Ergotherapeutin Corina Remus (Mitte) wünscht sich einen Rücktritt der kompletten Regierung.
Ergotherapeutin Corina Remus (Mitte) wünscht sich einen Rücktritt der kompletten Regierung. Tim Prahle
Die Initiatoren Mike Regner und Doreen Peter hatten gut lachen. Die Zahl von der Spitze 2500 Teilnehmer übertraf alle Erw
Die Initiatoren Mike Regner und Doreen Peter hatten gut lachen. Die Zahl von der Spitze 2500 Teilnehmer übertraf alle Erwartungen. Tim Prahle
Unternehmerin Ramona Heide forderte einen kompletten Lieferstopp von Waffen für die Ukraine.
Unternehmerin Ramona Heide forderte einen kompletten Lieferstopp von Waffen für die Ukraine. Tim Prahle
Der Friedländer Danilo Dröse bemängelte, die vielen Vorgaben und Verordnungen der Politik, die Unternehmer eher
Der Friedländer Danilo Dröse bemängelte, die vielen Vorgaben und Verordnungen der Politik, die Unternehmer eher bremsen, als helfen. Tim Prahle
Neubrandenburger Unternehmer-Demo

▶ „Meiner Meinung nach muss die ganze Regierung zurücktreten”

Wut auf die Politik, Freude über sich selbst. Für die Unternehmer war die Demo in Neubrandenburg vor allem ein Zeichen des Zusammenhalts – mit teilweise deutlichen Forderungen.
Neubrandenburg

Dankbar sei sie, sagte Corina Remus. Dankbar, dass zwei Unternehmer den Mut gefunden hätten, diese große Demo zu initiieren. Sie selbst sei mit vier Mitarbeitern gekommen, zwei nahmen am Autokorso teil, zwei waren bei ihr auf dem Marktplatz. Die Inhaberin einer Praxis für Ergotherapie in Neubrandenburg ärgerte sich am Donnerstagnachmittag mit Blick auf die Demonstration auf dem Neubrandenburger Marktplatz mit Hunderten Teilnehmern nur über eine Sache: „Ich fand es nicht gut, dass gesagt wurde, dass wir Manuela Schwesig nicht ausbuhen dürfen.”

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Trotz Bitten der Initiatoren Doreen Peter und Mike Regner wurde die Ministerpräsidentin mehrfach bei ihrer Rede unterbrochen. Als sie zur Bühne ging, wurde sie von Pfiffen der Teilnehmer begleitet. Zu groß war die Wut vieler auf die aktuelle Politik. Zumeist wegen der gestiegenen Energiekosten, doch ein nicht unerheblicher Teil der Menschen hadert offenbar schon länger mit Landes- und Bundesregierung. „Erst wurden wir bei Corona ständig geschlossen, Kassensätze wurden gestrichen, Hygienekosten gekürzt”, sagte Corina Remus. Hinzu komme die Diskriminierung der Ungeimpften. Damit war klar: Die Corona-Politik, die seit zwei Jahren in Neubrandenburg mal mehr, mal weniger Menschen auf die Straße treibt, stand auch an diesem Nachmittag in der Kritik.

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Trotzdem überwogen die Themen aktuelle Gaspreise sowie der Umgang mit Russland nach dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Mir ist egal, wer den Krieg angefangen hat, wer Waffen liefert, ist auch Kriegspartei”, rief Ramona Heide von der „IMRID Immobilien Managementgesellschaft” den Teilnehmern zu. Als Vermieterin halte sie es derzeit kaum aus, den Mietern neue Nebenkostenabrechnungen zu schreiben, „in dem Wissen, dass sie es nicht bezahlen können”. Sie zeigte sich auch unzufrieden mit der Informationspolitik großer Teile der Medienlandschaft, insbesondere des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks.

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Die Inhaberin eines Touristenbüros aus Neustrelitz betonte auf dem Marktplatz der Vier-Tore-Stadt, was viele Selbstständige, und Beschäftigte derzeit umtreibe: „Die Menschen haben künftig für so etwas wie Reisen gar kein Geld mehr.”

Der Neubrandenburger Zahnarzt Dr. Roman Kubetschek kam auf die großen Erdgasvorkommen in Niedersachsen zu sprechen. 42,8 Milliarden Kubikmeter befinden sich in Mecklenburg-Vorpommerns Nachbarland. „Warum wird das nicht thematisiert, wenn man schon den großen Bären im Osten sanktionieren möchte?”, fragte er. Nach Angaben der niedersächsischen Staatskanzlei wurde eine Förderung jedoch bereits auf den Weg gebracht.

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Der Zahnarzt versuchte sich zudem, wie andere Redner auch, in einer Generalabrechnung zur aktuellen Ampelkoalition. Besonders die Partei Bündnis 90/Die Grünen standen immer wieder im Fokus der Angriffe.

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Die Fachkompetenz und die Ausbildung, die Unternehmen brauchen, um überhaupt agieren zu können, ließen sich in der Regierung kaum finden, sagte auch Initiatorin Doreen Peter, die in Friedland und Neubrandenburg Bestattungs- und Blumenhäuser betreibt.

Diesbezüglich hatte Corina Remus eine klare Forderung, die sie mit mehreren Menschen auf dem Marktplatz teilte: „Meiner Meinung nach muss die gesamte Regierung zurücktreten”. Einigen konnten sich die meisten auf die Losungen „Nord Stream 2 öffnen”, „Waffenlieferungen stoppen” sowie „Gespräche mit Russland wieder aufnehmen”. „Es ist nicht unser Krieg in der Ukraine”, meinte einer.

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Mit laut polizeilichen Angaben 2500 Teilnehmern auf dem Marktplatz und etwa 350 beim Autokorso war die Demo am 15. September wohl die größte im Land seit Beginn des Ukraine-Krieges. Mehrfach, teilweise ungefragt, betonten die Initiatoren Doreen Peter und Mike Regner ihre politische Unabhängigkeit. Dem Vernehmen nach soll es im Vorfeld Anfragen der AfD gegeben haben, bei der Veranstaltung mitzuwirken. Bei den Organisatoren ließen sich inklusive Versammlungsleiter viele Schnittmengen zu den Veranstaltern der Montagsdemos finden. Das Teilnehmerfeld mit Menschen aus dem ganzen Land ging aber weit über das hinaus, was wöchentlich zum „Spaziergang” einlädt.

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