Als im Januar in Kasachstan Proteste aufbrandeten, schlug die Regierung sie mit Waffengewalt nieder. Hilfe kam aus Russland.
Als im Januar in Kasachstan Proteste aufbrandeten, schlug die Regierung sie mit Waffengewalt nieder. Hilfe kam aus Russland. ABDUAZIZ MADYAROV
Ein Foto aus dieser Woche: Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, eskaliert derzeit auch der Konflikt zwischen
Ein Foto aus dieser Woche: Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, eskaliert derzeit auch der Konflikt zwischen Kirgistan und Tadschikistan wieder. In der Grenzregion gab es heftige Gefechte. VYACHESLAV OSELEDKO
Nicht nur Ukraine

In diesen Regionen rund um Russland brodelt es auch

Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine überlagert andere Krisenherde rings um das riesige Land. Doch es gibt weitere politische, teils auch militärische Auseinandersetzungen.
Neubrandenburg

Mit einiger Fassungslosigkeit blickt die Welt in die Ukraine – der dort von Russland entfesselte Angriffskrieg hat das Zeug, eine dauerhafte Zäsur in den Geschichtsbüchern zu setzen. Noch ist nicht klar, wohin die Spirale von Gewalt und Gegengewalt eskalieren wird, doch eines hat der Krieg in der Ukraine bereits erreicht: Die übrigen Konflikte am Saum Russlands sind in der Öffentlichkeit kaum noch wahrnehmbar.

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Dabei müssten sie eigentlich gerade jetzt viel stärker in den Fokus rücken. Denn nur wer sich das gesamte Ausmaß der Konflikte vor Augen führt, hat eine Chance zu verstehen, wie die gegenwärtige Situation in Russland wahrgenommen wird.

Denn die Ukraine war und ist seit 1990 nicht der einzige Krisenherd auf dem ehemaligen Gebiet der 1991 aufgelösten UdSSR. Armenien und Aserbaidschan lieferten sich um die Region Bergkarabach seit 1990 bereits drei kriegerische Auseinandersetzungen. Zwischen 1991 und 1997 tobte in Tadschikistan ein Bürgerkrieg, dessen Ursachen und Folgen auch wegen der Nähe zu Afghanistan bis heute nicht aufgearbeitet oder gar überwunden worden sind.

Unruhen gab es schon direkt nach dem Zerfall der UdSSR

1992 spaltete sich die bisher kaum beachtete Region Transnistrien von der Republik Moldau ab, die Separatisten werden bis heute militärisch von Russland unterstützt. Seit dem gleichen Jahr gab es zwischen Georgien und Abchasien einen Konflikt, der durch das kriegerische Eingreifen Russlands im Jahr 2008 zunächst zu Gunsten der ebenfalls bisher international kaum anerkannten Republiken Abchasien und Südossetien beendet wurde.

In Kirgistan kam es im Jahr 2010 wegen ethnischer Auseinandersetzungen mit der usbekischen Minderheit zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Und der weißrussische Präsident Lukaschenko kann sich schon lange nur noch mit diktatorischen Mitteln an der Macht seines Staates halten.

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Schließlich führte in Kasachstan zu Beginn dieses Jahres die Erhöhung der Energiepreise infolge einer jahrelangen Wirtschaftskrise zur Auslösung von gewaltsamen Auseinandersetzungen rivalisierender politischer Gruppen. Die Regierung bat Moskau um militärische Hilfe im Kampf gegen die eigene Bevölkerung – und erhielt sie auch. Auch dieser erst so kürzlich eskalierte Konflikt ging in der weltweiten Wahrnehmung schnell unter, als Putin den Ukraine-Krieg entfesselte.

Das alles zeigt, dass nach dem schnellen Zerfall der Sowjetunion einerseits lange unterdrückte Widersprüche zu Tage getreten sind, andererseits sich aber auch neue Probleme infolge der Unabhängigkeit in den genannten Staaten entwickelt haben. Diese sind etwa in der damaligen politischen Vormachtstellung und Abhängigkeit zu Russland, im stärkeren Einfluss anderer Staaten, aber auch im religiösen und wirtschaftlichen Bereich sowie im Verhältnis der verschiedenen Ethnien untereinander zu suchen.

Längst nicht alle Länder streben nach Demokratie und Freiheit

Jahrhundertelange Knechtschaft durch das Zarenreich, aber auch durch die daran anschließende kommunistische Diktatur haben letztlich dazu beigetragen, dass viele Menschen und ihre gewählten politischen Führungen in der neuen Zeit zunächst nur mit Mühe in der Lage waren, den tatsächlichen Ansprüchen von Freiheit und Demokratie gerecht zu werden und entsprechend gerüstet und gewillt sind, am gesellschaftlichen Transformationsprozess ihrer Völker mitzuwirken.

In dieser Hinsicht bildet auch die Ukraine in ihrer staatlichen Entwicklung seit 1991 keine Ausnahme. Vielleicht hat Russlands Präsident Putin auch in Hinblick auf all diese Ereignisse seine Feststellung gezogen, dass „der Zerfall der Sowjetunion“, zumindest aus Putins Sicht, „eine der größten geopolitischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts“ war.

