HOCHSCHULE

„Neustart“ für Bauingenieur-Studium in Neubrandenburg

Anne-Lene Westerkamp gehört zu den Ersten, die das in Neubrandenburg neu eingerichtete Bauingenieur-Studium aufnehmen. Prof. Johann Fröhlich sieht in der Kooperation mit Wismar eine gute Berufsvorbereitung.
Im Baustofflabor der Hochschule Neubrandenburg wird Anne-Lene Westerkamp in den nächsten Monaten wahrscheinlich viel Zeit
Im Baustofflabor der Hochschule Neubrandenburg wird Anne-Lene Westerkamp in den nächsten Monaten wahrscheinlich viel Zeit verbringen. Susanne Schulz
Neubrandenburg ·

Ein reiner Büro-Job wäre nichts für sie, das war der Röbelerin Anne-Lene Westerkamp schon früh klar. Ihrem ersten Praktikum in der 9. Klasse verdankt sie die frühe Entscheidung für ihren künftigen Beruf, die durch weitere Praktika und Ferienjobs in einem Ingenieurbüro bestärkt wurde. Dieser Tage beginnt die 19-Jährige mit dem Studium, um Bauingenieurin zu werden. Sie ist eine von 13 Erstsemestlern, die sich für den gerade wieder eingeführten Studiengang an der Hochschule Neubrandenburg entschieden haben.

Wiederkehr fast zehn Jahre nach der Abwicklung

Lange hat der Osten Mecklenburg-Vorpommerns auf einen solchen Neustart warten müssen, seit 2012 der einst von der Neustrelitzer Ingenieurschule für Bauwesen nach Neubrandenburg verlegte Studiengang abgewickelt wurde. Auf Druck aus der Wirtschaft, die einen immer drängenderen Mangel an Fachkräften beklagte, und schließlich auch aus der Politik macht nunmehr ein mit 2,5 Millionen Euro aus dem Strategiefonds der Landesregierung untersetztes Konzept zu einer standortübergreifenden Ausbildung auch Neubrandenburg wieder zum Schauplatz dieses Fachgebiets.

BLU heißt das Zauberwort, das den angestammten Bauingenieurstudiengang in Wismar, die Neubrandenburger Kompetenz in Landschaftswissenschaften und das Umweltingenieurwesen an der Uni Rostock umfasst. Für die ostmecklenburgische Hochschule bedeutet das vor allem eine Kooperation mit der Hochschule Wismar: An beiden Orten parallel werden jetzt die ersten beiden Bau-Semester angeboten, die dann in jedem Fall in der Hansestadt fortgesetzt und zum Bachelor-Abschluss geführt werden. Auch wenn die Vier-Tore-Stadt somit vorerst keinen kompletten Studiengang bekommt, sieht Prof. Johann Fröhlich darin kein „Alibi-Angebot“. Der Experte für Baurecht und Baubetriebswirtschaft – einer der verbliebenen Professoren aus dem einstigen Studiengang und nun verantwortlich für die Wiedereinführung – kann dem kooperativen Modell einiges abgewinnen.

Nach einem Jahr Wechsel nach Wismar

„Zwei Orte und zwei Hochschulen kennenzulernen, ist eine sehr gute Vorbereitung auf einen Beruf, in dem Mobilität und soziale Kompetenz sehr wichtig sind“, sagt Fröhlich. Dank der abgestimmten Inhalte erfolge der Wechsel nach dem ersten Jahr ganz unkompliziert. Zwei attraktive Standorte an der Seenplatte und an der Ostsee seien zudem reizvoll für Bewerber von weit her wie auch für Interessenten aus dem eigenen Land, die heimatnah studieren möchten.

Das harmonische Doppel war auch für Anne-Lene Westerkamp ein gewichtiges Argument: Sie sieht es als großen Vorteil, zwei Studienorte kennenzulernen. Nachdem ihr ursprünglicher Wunsch nach einem dualen Studium in Baden-Württemberg nicht in Erfüllung gegangen war und sie sich für das Format in Wismar interessierte, erwies sich die neu aufgelegte Zusammenarbeit mit Neubrandenburg als ausschlaggebend. Anne-Lenes Freund absolviert gerade seine Ausbildung in der Vier-Tore-Stadt und wird sie im nächsten Sommer beenden, wenn auch ihre beiden hiesigen Semester um sind. Gemeinsam will das Paar dann nach Wismar ziehen.

Branche in Bewegung mit großem Spektrum

Dass sie sich für einen recht männerdominierten Beruf entschieden hat und auch unter den 13 Studienanfängern in Neubrandenburg nur zwei Frauen sind, beeindruckt Anne-Lene wenig: „Davon sollte man sich nicht schrecken lassen, das können Frauen genauso gut“, sagt die zierliche 19-Jährige, die an diesem Metier gerade die Mischung aus planerischer Arbeit und Außeneinsatz reizt. Zudem sieht sie im Bauwesen gerade einiges in Bewegung, was etwa energieeffizientes Bauen, umweltgerechte Materialien und klimafreundliche Trends zum Beispiel zu Dachbegrünungen angeht.

Wie groß darüber hinaus das Arbeitsspektrum der Bauingenieure ist, davon hätten Außenstehende zu selten eine Vorstellung, weiß Prof. Fröhlich: „Sie sind für große Teile des Alltags zuständig, so auch für den gesamten Verkehrsbereich mit Straßen, Schienen und Wasserwegen einschließlich Schleusen und Häfen, ebenso für praktisch alle Anlagen zur Wasserversorgung und Abwasserentsorgung außerhalb von Gebäuden oder auch für Mülldeponien“, zählt er auf.

Erweitertes Angebot führt zu mehr Nachfrage

Ohne Ingenieurnachwuchs werde die Infrastruktur der Region „irgendwann zusammenkrachen“, mahnt Fröhlich und ist froh über die Resonanz auf das Studienangebot. Fünf Bewerber seien als Minimum für den Neustart definiert worden; die jetzigen 13 – davon sechs im dualen Studium – „hätten wir uns nicht träumen lassen“. Zumal der Neubrandenburger Studiengang keineswegs die Bewerberzahlen in Wismar schmälere: Das größere Angebot führe zu mehr Nachfrage. Auch für die Zusammenführung aller neuen „Studis“ im nächsten Jahr seien in der Hansestadt die Kapazitätsgrenzen noch nicht erreicht.

Motivierend wirkt zudem das Interesse aus der Wirtschaft: In Planungsbüros wie auch öffentlichen Verwaltungen seien die angehenden Bauingenieure wärmstens willkommen, weiß der Dozent: Nicht erst mit dem Abschluss in der Tasche, sondern schon mit Praxisphasen, Ferienjobs und Bachelor-Arbeiten zu Themen, die den Erfordernissen in der Region entlehnt sind.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

zur Homepage