GERICHTSVERHANDLUNG

Notruf gewählt und Innenminister beschimpft

Wer die Nummern 110 oder 112 anruft, ohne dass gerade Gefahr für Leib und Leben besteht, macht sich strafbar und landet unter Umständen vor Gericht. Wie eine Dame, die den Innenminister und einen Bürgermeister für Kunstdiebe hält.
Thomas Beigang Thomas Beigang
Wer den Notruf missbraucht, muss dafür mit Geld- oder sogar Freiheitsstrafen  büßen. 
Wer den Notruf missbraucht, muss dafür mit Geld- oder sogar Freiheitsstrafen büßen. Sophia Weimer
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SMS
Neubrandenburg.

Lorenz Caffier müssen die Ohren geklungen haben. So wie jene Dame aus einer Kleinstadt nahe Neubrandenburg hat ihn, den bestimmt viel gescholtenen Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, wohl noch nie jemand verbal attackiert. Mit Worten, deren Wiedergabe an dieser Stelle die natürliche Scham und die gute Erziehung des Autors verbietet. Nur soviel: Sexuelles spielte dabei eine größere Rolle. Aber auch die Drohung, dem CDU-Politiker mit einem Beil den Schädel zu spalten.

Deswegen steht die 51-Jährige aber nicht vor dem Kadi – auch wenn sie das glaubt. Die Frau ist des Missbrauchs von Notruf-Nummern angeklagt, denn jene Hasstirade auf den Innenminister hat sie dem Mann nicht ins Gesicht geschleudert, sondern gegenüber einem diensthabenden Polizisten in der Einsatzleitstelle des Polizeipräsidiums Neubrandenburg abgelassen. Dort klingeln immer dann die Telefone, wenn jemand die Nummer 110 wählt.

Der Missbrauch dessen kann mit Geld- oder sogar Freiheitsstrafen geahndet werden. Ende März hatte die Kleinstädterin den Hörer in die Hand genommen, denn „schon seit vielen Jahren befinde ich mich in einer Notsituation“, sagte sie Richter Jörg Landes. Die Wahl der Nummer 110 war gerechtfertigt, rechtfertigt sie sich, weil ihr sonst kein Polizist zuhöre.

Angeklagte: Innenminister und Bürgermeister verkaufen gestohlene Kunst auf dem Schwarzmarkt

Aber zunächst schien es der in vornehmes Schwarz-Weiß gekleideten Frau wichtig, die Anklageschrift zu korrigieren. Von wegen, sie sei eine Kunsthandwerkerin, wie es dort hieß. „Ich bin eine Künstlerin mit Reputation in der ganzen Welt, ich bin bekannt“, sagt sie und Richter und Staatsanwalt hören mit unbewegten Mienen zu.

Auch dann noch, als sie sich darüber beklagt, dass ihre Kunstwerke aus dem Keller gestohlen wurden und ihr Bürgermeister und der Innenminister die jetzt auf dem Schwarzmarkt verticken und das Geld behalten. Spätestens an dieser Stelle könnte nachgefragt werden, ob die Dame tatsächlich noch alle sieben Sinne beisammen hat. Aber – weil sie wohl doch richtig und falsch unterscheiden kann, steht sie vor Gericht.

Und berichtet, wohl ist ihr die eigene Wortwahl von damals ein wenig peinlich, „besoffen“ gewesen zu sein. Den Eindruck indes hatte der Polizist aber nicht, der sich damals am Telefon das ganze Theater anhören musste. „Sie sprach klar“, sagte der Beamte, der es in jeder Schicht mit den Stimmen vieler Dutzend Menschen zu tun hat. Auch mit Betrunkenen. „Das passiert nicht selten“, sagt auf Nordkurier-Nachfrage eine Sprecherin des Polizeipräsidiums.

Notruf ist 14 Mal im vergangenen Jahr missbraucht

Missbrauch von Notfall-Leitungen wie den Polizeianschluss 110 sind beileibe kein Kavaliersdelikt. 14 solcher Fälle hat es im vergangenen Jahr allein in der Stadt Neubrandenburg gegeben, von Januar bis November 2018 schon 115 im gesamten Präsidium. „Die Anrufer sollten sich nicht sicher sein“, heißt es mahnend bei den Ordnungshütern. In aller Regel könne die Polizei die Anschlüsse identifizieren.

Der Staatsanwalt beantragte als Strafe für die 51-jährige selbst ernannte Künstlerin die Zahlung von 450 Euro an die Staatskasse – und Richter Landes verurteilt die Frau genau so, wie vom Ankläger gewünscht. Nicht ohne zuvor fast zu verzweifeln, als er sich nach den Einkünften der Angeklagten erkundigen will.

Sie habe nämlich keine, erklärt sie, daran seien andere und vor allem eben auch der Innenminister schuld. „Aber“, selbst der geduldige Richter verliert fast das innere Gleichgewicht, „von irgendwas müssen sie doch Essen und Trinken bezahlen“. Ach, winkt sie ab, sie lebe von Löwenzahn und Kartoffeln aus dem Garten.

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