INSOLVENZEN

Neubrandenburger gehen besonders oft pleite

Die Zahl der eröffneten Verbraucherinsolvenzen ist in Neubrandenburg dreimal höher als im Durchschnitt von Mecklenburg-Vorpommern. Die Ursachen sind selbst für langjährige Schuldnerberater ein Rätsel.
Thomas Beigang Thomas Beigang
Noch immer ist es viel zu leicht, Schulden zu machen, beklagen die Schuldnerberater.
Noch immer ist es viel zu leicht, Schulden zu machen, beklagen die Schuldnerberater. Andrea Warnecke
Neubrandenburg.

Die Neubrandenburger, die im vergangenen Jahr verzweifelt die Schuldnerberatung der Caritas aufgesucht haben, trugen eine durchschnittliche Schuldenlast von rund 25.000 Euro mit sich herum. 268 Frauen und Männer suchten hier nach Lösungen für ihre Probleme – die insgesamt etwa 6,9 Millionen Euro groß waren. „Die Spanne der Verbindlichkeiten reicht dabei von knappen 1000 Euro bis zu sechsstelligen Beträgen“, sagte Nicolas Mantseris, der Leiter der Caritas-Schuldnerberatung, die in diesem Jahr ihr 25. Jubiläum in Neubrandenburg begeht.

In dem Vierteljahrhundert hat sich an den wichtigsten Ursachen für Überschuldung nach Ansicht der Fachleute nichts geändert: „Zuallererst Arbeitslosigkeit, Ehescheidungen oder akute Krankheiten. Das sind die wichtigsten Gründe, warum Leute ihre Schulden nicht mehr begleichen können“, so Mantseris. Aber mehr als früher seien psychische Erkrankungen daran beteiligt, von denen die Menschen daran gehindert werden, wieder auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren und so ihre Kredite bezahlen zu können.

Anteil der Hilfesuchenden erhöht sich

Und noch etwas hat sich nach den Erfahrungen der Schuldnerberater in Neubrandenburg und Umgebung verschoben: Der Anteil der Hilfesuchenden, die in Lohn und Brot stehen, aber trotzdem überschuldet sind, habe sich stark erhöht. Im Jahr 2006 waren nur wenig mehr als 13 Prozent der Klienten in der Schuldnerberatung in Festanstellungen, zwölf Jahre später waren das ein Drittel. Mantseris erklärt das vermeintliche Phänomen: „Die Arbeitslosigkeit ist weniger geworden, aber viele verdienen in Festanstellungen auch nur Mindestlohn.“

Zu viele Niedrigeinkommen, so der Schuldnerberater. Viele Menschen seien darum nicht in der Lage, Rücklagen zu bilden, um in Notfällen angemessen reagieren zu können. Dazu komme, dass es immer noch viel zu leicht sei, Schulden bei Versandhäusern oder selbst bei Kreditinstituten zu machen. Mantseris weiß von Fällen zu berichten, in denen Menschen immer neue Sachen bestellen, die dann sofort im Internet billiger verkaufen, um vom Erlös alte Schulden zu begleichen. „Ein Teufelskreis.“

31 Privatinsolvenzen auf 10.000 Einwohner

In Sachen Schulden zeigen sich nicht nur die Neubrandenburger Stadtfinanzen von landesweiter Berühmtheit – auch die Neubrandenburger selbst sind hier landesweit an der Spitze. Aber während sich der städtische Haushalt mit Sparsamkeit und Unterstützung des Landes langsam wieder erholt, gilt dies nicht für die privaten Schulden.

Immerhin: Pro 10.000 Einwohner eröffnete im Jahr 2017 das Amtsgericht in Neubrandenburg mehr als 31 Verbraucherinsolvenzverfahren – Verfahren zur Abwicklung der Zahlungsunfähigkeit – mit denen überschuldete Frauen und Männer binnen sechs Jahren von ihren Verbindlichkeiten befreit werden können. Landesweit betrug die Zahl nur gut zehn Verfahren auf 10 .000 Einwohner. Die Ursache dafür laut den Schuldnerberatern: Das im Osten des Landes niedrigere Einkommen als im Rest des Landes.

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