk, um zum Beispiel aufenthaltsrechtliche Voraussetzungen, die Anerkennung von Berufsabschlüssen und Qualifizierungsmöglichkeiten auszuloten, verdeutlicht Friederike Meyer-Belitz von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung ZAV. Auch Ausländerbehörde und Botschaft, Ärztekammer und Krankenhausgesellschaft, die Regionalentwicklungsgesellschaft genres und das Welcome Center der Seenplatte gehören zu dem Netzwerk, das den Neuankömmlingen das berufliche und persönliche Fuß-Fassen erleichtern soll.

Nicht zu vergessen die Sprachkenntnisse! Auf diesem Gebiet ist der Rostocker Verein Study in Germany mit Kursen für angehende Studenten und Akademiker aktiv. Allein für Heilberufe wurden seit Ende 2015 mehr als 350 junge Leute in die deutsche Sprache eingeführt. „Und alle sind in Arbeit“, betont Geschäftsführer Adnan Harb.

40 Nationen in der Belegschaft des Klinikums

„Einige auch bei uns“, merkt der Ärztliche Direktor des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums, Dr. Jens-Peter Keil, an. Er freue sich „über jeden, der zu uns kommt und eine gute Ausbildung haben will“. Im Gegenzug wolle das Klinikum „alles dafür tun, dass sie sich hier wohlfühlen“, verspricht Geschäftsführerin Gudrun Kappich. Insgesamt 40 Nationen sind vertreten unter den insgesamt mehr als 2500 Beschäftigten.

In der Ärzteschaft Mecklenburg-Vorpommerns sind der Ärztekammer zufolge aktuell 1017 Medizinerinnen und Mediziner tätig, die nicht deutsche Staatsangehörige sind. In den vergangenen fünf Jahren ist diese Zahl um rund ein Fünftel gewachsen, seit 2010 hat sie sich deutlich mehr als verdoppelt. Rund 90 Prozent der ausländischen Ärzte sind in Kliniken tätig, die immer mehr auf diesen Weg setzen, um Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen.

Mit den mexikanischen Kollegen könne auch das Bonhoeffer-Klinikum zumindest einen Teil seines Fachkräfte-Bedarfs auffangen, hofft Stephan Bünning, Vize-Geschäftsführer der Neubrandenburger Arbeitsagentur. Eingesetzt werden die 25 bis 30 Jahre jungen Neulinge dem Klinikum zufolge in der Kinder- und Jugendmedizin, der Inneren Medizin, der Anästhesiologie und Intensivmedizin, der Neurologie, der Psychiatrie und der Allgemeinmedizin. In einem Sprachkurs mit Unterstützung einer „hauseigenen“ Dozentin bereiten sie sich zudem auf die Fachsprachenprüfung vor, die Voraussetzung für eine Berufserlaubnis in Deutschland ist.

Gute Arbeitsbedingungen in Deutschland

Einen kleinen Vorsprung haben zwei von ihnen, die bereits seit einigen Monaten am Klinikum tätig sind. Eine davon ist Isabel Gutierrez Payro, die schon während ihres Medizinstudiums in Mexiko von den guten Arbeitsbedingungen in Deutschland gehört und gemeinsam mit einer Freundin vom Auswandern geträumt hatte. Au-Pair-Erfahrungen zunächst in Solingen und später in Wolgast bestärkten sie in dem Wunsch, hier zu arbeiten. Ihr Wolgaster Gastgeber, ein Hausarzt, machte sie auf das Klinikum in Neubrandenburg aufmerksam.

„Die ersten drei Monate waren schwer“, erinnert sich die junge Frau an die Herausforderungen der Sprache, die noch kalte dunkle Jahreszeit und das Fremd-Sein. Durch die Arbeit habe sie aber schnell Anschluss gefunden, Kontakt zum „Specialized“-Programm aufgenommen und sich dann ebenso wie ihre Kollegin Gabriela Rojo Medina darüber gefreut, dass neun weitere Landsleute ans Klinikum kamen.

Tipps für Steuererklärung

Aus der Millionenstadt Mexiko-City stammend liebt Isabel Gutierrez Payro die Landschaft im Nordosten. „Ich liebe Wasser“, verrät sie, „wenn Wasser in der Nähe ist, bin ich glücklich.“ Gegenüber ihrer ersten Deutschland-Erfahrung in Nordrhein-Westfalen und erst recht gegenüber mexikanischer Mentalität sei das nordostdeutsche Naturell natürlich anders, etwas kühler und zurückhaltender. Dass zahlreiche Kollegen ebenfalls Ausländer sind, mache einiges leichter – bis hin zu Tipps für die Steuererklärung.

Die Arbeit in Neubrandenburg jedenfalls ist für die junge Frau mehr als ein Intermezzo. Mit dem Wunschgebiet Intensivmedizin will sie sich zumindest für die nächsten zehn Jahre eine berufliche Zukunft in Deutschland aufbauen.

 

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