Beruf und Pflege der Angehörigen vereinbar machen – das ist das Ziel von Axel Schröder.
Beruf und Pflege der Angehörigen vereinbar machen – das ist das Ziel von Axel Schröder. Pablo Himmelspach
Altenpflege

Neubrandenburger will Revolution bei Pflege von Angehörigen

Der Großteil der Pflegebedürftigen wird von Angehörigen betreut. Viel Geld bekommen die dafür nicht. Ein Neubrandenburger will das ändern.
Neubrandenburg

Wird Axel Schröders Vorschlag realisiert, könnte Neubrandenburg in Sachen Pflege zu einem Vorreiter werden. Pflegende Angehörige sollen nicht länger auf das Geld der Pflegekassen angewiesen sein. Stattdessen schlägt Schröder vor, sie bei der Kommune anzustellen – mit Anspruch auf Urlaub und Krankheit.

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„Damit könnte man Beruf und die Betreuung von Familienangehörigen vereinbar machen“, sagt Axel Schröder, der in Neubrandenburg die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Deutschen Roten Kreuzes leitet.

Eigene Erfahrungen mit Pflege der Mutter

Er hat selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Seine Mutter musste aufgrund von Demenz ihre letzten Tage im Altersheim verbringen. Eine schwere Zeit sei das gewesen, auch für ihn. „Im Alter wollen die meisten Menschen zu Hause bleiben. In den Heimen sterben viele einsam, noch dazu sind viele Einrichtungen überlastet“, sagt Axel Schröder.

Er selbst konnte es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben, um seine Mutter zu pflegen. Doch wolle er niemanden beschuldigen oder sich beklagen. Stattdessen macht er konkrete Vorschläge. Geht es nach ihm, sollte der Fokus auf denen liegen, die ohnehin den Großteil der Pflegearbeit machen, jedoch nur wenig Geld dafür bekommen: pflegende Angehörige. Dem Verein „wir pflegen  e. V.“ zufolge, übernehmen sie für 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland die Betreuung.

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Der Vorschlag, diese Menschen bei der Kommune anzustellen, ist nicht aus der Luft gegriffen. Im österreichischen Burgenland werden pflegende Angehörige bei der Kommune über eine gemeinnützige GmbH angestellt. Sie bekommen ein festes Gehalt, das sich nach dem Pflegegrad richtet.

Unterstützt werden sie durch den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege. Das hat einen weiteren Vorteil: Die Pflegenden können „nebenbei“ eine vollständige Qualifikation erwerben – und die Branche damit dauerhaft entlasten.

Bund müsste gesetzliche Grundlagen schaffen

In Deutschland gibt es dieses Modell nicht. In der Regel bezahlen pflegebedürftige Menschen die Personen, die sich um sie kümmern, mit Geld von den Pflegekassen. Das können je nach Pflegegrad 316 bis 901 Euro pro Monat sein. Axel Schröder will das ändern. Er will in Neubrandenburg ein „Pilotprojekt“ ins Leben rufen – und arbeitet an der Mobilisierung von Mitstreitern.

Auch mit Neubrandenburgs Oberbürgermeister stehe er in Kontakt. Im Juni sprach Silvio Witt (parteilos) auf einer Veranstaltung zum Thema informelle Pflege im Haus der Kultur und Bildung. „Pflegende Angehörige brauchen mehr gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung“, sagt Witt auch dem Nordkurier gegenüber – wie das realisiert werden kann, aber nicht. Grundvoraussetzung sei eine gesetzliche Basis, die den Handlungsrahmen sowohl für Pflegende als auch für Kommunen genau definiert.

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Axel Schröder sieht die Bundesregierung in der Verantwortung. „Die muss aktiv werden“, sagt er. Er selbst wolle verschiedene Akteure mit ins Boot holen, darunter auch die Hochschule Neubrandenburg, die das Projekt wissenschaftlich begleiten könnte.

Prodekan Stefan Schmidt zeigt sich offen: „Eine Forschung würde sich aus meiner Sicht sehr eignen. Hier könnten wir auf der Grundlage von Daten besser argumentieren“, sagt er. Das sei nicht zuletzt für Geldgeber und beteiligte Kommunen von hoher Bedeutung.

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