KOMMENTAR

▶ Mein letztes Mal im Neubrandenburger Kaufhof

Der Kaufhof in Neubrandenburg ist geschlossen. Zufällig war unser Redakteur Matthias Stiel am letzten Tag dort und erinnerte sich an bis heute geliebte Geschenke und eine Begegnung mit dem Ladendetektiv.
Am Freitag war es vorbei: Der Kaufhof in Neubrandenburg wurde geschlossen.
Am Freitag war es vorbei: Der Kaufhof in Neubrandenburg wurde geschlossen. Simon Voigt
Neubrandenburg.

Es lässt mich nicht los. Ich hatte am vergangenen Freitag frei und war zusammen mit meiner Freundin in der Neubrandenburger Innenstadt, um all das zu erledigen, was Eltern nur erledigen können, wenn die Kleinen nicht dabei sind. Schuhe kaufen, Wintermantel kaufen, in Ruhe frühstücken. Nachdem wir auch in der Bibliothek und der Bank alles abgehakt hatten, wollte ich in den Kaufhof, um mir noch was Schönes nachträglich zum Geburtstag zu gönnen.

Ich wusste, dass er Ende Oktober geschlossen werden sollte. Ich wusste aber nicht, dass genau an dem Freitag der allerletzte Tag sein würde. Und so traf es mich wie ein Schlag, nachdem wir durch die beiden gläsernen Eingangstüren gegangen waren: Nur noch Resteramsch auf notdürftig hingeschobenen Regalen und kahle Wände. Die Verkäufer und Sicherheitsleute standen in kleinen Gruppen zusammen und beobachteten das unwürdige Treiben.

Bücher-Himmel adé

Ich realisierte erst gar nicht, was hier passierte. Sah dann aber, dass die eindrucksvolle Treppe in die oberen Etagen, über die ich schon als Kind hochgeflizt bin, bereits vor der allerersten Stufen mit Körben versperrt war. Wo in meiner Erinnerung akkurat bekleidete Verkäuferinnen an hochwertigen Tresen mit Schmuck, Parfüm, Kosmetik und dergleichen einen freundlich anlächelten, drängten sich jetzt die Menschen um Federboas und ein paar Schultüten.

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Von der Bücherabteilung, in der ich als Schüler nach neuen Terry-Pratchett-Schätzen Ausschau hielt, war nur noch ein bedauerlicher Korbaufsteller mit Büchern, wie man sie in den Schränken von Ferienwohnungen findet, übrig. Sie kosteten 50 Cent oder weniger, bei all den unterschiedlichen Rabatt-Schildern sah ich nicht mehr durch.

Ein Western-Saloon aus Holz

Einmal, noch vor der Wende, war ich mit meiner Kindergartenerzieherin Tante Elke hier. Sie war mit meinen Großeltern befreundet und ich ihr erklärtes Lieblingskind. Sie kaufte mir einen Western-Saloon aus Holz mit schwenkbaren Pendeltüren für meine DDR-Indianer und Cowboys. Der liegt noch heute bei meinen Eltern auf dem Dachboden und meine Kinder spielen damit, wenn wir zu Besuch sind.

Vom Ladendetektiv mitgenommen

Als ich es früher mit meinem besten Schulfreund cool fand, mit dem Fahrstuhl von ganz oben hinunter zu fahren und dabei jeden Knopf zu drücken, stand schließlich ein Ladendetektiv vor den sich automatisch öffnenden Türen. Da wir Rucksäcke dabei hatten, war er davon überzeugt, dass wir etwas geklaut hatten.

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Wir mussten also mit ihm durch den Laden gehen. Bis wir durch eine der schweren Doppeltüren aus Metall in den Katakomben des Kaufhofs verschwanden, kam es mir so vor, als würden uns alle anderen Kunden anstarren und für Verbrecher halten.

Wir mussten mit in sein Büro und dort unsere Rucksäcke und alle Taschen ausleeren. Er fand nichts, da wir nichts geklaut hatten, denn wir waren ehrliche Jungs. Ein erwachsener Mann mit zwei Minderjährigen von zehn zwölf Jahren allein in einem kleinen Raum ohne Fenster – weit und breit niemand sonst zu sehen. Heute unvorstellbar oder zumindest mit dem Potential zu einem handfesten Skandal, damals nicht der Rede wert.

Detektiv ließ uns schmoren

Der Detektiv ging dann aus dem Raum, schloss die Tür mit seinem Schlüssel zu und ließ uns schmoren. Nach einiger Zeit kam er zurück, redete uns unnötiger Weise ins Gewissen und wir durften endlich gehen. So schnell hatte ich den Kaufhof noch nie verlassen.

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Vor dem Fahrstuhl, den ich seitdem wenn überhaupt nur mit Unbehagen genutzt hatte, stand jetzt eine große leergeräumte schwarze Pappwand mit unzähligen Haken. Einzig zwei silberne Ohrringe hingen noch daran. Mehrmals wurden sie neugierig in die Hand genommen und angesehen, aber aus irgendeinem Grund wollte keiner mehr diese letzten Beiden kaufen.

Souvenirs für daheim

Als es mich nach dem Studium beruflich ins Allgäu und nach Nürnberg verschlagen hatte, war ich mehrmals zu Bewerbungsgesprächen in Neubrandenburg. Wir wollten gerne wieder zurück. In die Heimat, in der es so schön ist. Vor allem sollten unsere Kinder näher an der Familie und mit ihr zusammen aufwachsen können.

