Die Corona-Infektionen steigen wieder an. Zugleich fordern mehrere Pflegeheime in MV die Abschaffung der Isolationspflicht.
Die Corona-Infektionen steigen wieder an. Zugleich fordern mehrere Pflegeheime in MV die Abschaffung der Isolationspflicht. Tom Weller
Altenpflege

Pflegeheime fordern Abschaffung der Corona-Isolationspflicht

Die Corona-Infektionen steigen wieder an. Zugleich fordern nun mehrere Pflegeheime in MV die Abschaffung der Isolationspflicht. Wie passt das zusammen?
Neubrandenburg

In einem Pflegeheim im hessischen Marburg sollen Senioren teils tagelang hilflos in den eigenen Fäkalien gelegen haben, weil sich fast alle Pfleger wegen einer Corona-Infektion in die Isolation begeben mussten. Das THW und Rettungsdienste mussten anrücken, um auszuhelfen, heißt es in der „Oberhessischen Presse”.

Von solchen Zuständen ist man in Mecklenburg-Vorpommern weit entfernt – doch die Corona-Quarantäne ist vielen Pflegeheimen dennoch ein Dorn im Auge. Einen größeren Ausfall von Pflegekräften durch Corona-Infektionen gebe es aktuell allerdings nicht, heißt es in den Pflegeheimen in Neubrandenburg, Friedland, Teterow, Malchin, Röbel, Pasewalk und Ueckermünde auf Nordkurier-Nachfrage.

Mehr zum Thema: Corona-Ausbrüche in Kliniken und Pflegeheimen

Man gehe auch nicht davon aus, dass es dazu komme, auch wenn es nicht unmöglich sei. In sechs Pflegeheimen seien aktuell keine Pflegekräfte in Isolation. Lediglich im Vitanas Senioren Centrum am Kulturpark in Neubrandenburg befänden sich derzeit zwei von 80 Pflegern in Corona-Quarantäne.

Quarantäne-Regeln „eine große Belastung” für die Mitarbeiter

Die geltenden Quarantäne-Regeln seien dennoch „eine große Belastung” für die Mitarbeiter, heißt es immer wieder, denn andere Kollegen müssten in diesem Fall teils Doppelschichten schieben und seien stärker belastet. Die Mehrheit der Pflegeheime fordert daher die Aufhebung der aktuell geltenden Corona-Isolationspflicht.

Lesen Sie auch: Nächstes Pflegeheim schlägt Alarm beim Krankenstand

Fanny Beiersdorf, die Pflegedienstleiterin des Vitanas Senioren Centrum am Kulturpark in Neubrandenburg, plädiert für eine Normalisierung. „Mit einer Corona-Infektion sollte genauso umgegangen werden wie mit einer Grippe”, meint sie, zumal die Infektionen in den Pflegeheimen aktuell sehr milde verlaufen. Wenn jemand keine Symptome mehr habe, dann solle er zur Arbeit gehen dürfen.

Außerdem interessant: Corona-Ausbrüche in vielen Pflegeheimen

Ähnlich sieht das Katharina Friesse, die Leiterin des Senioren-Wohnparks Friedland. Sie spricht sich zudem dafür aus, dass die Impfpflicht für Pflegekräfte aufgehoben werden soll. Schließlich schütze die Impfung nachweislich nicht vor einer Infektion. In der letzten Corona-Welle sei zudem kein einziger Bewohner ins Krankenhaus eingeliefert worden.

„Wir müssen mit Corona leben”

„Wir müssen mit Corona leben und die Maßnahmen herunterfahren”, sagt Sylvia Splettstößer, Pflegedienstleiterin im Pflegeheim St. Spiritus Pasewalk. Sie lobt zudem ausdrücklich ihre Mitarbeiter, die bei Krankheitsfällen zusätzliche Dienste übernommen haben.

Mehr zum Thema: Massive Corona-Ausfälle – Pflegeheime suchen Helfer

„Totalen Blödsinn” nennt Kathi Depoorter vom Ueckermünder Pflegeheim „Haus der Vertrautheit“, das zur Volkssolidarität gehört, die Isolationspflicht. Wenn man krank sei, bleibe man eben zuhause. Es sei aber absurd, jemanden zu isolieren, wenn derjenige keine oder nur geringe Symptome wie Husten und Schnupfen zeige. Der Test sei kein zuverlässiger Beleg für die Ansteckungsgefahr. „Wenn jemand vor fünf Jahren wegen Husten und Schnupfen zu Hause geblieben wäre, dann hätte man ihm den Vogel gezeigt”, sagt sie.

Viele Heimbewohner an Corona gestorben

Bei den Seniorenheimen in Malchin und Röbel will man sich nicht festlegen, ob eine Aufhebung der Isolationspflicht bei einer Corona-Infektion sinnvoll sei. „Wir sind keine Mediziner und keine Virologen”, sagt Torsten Ehlers, Sprecher des Güstrower Diakonie-Vereins, der Träger der Heime ist.

Im Teterower DRK-Pflegeheim ist man laut Leiter Ronald Hinkelmann hingegen als einziges der angefragten Heime dafür, die derzeit geltende Isolationspflicht beizubehalten. Er habe selbst erleben müssen, wie 40 Prozent der Bewohner zwischen Januar und März 2021 infolge von Corona-Infektionen gestorben seien. „Das war die schlimmste Erfahrung, die ich meinem Leben gemacht habe”, erklärt er bewegt. Daher rate er weiterhin zur Vorsicht, um die vulnerablen Gruppen zu schützen.

70 Prozent der Bewohner zeitgleich in Quarantäne

Die meisten Personalausfälle habe das Vitanas Senioren Centrum übrigens im März erreicht, als 50 Prozent der Mitarbeiter in Quarantäne waren. Der Spät- und Nachtdienst seien weggebrochen. Gemeinsam habe man die Situation aber bewältigen können, sagt Pflegedienstleiterin Fanny Beiersdorf. Alle Mitarbeiter hätten mitgeholfen und teils Doppelschichten geschoben, um die Versorgung der Bewohner zu gewährleisten, erklärt Fanny Beiersdorf. Die Situation sei für die Mitarbeiter „eine große Belastung” gewesen. Mittlerweile sei die Lage aber „nicht mehr so dramatisch”, so die Pflegedienstleiterin.

„Besonders schlimm” sei es gewesen, als im März zeitgleich 70 Prozent der Bewohner Corona-positiv gewesen seien. Vitanas musste zeitweise drei Wohnbereiche sperren. Die Bewohner konnten nur noch einzeln aus dem Zimmer geholt und mit Schutzanzügen und Masken gepflegt werden. 10 Tage lang mussten sie allein in ihrem Zimmer ausharren und konnten nicht am sozialen Leben im Heim teilnehmen. „Das war traurig und hat alle belastet”, meint Fanny Beiersdorf. Sie fordert daher, dass Bewohner bei einer Corona-Infektion künftig „nicht mehr eingesperrt werden” sollen. Sobald die Symptome verschwinden, sollten sie aus der Isolation entlassen werden.

 

zur Homepage