Bürgerforum

Neubrandenburger Oststadt will ihr eigenes Zentrum

Neubrandenburgs größtes Wohngebiet kann auch schon mal als „viertgrößte Stadt des Landkreises” durchgehen. Umso höher sind die Erwartungen an all das, was so ein Stadtteil für 13 000 Einwohner bieten sollte.
Susanne Schulz Susanne Schulz
Blockbauweise, Baumbestand und durchaus auch Begegnungsorte – all das macht die Oststadt aus.
Blockbauweise, Baumbestand und durchaus auch Begegnungsorte – all das macht die Oststadt aus.
Was geht wo? Die Meinungen der Einwohner machen den Stadtteil bunt.
Was geht wo? Die Meinungen der Einwohner machen den Stadtteil bunt.
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Neubrandenburg.

In einem einzigen Halbsatz bringt ein Oststadt-Bewohner auf den Punkt, was er sich von seinem Wohngebiet wünscht: „Dass man nicht wegen allem in die Stadt fahren muss.“ Einkaufen und Dienstleistungen, Arztbesuche, Kultur, Gastronomie und Ausflüge: All das wünschen sich die Einwohner in ihrem eigenen „Kiez“, der schließlich das größte Wohngebiet Neubrandenburgs ist oder, wie Oberbürgermeister Silvio Witt launig vergleicht, „die viertgrößte Stadt im Landkreis“ – größer etwa als Friedland, Burg Stargard oder Altentreptow.

Für die Besucher des Bürgerforums, bei dem es um ein Stimmungsbild für den künftigen Flächennutzungsplan geht, ist die Oststadt somit viel mehr als nur ein Wohngebiet. Geplant einst für 25 000 Menschen, beherbergt sie heute etwa 13 000 Einwohner. Steigend sind die Anteile der Senioren (derzeit rund ein Viertel) und der Kinder unter sechs Jahren.

Doch wenngleich in den vergangenen Jahren 1000 Wohnungen durch Abriss und weitere 100 durch Rückbau verschwanden, macht sich der stadtweite Bedarf an neuen Wohnstandorten auch in diesem Stadtteil bemerkbar. Und die sollten, da besteht weitgehende Einigkeit zwischen Planern und Bürgern, lieber in bereits gut erschlossenen Gebieten als auf der „grünen Wiese“ entstehen.

Marktplatz auch im Wohngebiet

Doch wie viel Wohn- und wie viel Freiraum braucht die Oststadt? Vor allem dieser Frage ist das Forum gewidmet und richtet den Blick dabei besonders auf ein lebendiges Zentrum. Denn gerade dessen Rang wird deutlich, als die Bewohner Stärken und Schwächen ihres Wohngebiets aufzählen: Sie preisen Versorgungslage, kurze Wege und reichhaltiges Grün, vermissen jedoch kulturelle Angebote, anspruchsvolle Gastronomie und eben einen zentralen Platz mit Erlebnischarakter.

„Neubrandenburg braucht einen Marktplatz nicht nur im Stadtzentrum, sondern auch im Wohngebiet“, so die Quintessenz der Diskussion. Wo er angesiedelt sein könnte? Mehrheiten zeichnen sich ab für die grünen Bereiche nahe der Märchensäule, zwischen Juri-Gagarin-Ring und Kopernikusstraße; für jenen Bereich, wo einst Schulen standen und heute grüne Flächen von Trampelpfaden durchkreuzt werden.

Eine Mischung von Begegnungsort, gastronomischer Nachbarschaft und altersgerechten Wohnangeboten wird ins Spiel gebracht – denn auch fürs Wohnen, so finden die meisten Teilnehmer, sind zentrale Standorte allemal attraktiver als Randlagen, in denen es außerdem Gärten und Garagen zu verteidigen gilt. Und rein flächenmäßig sind der Oststadt mit der B 96/104, dem Lindetal sowie den umgebenden Gewerbestandorten nun mal Grenzen gesetzt.

„Platte” hat reichlich Fürsprecher

Apropos verteidigen: Da findet die sonst so oft gescholtene „Platte“ reichlich Fürsprecher. „Ich fühle mich wohl hier“, betonen sowohl Mieter, die schon seit der Entstehung der Oststadt in den 70er Jahren hier wohnen, als auch junge Leute, die dem schlechten Image der Beton-Bauweise modernes Lebensgefühl entgegensetzen wollen.

Ob denn der Wunsch nach einem lebendigen Zentrum realisierbar sei, wird OB Witt am Ende des Forums gefragt. „Das muss er“, sagt er, „schon weil es die Einwohner wünschen.“ Der Abend in der Regionalen Schule im Lindetal ist Teil einer Reihe von Bürgerforen, die in Zusammenarbeit mit dem Berliner Büro „die raumplaner“ die Wünsche der Neubrandenburger für den künftigen Flächennutzungsplan erkunden. Bei der nächsten Veranstaltung am Donnerstag, dem 23.  Mai, um 17 Uhr im Albert-Einstein-Gymnasium geht es um das Stadtgebiet Nordwest unter der Fragestellung „Wie viel Naherholung braucht die Stadt?“

Kommentare (2)

Die Stadt ist, wie wir lesen dabei, ihre Schulden abzubauen und hat für große Investitionen in einem Stadtviertel mit gravierenden Geburtsfehlern nicht soviel Geld übrig, daß es dauerhafte Lösungen geben könnte. Private Geldgeber wären der Ausweg, aber die gibt es in unserer armen Gegend nicht zu Hauf und schon gar nicht für ein ehemaliges sozialistisches Plattenbaugebiet. Es wird also bei den punktuellen Initiativen der beiden großen Wohnungsunternehmen bleiben, die versuchen, vorbildlich für ihre Mieter zu sorgen und den Wohnungsbestand in Ordnung zu halten. Alles, was darüber hinaus gewünscht wird, ist nicht machbar bei der finanziellen Gesamtlage in Neubrandenburg.

Wer als Oststädter mit offenen Sinnen durchs Viertel geht wird feststellen, dass es bereits einen zentralen Platz gibt: zwischen Eiscafe Tina und Ihlenpool (übrigens nicht mit Beton oder Asphalt versiegelt). An sonnigen Wochenenden boomt dort das Oststadt-Leben. Mehrere Wochen im Jahr kommt die Hüpfburgen-Welt hinzu. Anspruchsvolle Gastronomie gab es in der Oststadt, nur keine Kunden. Wir können einerseits von einer schönen Welt träumen, aber wer soll in diese schöne Welt investieren, die lediglich Fassadenstatus erlangen wird? Werden wir von großen Brötchen oder auch von kleinen Brötchen satt? Wer Wege kennenlernen will sollte die Ortsteile von Feldberger Seenlandschaft, Woldegk oder anderen Orten kennenlernen, dann ist der Weg zwischen NB-City und NB-Oststadt von der Länge her paradisisch. Übrigens Altentreptow, Burg Stargard und Friedland wären in NRW von der Einwohnerzahl her lediglich Ortsteile einer weiter entfernten Stadt und hätten keine Rathäuser.