Die Fahrten mit dem Zug dauerten zehn und mehr Stunden. Ich musste also immer hier übernachten. So lange von unserem damaligen zu Hause weg, da wurde es gleich nach dem ersten Mal zur Tradition, dass ich in die Spielzeugabteilung des Kaufhofs ging und etwas Kleines mitbrachte.

Von dem Spielzeug waren jetzt nur noch zwei Kartons voll mit Barbie-Prinzessinnen-Puppen übrig, um die sich wirklich viele Leute scharrten. Für jeweils drei Euro suchte sich gerade eine Gruppe älterer Damen – jede für sich – ein Set aller zur Verfügung stehenden Modelle zusammen.

Ein Sieb nicht zum Kochen

Als wir es nach mehreren Jahren tatsächlich hierher geschafft hatten, brauchte meine Freundin ein Sieb für Ihre Arbeit. Ich stand also mit einer belustigten, aber sehr hilfsbereiten Verkäuferin in der Küchenabteilung und wir fachsimpelten, welches der vielen zur Verfügung stehenden Siebe am besten geeignet wäre, um Muscheln aus dem Sand eines Flusses herauszubekommen.

Das teuerste Sieb hatte zwar die vielversprechendsten Maschen, aber die Lötstellen am Griff sahen unserer Meinung nach nicht sehr stabil aus. Sicher würde es nach zwei drei Einsätzen – für die es ja gar nicht vorgesehen war – schlapp machen. Sie riet mir also zu einem stabilerem Sieb mit geringerem Durchmesser und 15 Euro weniger. Es hält bis heute.

Wie geht es für die Mitarbeiter weiter?

Ich sprach am Freitag abermals eine Verkäuferin an. Sie erzählte mir, wie in den vergangenen Tagen nach und nach die einzelnen Etagen leergeräumt worden waren. „Gestern haben wir das Letzte hier heruntergetragen und die Treppe gesperrt, ab heute sind wir alle arbeitslos”, sagte sie gefasst, aber sehr traurig.

Überrannt von den ganzen Eindrücken und all dem Trubel waren mir erst da die Gesichter der Verkäufer aufgefallen. Wie schlimm muss es sein, vielleicht jahrelang durch die Eingangstüren in eine leuchtende Einkaufswelt gegangen zu sein und jetzt zu wissen: Das war’s. Schluss. Aus. Vorbei. Ohne die Chance auf ein Zurück oder einen Neuanfang. Wo werden sie Arbeit finden, wenn sie welche finden, wenn so viele gleichzeitig suchen? Jede und jeder wird dann – im Glücksfall eines neuen Jobs – nicht mehr im vertrauten und sicher liebgewonnen Kollegium sein.

Auch Einrichtung wurde verkauft.

Selbst Dekoration aus Papprollen und die Torsi von drei weiblichen Schaufensterpuppen wurden für fünf Euro verkauft. Wie oft mögen sie in einem der Schaufenster gestanden oder die jeweils angesagt Mode präsentiert haben?

Ehrlich gesagt, hätten wir einen davon als Geschenk für eine begeisterte Hobbymalerin in der Familie sogar gut gebrauchen können. Aber jetzt auch noch Einrichtungsgegenstände an den Verkäufern vorbei nach draußen zu schleppen, kam für uns nicht in Frage.

Vielen Dank!

Wenn ich es gewusst hätte, dass es der allerletzte Tag sein würde, hätte ich vermutlich einen großen Bogen um den Kaufhof gemacht, um ihn in anderer Erinnerung zu behalten. Aber wahrscheinlich wären mir die beschriebenen und viele weitere Erlebnisse dann gar nicht plötzlich so präsent geworden.

Ich wünsche den Mitarbeitern und ihren Familien viel Kraft und Geduld und drücke ihnen fest die Daumen. Vielen Dank, dass ihr für uns da wart!

Wenn auch Ihnen eine Geschichte oder ein Erlebnis mit oder im Neubrandenburger Kaufhof einfällt, schreiben Sie uns gerne eine Mail an [email protected].

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Kommentare (4)

Mit dem Kaufhof in NB verschwindet wieder Kaufhausatmosphäre per se. Das kann für mich ein Vermietungskonzept wie ECE nicht ersetzen. 1. Etage Männer, 2. Etage Frauen und Kurzwaren...3. Etage Spielwaren.... alles auf einem Punkt. Nächster Galeria: Rostock. Schade um Galeria NB Alles Gute den ehemals Beschäftigten dort.

zweite Etage Frauen.
Das geht ja wohl überhaupt nicht.
Die Diskriminierung hat endlich ein Ende.

Frauen sind doch immer gern oft obenauf....

Das ist das einzige was den Besitzer vom Kaufhof interessiert sein Gewinn. Da hilft ein keine Gefühlsduseligen Berichte. Die OB‘s von NB hatten es in der Hand aber sie wollten mit der Stadtvertreter das Marktplatz Center. Ohne dem wäre in NB eine lebendige Einkaufsmeile geworden. Mit den Geschäften in den Seitenstraßen. Jetzt ist das Centrum Warenhaus Geschichte. Dem Personal wünsche ich viel Glück bei der Job Suche. Und mal sehen was daraus wird aus dem Haus . Ein weiterer Discounter obwohl im Umkreis genug vorhanden sind, oder eine Seniorenresidenz.