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Patienten „auf Wanderschaft“ bereiten einigen Ärzten Sorge

Kein Puls! - An diesem „Knochenkarl“ kann Dr. Bodo Seidel ärztlich nicht mehr viel ausrichten. Aber für ein Fachgespräch mit Felix Eckelt, der seine Famulatur, ein Praktikum für angehende Ärzte, in Seidels Praxis absolviert, ist das Skelett richtig. [KT_CREDIT] FOTO: J. Franze

VonJörg FranzeFünf Monate ohne Praxisgebühr: Weder Patienten noch Ärzte in Neubrandenburg und Umgebung trauern der „Behandlungs-Maut“ nach, nur von ...

VonJörg Franze

Fünf Monate ohne Praxisgebühr: Weder Patienten noch Ärzte in Neubrandenburg und Umgebung trauern der „Behandlungs-Maut“ nach, nur von den Krankenkassen kommt vereinzelt noch Kritik. Doch die ersten Monate ohne den Zehner zeigen ein neues Problem.

Neubrandenburg.Die Mittagspause ist wieder mal keine. Gegen 12 Uhr ist eigentlich Schluss mit der Sprechstunde am Vormittag. Doch bis nach 13 Uhr hat Dr. Bodo Seidel noch zu tun, um die Patienten, die sich vorher angemeldet hatten, „abzuarbeiten“. Und während die letzten Vormittags-Besucher gerade die Praxis verlassen, stehen schon die ersten Anwärter für den Nachmittag vor der Praxistür.
Beschweren mag sich der Arzt darüber nicht, ist der Andrang der Patienten ja auch ein Zeichen der Wertschätzung. Doch im ersten Viertel des Jahres uferte es fast ein wenig aus. Mit dem Wegfall der Praxisgebühr nahmen sich immer mehr Patienten das Recht, direkt in der Praxis am Kulturpark vorzusprechen, ohne vorher den eigenen Hausarzt zu konsultieren. Zwar hat Seidel ein Schild im Wartezimmer hängen, mit dem Hinweis, das „Fassungsvermögen“ der Praxis sei mit 150Prozent deutlich überschritten. Doch da er zum Teil als Allgemeinmediziner, andererseits aber als Spezialist in Sachen Sportmedizin, Chirotherapie und Rheumatologie agiert, ist seine Expertise begehrt. „In den ersten Wochen 2013 kam etwa ein Viertel mehr an Leuten, die erklärten, sie wollten jetzt hier behandelt werden. Doch das würde meine Möglichkeiten sprengen“, schätzt Seidel ein.
Eine Situation, die sowohl für die Patienten zusätzlichen Stress bedeutete als auch für die Schwestern. Denn sie mussten die Besucher freundlich, aber bestimmt, auf die Überfüllung der Praxis hinweisen. Was nicht jeder höflich aufnahm. „Es gab schon ein paar unwirsche Bemerkungen, mancher hat auch ein bisschen Tamtam gemacht“, erinnert sich Bodo Seidel. Er hofft auf Verständnis, „damit ich demnächst den Schwestern nicht noch einen Bodyguard zur Seite stellen muss“, scherzt er mit ernstem Unterton.
Neben der angespannte Situation in der Praxis sieht Seidel in dieser Entwicklung weitere Probleme. Er setzt auch mit dem Wegfall der Praxisgebühr auf das Lotsenprinzip des Hausarztes. „Dieser kennt sich am besten in der Krankengeschichte des Patienten aus und hat den Überblick über eingesetzte Medikamente“, hebt er hervor. Bei „wandernden Patienten“ gehe dieser verloren.

Auswirkungen auf Termine bei Fachärzten befürchtet
„Ich appelliere an die Patienten, trotz des Wegfalls der Praxisgebühr an bewährten Prinzipien festzuhalten“, mahnt deshalb auch Allgemeinmediziner Viktor Harsch, der zugleich Leiter der Kreisstelle Neubrandenburg der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV) ist. Aus Berichten anderer Hausärzte, aber auch aus eigener Erfahrung, hat er festgestellt, dass die Tendenz, direkt zum Facharzt zu gehen, etwas zugenommen habe. „Diese unkoordinierte Inanspruchnahme dürfte sich auf die Verfügbarkeit der ohnehin engen Facharzttermine nachteilig auswirken“, kritisiert Harsch. Die Patienten würden sich so ins eigene Fleisch schneiden.

Bisher keine vermehrten Arztbesuche festgestellt
Das Anliegen der Ärzte wird auch von den Krankenkassen unterstützt. Für eine erste Bilanz nach dem Wegfall der Praxisgebühr sei es zwar noch zu früh, heißt es von mehreren Kassen, aber bei der DAK traut man sich auch ohne genaue Zahlen zu konstatieren, man stelle „derzeit keine vermehrten Arztbesuche fest“. Die Kassenmitglieder hätten den Wegfall der zehn Euro pro Quartal durchweg positiv aufgenommen, schätzt Dörte Krüger von der DAK in Neubrandenburg ein.
Kritik an der politischen Entscheidung kann sich Roland Eifel von der Barmer GEK in Neubrandenburg nicht ganz verkneifen: „Die Abschaffung der Praxisgebühr war meiner Meinung nach ein klassisches Wahlgeschenk“, moniert er. „Die wenigen dazu erfolgten Reaktionen unserer Versicherten zeigen aber, dass die Abschaffung der Praxisgebühr dort natürlich auf breite Zustimmung trifft“, setzt er hinzu.
„Selbstverständlich können Patienten bestimmte Fachärzte auch ohne Überweisung aufsuchen – es gilt das freie Arztwahlrecht“, verweist Markus Juhls von der AOK Nordost auf die Rechtslage. Wer aber Spezialisten wie z. B. Radiologen nutze, die auf die Diagnostik eines anderen Arztes angewiesen seien, benötige definitiv weiterhin eine Überweisung. Juhls sieht aber wie seine Kollegen von DAK und Barmer GEK viele gute Gründe dafür, dass der erste Weg immer zum Hausarzt führt. Dieser wisse über die Diagnosen, den Krankheitsverlauf und die Medikamenteneinnahme Bescheid und könne somit Doppeluntersuchungen und Fehler bei der Kombination von Medikamenten vermeiden.

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j.franze@nordkurier.de