Vor Beginn des Prozesses gegen den Panzerknacker von Neubrandenburg: Strafverteidiger Jan Kürschner übergibt der Dol
Vor Beginn des Prozesses gegen den Panzerknacker von Neubrandenburg: Strafverteidiger Jan Kürschner übergibt der Dolmetscherin ein Exemplar der Anklageschrift im Kieler Landgericht. Thomas Geyer
Ermittler sicherten Anfang Dezember 2019 am Tatort in Neubrandenburg die Spuren, die von den unbekannten Einbrechern hinterlas
Ermittler sicherten Anfang Dezember 2019 am Tatort in Neubrandenburg die Spuren, die von den unbekannten Einbrechern hinterlassen wurden. (Archivfoto) Felix Gadewolz
100 000 Euro Beute

Neubrandenburger Geldautomat-Knacker jetzt verurteilt

Eine in Neubrandenburg hinterlassene Blutspur brachte einen Geldautomatenknacker jetzt hinter Gitter. Seine Komplizen und er reisten durch die ganze Bundesrepublik.
Kiel

Als der Familienvater vor gut zwei Jahren beim Coup in Neubrandenburg eine Blutspur an der Tür der Hypovereinsbank-Filiale hinterließ, hatte er eine heiße Spur gelegt. Eine Strafkammer des Kieler Landgerichts verurteilte am Dienstag den 36-jährigen Angeklagten aus dem Kosovo nun wegen Diebstahls in zwei besonders schweren Fällen zu vier Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe. Den Fahndern war er bei einer Personenkontrolle in Ulm ins Netz gegangen. Seine DNA hatten die Ermittler auch einen Tag nach dem Neubrandenburger Bruch von Anfang Dezember 2019 vor einer Filiale der gleichen Bank in Kronshagen bei Kiel (Schleswig-Holstein) sichergestellt.

Hier hatte die Bande mit einem zur Befreiung von Unfallopfern aus der Knautschzone entwickelten Rettungsgerät gleich zwei Geräte aufgebrochen und 180 000 Euro erbeutet. Nicht nur bei der Arbeitsweise, auch im Tempo war die Gruppe schnell wie die Feuerwehr: Mit einem 250 Stundenkilometer schnellen Audi RS 5 Sportback (Listenpreis ab 87 000 Euro) raste man ohne festen Wohnsitz von Tatort zu Tatort.

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Angeklagter muss Beutegeld zurückzahlen

So stand der Kieler Angeklagte schon zwei Stunden nach seiner Stippvisite in Kronshagen beim Zwischenstopp der 450-PS-Karosse vor der Überwachungskamera einer Tankstelle an der A 24 nach Berlin. Am Rand der Autobahn fand die Polizei prompt die aufgebrochenen Geldkassetten. Ein knallbunter Aufnäher auf der schwarzen Tatbekleidung des Angeklagten stach den Ermittlern schon auf den Tatortfotos ins Auge. Später setzte sich der nicht vorbestrafte Mann in seine Heimat im Kosovo ab, wo er mit seinem Anteil der Beute seinem kriegsgeschädigten Vater „das Leben rettete“, wie er vor Gericht angab. Gleichzeitig entschuldigte er sich zerknirscht für seine Taten – auch bei seiner vierjährigen Tochter. „Ich bin schuldig, dass sie jetzt ohne Vater aufwachsen muss.“ Er wolle nicht, „dass sie weiß, was ich getan habe“.

Auch er selbst sei vom Krieg auf dem Balkan gezeichnet, so der Angeklagte. Zehn Jahre seiner Kindheit und Jugend habe er „wie im Gefängnis“ verbracht. Bei den Taten in Deutschland gehörte es zum Job des Kellners ohne Schulabschluss, die Kameras in den betroffenen Banken außer Gefecht zu setzen. Dazu drehte er die Objektive mit einem Besenstil in den toten Winkel oder besprühte sie mit Farbe.

Finanziell dürfte der Angeklagte auf keinen grünen Zeig mehr kommen: Laut Urteil muss er das erlangte Geld – insgesamt 316 000 Euro – zurückzahlen. Vor Gericht hatte er durch eine Erklärung seines Verteidigers Jan Kürschner kurz und knapp eingeräumt, was ohnehin bewiesen war. Die Beteiligung an zwei weiteren Einsätzen der Bande bestritt er dagegen.

Laut Staatsanwaltschaft war der Angeklagte auch im August 2016 dabei, als die Bande in einer Hamburger Bank Geldkassetten mit 160 000 Euro aus einem Automaten zog. Hier scheiterte man an den Sicherheitsvorkehrungen: Die Täter lösten Alarm aus, eine Farbpatrone entwertete die Scheine. „Mit 20 Euro flüchteten sie Hals über Kopf“, heißt es in der Anklage, der in diesem Punkt die Beweise fehlten. Auch am Einbruch in ein Juweliergeschäft in Brühl bei Köln soll der Angeklagte beteiligt gewesen sein. Hier stahlen die Täter vor knapp fünf Jahren 40 000 Euro Bargeld sowie Goldbarren, Uhren und Schmuck im Wert von 235.000 Euro. In diesen beiden Fällen stellte die Strafkammer das Verfahren gegen den Angeklagten ein.

In Neubrandenburg intensive Suche nach Tätern

Die Polizei hatte länderübergreifend nach den Automatenknackern gefahndet. Nachdem in Neubrandenburg in der Nacht zum 2. Dezember 2019 der Geldautomat der Hypovereinsbank in der Ziegelbergstraße aufgehebelt worden war, führte die Polizei zunächst in der Stadt eine intensive Suche durch. Als die ersten Beamten am Tatort weder einen möglichen Täter noch ein auffälliges Fahrzeug feststellen konnten, wurde eine Großfahndung eingeleitet. Zwölf Streifenwagen wurden damals an den Ortsausgängen von Neubrandenburg positioniert, wo die Beamten Fahrzeuge kontrollierten. Es wurde sogar ein Fährtenhund eingesetzt und eine Nahbereichsfahndung durchgeführt, allerdings ohne Erfolg. Wie viel Geld entwendet wurde, war zunächst unklar. Später stellte sich heraus, dass 100.000 Euro weg waren. Auch der Sachschaden war mit 10.000 Euro beträchtlich.

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