KUPFERNES RELIEF

Rätsel um DDR-Kunstwerk ist endlich gelöst

Lange galt als vergessen, welcher Künstler seinerzeit das kupferne Relief für einen Handwerksbetrieb in der Oststadt gefertigt hat. Davon lässt sich aber ein Neubrandenburger nie entmutigen. Im Gegenteil – so was spornt den bei der Suche nur an.
Thomas Beigang Thomas Beigang
Lange Zeit galt als ungewiss, wer das kupferne Relief mit seinen Handwerkerzeichen angefertig hat.
Lange Zeit galt als ungewiss, wer das kupferne Relief mit seinen Handwerkerzeichen angefertig hat. Anke Brauns
Der Hobby-Historiker Wolfgang Kern in den Stadtwerken bei der Inspektion der kupfernen Tafel.
Der Hobby-Historiker Wolfgang Kern in den Stadtwerken bei der Inspektion der kupfernen Tafel. Anke Brauns
Neubrandenburg.

Geknickt musste Wolfgang Kern, der Vorsitzende des Museumsvereins in Neubrandenburg, erst vor zwei Wochen seinen 72 Mitgliedern auf der Jahreshauptversammlung eingestehen, sein ganz persönliches Jahresziel verfehlt zu haben. Dem Hobby-Historiker und Sammler von Orden und Abzeichen war es bis dahin nicht gelungen, den Künstler zu identifizieren, der vor mehr als vier Jahrzehnten eine Kupfertafel anfertigte, die seit 1975 im sogenannten Dienstleistungskombinat in der Oststadt hing. Hier schafften sich seinerzeit Uhrmacher, Schuster und Schneider zum Wohle aller Werktätigen. Das Relief jedenfalls überdauerte den Betrieb. Als der nach der Wende dicht machen musste, verschwand das Kunstwerk im Museumsdepot. Dort aber war das gute Stück aus unerklärlichen Gründen nicht mit Daten erfasst worden. Man wusste nicht, welcher Künstler es geschaffen hat, wo es mal hing, wer es ins Museum gebracht hat. Der erste Aufruf in der Zeitung brachte nur ein paar Vermutungen, aber nach einem zweiten Beitrag im Dezember 2017 erhielt Wolfgang Kern einen Anruf vom letzten Chef des Dienstleistungskombinates Neubrandenburg.

Aber alle Recherchen nach dem Künstler oder der Künstlerin verliefen im Sande. „Zum Haare ausraufen“ sei das gewesen, sagt Kern. Selbst Tipps, nach denen die mysteriöse Kupfertafel in der Künstler-Produktionsgenossenschaft Hoyerswerda angefertigt wurde, halfen nicht weiter.

Zuletzt führten ihn zwei Spuren nach Demmin, eine davon zum inzwischen verstorbenen Kunsthandwerker Adolf Krüger. Dessen Tochter konnte sich allerdings nicht an das Kunstwerk erinnern. Das allein musste noch nichts heißen. Allerdings versprach sich Wolfgang Kern von einer zweiten Spur mehr Erfolg: Ein mittlerweile in Neubrandenburg lebender Demminer hatte ihn darauf gebracht. Er will das Relief „mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ in der Werkstatt des Demminer Kunstschmiedes Hans Plog und seines Sohnes Peter gesehen haben. Der Mann erzählte Wolfgang Kern, dass er eines Tages in die Werkstatt kam, als die Tafel auf dem Rücken lag. Er habe dann den Mitarbeiter Kurt Trost gefragt, was das ist und die Antwort bekommen: „Das ist ein Relief.“

Inzwischen sind sowohl Kurt Trost als auch Hans Plog und sein Sohn Peter gestorben. Wolfgang Kern hat aber Kontakt zu den Hinterbliebenen aufgenommen. Ergebnis: negativ. So kam es, dass Kern auf der Mitgliederversammlung des Museumsvereins sein Scheitern erklären musste. „Das“, so sein Fazit, „hat schon gewurmt.“

Ein paar Tage später traf Wolfgang Kern auf die ehemalige Direktorin der Neubrandenburger Kunstsammlung, Ruth Crepon, und unterhielt sich mit der älteren Dame über Gott und die Welt. Unter anderem erzählte Kern eben auch von der vergeblichen Suche nach dem Macher der Kupfertafel. „Ach, die“, soll die versierte Kunstwissenschaftlerin, die in der Region Gott und die Welt kennt, gerufen haben, „Die Tafel hat doch die Ugi gemacht“. Dem Hobby-Historiker und Künstler-Detektiv fiel die Kinnlade runter: „Ugi, wer?“ Da sei, belehrte ihn Ruth Crepon, die Heidrun Gregorzik gewesen, eine seinerzeit junge Künstlerin und Mitglied im Neubrandenburger Zentrum für bildende Kunst (ZBK). Sogar, wie sie nach der Heirat heißt, wusste Crepon: Heidrun Radeloff. Und dass sie in Halle an der Saale lebe. „Sie hat Neubrandenburg und damit das Zentrum bildende Kunst bereits 1976 verlassen“, weiß der Museumsleiter mittlerweile auch schon.

Kern fiel ein Stein vom Herzen. Mittlerweile hat der Hobby-Historiker mit der betagten Künstlerin telefoniert und deren Einverständnis eingeholt, sich ihr Frühwerk noch einmal anzusehen. Das Kupferrelief hängt derweil seit vielen Monaten als Museums-Leihgabe auf einem Flur der Neubrandenburger Stadtwerke.

Die Jahreshauptversammlung des Museumsvereins jedenfalls kam zu früh. Wenigstens für seinen Vorsitzenden.

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