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Grund genug für mich und den Nordkurier, in den kommenden Monaten einen Blick in die ehemaligen Länder der Sowjetunion zu werfen und herauszufinden, was in diesen Staaten heute vor sich geht. Wir wollen herausfinden, in welchen Verhältnissen die Menschen dort leben und uns ihren Ansichten mit offenen Augen und Ohren zuwenden.

Armenien und Russland standen für diese Mission im Jahr 2022 bereits auf der Reiseroute, in den kommenden Wochen kommt auch noch Kasachstan hinzu. In den kommenden Wochen sollen daher zunächst Berichte über die aktuelle Situation der russischen Bevölkerung und im weiteren Reiseberichte aus anderen Ländern erscheinen.

Die Zeit drängt: Die Lage könnte sich weiter zuspitzen

Wie immer geht es dabei nicht um blanke Einschätzungen der außenpolitischen Verhältnisse, sondern ebenso um Innensichten in die Bevölkerung und Landeskundliches.

Die Zeit drängt. Denn auch, wenn der Ukraine-Krieg aus verständlichen Gründen alles überlagert: Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die „kalten“ und „heißen“ Konflikte sich wie eine lange Schnur um einen beträchtlichen Teil der Außengrenze Russlands gelegt haben.

Um im Norden zu beginnen: Mit dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens bekommen selbst die Spannungen im Baltikum, die in ihrer Heftigkeit bislang zum Glück nicht vergleichbar sind mit den Konflikten weiter südlich, eine neue Brisanz. Das zeigte nicht zuletzt die litauische Blockade bestimmter russischer Transporte nach Kaliningrad im Zuge der EU-Sanktionen gegen Russland.

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In unmittelbarer Nähe zur Ukraine regt sich in Moldau der Wille, das abtrünnige Transnistrien wieder in das Kernland zu integrieren. In der Kaukasus-Region gibt es neben den Bestrebungen Georgiens, sich die 2008 verloren gegangenen Gebiete zurückzuholen, zusätzlich den wieder aufgeflammten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach.

Erst diese Woche eskalierte ein bewaffneter Konflikt

In Mittelasien gab es erst kürzlich wieder Tote bei aktuellen Auseinandersetzungen wegen Grenzstreitigkeiten zwischen Tadschikistan und Kirgistan. Und in Kasachstan geht man immer weiter auf Distanz zur Politik Putins.

Die zunehmende Entfremdung einstiger Sowjetrepubliken zeigt sich auch in der aktuell ablehnenden Haltung von Kasachstan, Tadschikistan und Kirgistan im Umgang mit der Bitte Armeniens, militärischen Beistand im aktuellen Konflikt mit Aserbaidschan zu leisten. Neben Russland und Weißrussland sind die genannten Länder Mitglieder in der „Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit“.

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Das alles lässt den Schluss zu, dass Russland an Einfluss auf Länder und Geschehnisse an seiner Peripherie verloren hat und wohl auch noch weiter verliert. Ein stärkeres Selbstvertrauen in einen eigenen, vom großen Nachbarn unabhängigen Entwicklungsweg, aber auch die Ausnutzung einer derzeit offensichtlich nicht mehr uneingeschränkten Handlungsfähigkeit Russlands, die zuletzt natürlich vor allem durch Putins Angriffskrieg auf die Ukraine verstärkt wurde, eröffnet diesen Staaten nun Möglichkeiten, sich mehr und mehr historischen Abhängigkeiten zu entziehen.

Ob damit bestehende Konfliktherde in diesen Regionen aber dauerhaft beigelegt werden können, sei dahingestellt. Ebenso offen bleibt in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich das auf das Leben der in diesen Gebieten lebenden Menschen mit russischer Nationalität auswirken wird, zu deren Wohlergehen sich Russland nach geltender Verfassung eigentlich verpflichtet hat. Und nicht minder interessant wird zu beobachten sein, wie sich das alles auf die politische Lage in Russland selbst auswirken wird.

von Robby Scholz

Russland-Vermesser will jetzt auch Ex-Sowjetunion vermessen

Robby Scholz (61) entdeckte seine Leidenschaft für Russland schon früh: Geboren und aufgewachsen in Neubrandenburg, studierte er Vermessungswesen in Leningrad und spricht perfekt Russisch. Nach der Wende war er Unternehmer und Honorarprofessor an der Hochschule Neubrandenburg.

Nebenbei berichtete er immer wieder für den Nordkurier über seine Erlebnisse und Eindrücke aus Russland und warb – bei aller gebotenen Kritik – um mehr Verständnis für russische Sichtweisen.

Auch in der aktuell vom russischen Krieg gegen die Ukraine geprägten politischen Lage hält er seine langjährigen Kontakte zu Freunden und Kollegen aufrecht und reist auch immer wieder nach Russland – zuletzt vor wenigen Wochen.

Seit diesem Jahr hat er sich zudem die „Vermessung“ der früheren Sowjetrepubliken, die sonst nur selten in den Fokus rücken, auf die Fahnen geschrieben. Über seine Reisen wird er in den kommenden Monaten öfter berichten.

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