▶ MORDPROZESS IN NEUBRANDENBURG

Mutter soll Leonie mit Füßen getreten haben

Das Schweigen ist gebrochen – der Mordangeklagte David H. hat vor Gericht bestritten, seine sechsjährige Stieftochter Leonie je misshandelt zu haben. Gleichzeitig belastete der 28-Jährige die Mutter des Mädchens schwer.
Andreas Becker Andreas Becker
Letzte Absprachen: Jörn Fenger (l.) und Bernd Raitor, Anwälte des Angeklagten David H.
Letzte Absprachen: Jörn Fenger (l.) und Bernd Raitor, Anwälte des Angeklagten David H. Andreas Becker
Neubrandenburg.

Mindestens einer der beiden lügt: die Mutter der getöteten Leonie oder der Stiefvater des Mädchens. Janine Z. und David H. haben sich in ihren Aussagen vor dem Landgericht Neubrandenburg gegenseitig beschuldigt, Leonie geschlagen und misshandelt zu haben.

Oder sagen beide die Unwahrheit und müssen am Ende gemeinsam den Tod des Mädchens verantworten und die strafrechtlichen Konsequenzen tragen? Während der Stiefvater wegen Mord durch Unterlassen sowie Misshandlungen Schutzbefohlener in sieben Fällen angeklagt ist, läuft gegen die Mutter ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Der Tag an dem Leonie starb

Am 15. Verhandlungstag (Montag) hatte der Angeklagte die durch seine Anwälte bereits zu Prozessbeginn am 24. September angekündigte Erklärung abgegeben – nicht in eigenen Worten, sondern durch Verlesen einer Stellungnahme. Die Verteidigung mit Bernd Raitor und Jörn Fenger schilderte in Absprache mit David H. detailliert die Geschehnisse vom 12. Januar, dem Todestag von Leonie.

Demnach begann der verhängnisvolle Tag in der Torgelower Wohnung damit, dass der Stiefvater Frühstück gemacht hatte – unter anderem gab es Toast – und endete mit dem dramatischen und vergeblichen abendlichen Versuch von Notarzt und Rettungssanitätern, das Leben der Sechsjährigen zu retten.

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Der Stiefvater beteuerte nochmals, dass er Leonie nie geschlagen oder misshandelt habe. An ihrem Todestag sei das Mädchen nachmittags mit ihrem Puppenwagen auf der Treppe im Hausflur gestürzt. Er habe Leonie auf dem Treppenabsatz liegend gefunden – mit „verdrehten Augen“ und blutend aus der Nase. Leonie sei dann aber wieder zu sich gekommen und habe es abgelehnt, einen Arzt zu verständigen.

Als es ihr aber schlechter ging, habe David H. laut seiner Aussage ärztliche Hilfe holen wollen. Doch habe sich die Mutter geweigert. Erst als sich der gesundheitliche Zustand des kleinen Mädchens in den folgenden Stunden deutlich zugespitzt habe, habe er, David H., telefonisch den Notarzt alarmiert.

David H. wollte Mutter nicht belasten

Für die von der Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt verlesenen, schwerwiegenden Verletzungen, die bei Leonie festgestellt worden seien, hatte der Stiefvater zumindest teilweise eine Erklärung. Er habe gesehen, wie Leonies Mutter ihre Tochter mit dem Fuß getreten habe und diese dann mit dem Kopf gegen die Wand geknallt sei.

Der Stiefvater schloss nicht aus, dass die Mutter ihre Tochter mehrmals geschlagen und misshandelt habe. „Aus Liebe“ zu seiner Partnerin und dem daraus resultierenden Wunsch, Janine Z. nicht zu belasten, habe er diese schwerwiegenden Vorwürfe in früheren polizeilichen Vernehmungen verschwiegen.

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Doch welches Motiv könnte Janine Z. gehabt haben, ihre eigene Tochter zu schlagen? David H. hat eine Vermutung: Leonie habe ihre Mutter immer wieder gefragt, ob sie nicht mal Kontakt zu ihrem leiblichen Vater haben und ihn sehen könne. Dies aber habe Janine Z. stets strikt verweigert, machte der Stiefvater in seiner Erklärung unmissverständlich deutlich.

Notrufe aus der Wohnung

Apropos leiblicher Vater: Der sei auch Ursprung der Notrufe gewesen, die aus der Wohnung in Torgelow in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar, wenige Tage vor Leonies Tod, abgesetzt worden seien. David H. habe sich durch Oliver E., Vater von Leonie, bedroht gefühlt. Der Angeklagte und der leibliche Vater Leonies, der als Nebenkläger vor Gericht auftritt, waren früher einmal Arbeitskollegen und befreundet.

Durch den Partnerwechsel von Janine Z. sei das Verhältnis der beiden Männer aber eher in Feindseligkeit umgeschlagen. Mitte 2018 waren Leonies Mutter und David H. von Wolgast nach Torgelow gezogen und Eltern eines gemeinsamen Sohnes geworden.

Nach Aussage von David H. habe Leonies Mutter zum Jahreswechsel 2018/19 offenbar erneut mit einem anderen Mann geliebäugelt. Er habe sich betrogen gefühlt und Verdacht geschöpft, dass Janine Z. mit einem dicken Kumpel von Oliver E. angebandelt habe, äußerte David H. in seiner Stellungnahme.

Am 8. Januar sei es deswegen auch zu einem Streit zwischen Stiefvater und Leonies leiblicher Mutter gekommen. In dieser Auseinandersetzung habe er aber weder Gewalt gegen Janine Z. noch gegen Leonie ausgeübt, betonte der Stiefvater.

Am 9. Januar 2020 soll das Urteil fallen

Mit der Aussage des Stiefvaters ist der Mordprozess vor dem Landgericht Neubrandenburg auf die Zielgerade eingebogen. Am 3. Januar wollen sich psychiatrische und rechtsmedizinische Gutachter äußern, am 6. Januar folgen die Plädoyers – und drei Tage später, am Donnerstag, 9. Januar 2020, wird das Urteil verkündet.

 

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