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Rätselhafte Nacht macht Familie kaputt

Snar Manukyan hat viele Dokumente gesammelt. Wer sich durch den Akten-Dschungel kämpft, stößt schnell auf Widersprüche [KT_CREDIT] FOTO: I. nehls

Von unserem RedaktionsmitgliedIngmar NehlsEs war eine Nacht, die seit Jahren einer Familie das Leben schwer macht. Ein Irrtum der Justiz? Ein falscher Zeuge? ...

Von unserem Redaktionsmitglied
Ingmar Nehls

Es war eine Nacht, die seit Jahren einer Familie das Leben schwer macht. Ein Irrtum der Justiz? Ein falscher Zeuge? Snar Manukyan jedenfalls kämpft für seine Familie, seine Unschuld und seinen Führerschein.

Neubrandenburg.Er könnte die Sache absitzen. Den Mund halten, die Strafe akzeptieren und irgendwann weitermachen. Snar Manuk-yan beteuert aber weiter seine Unschuld. Nur die Justiz sieht das anders und liegt damit vielleicht falsch. „Das macht meine Familie kaputt“, sagt Snar Manukyan. Es ist kurz nach Mittag. Der Dönerspieß hat schon viele Runden gedreht und hängt verschlankt im Bistro von Snar Manukyan. Einige Stammkunden sitzen noch im Raucherbereich. Snar Manukyan, den Freunde Sasha nennen, holt einen dicken Ordner hervor mit vielen Dokumenten. Viele Stammkunden kennen seine Geschichte.
Wenn er kurz vor 20 Uhr sein Bistro schließt, wird er in den Bus steigen. So wie er es schon lange Zeit tun muss. Denn die für den Gastronomen wichtige Fahrerlaubnis hat man ihm weggenommen.
Snar Manukyan wird vorgeworfen, am 9. August 2010 gegen 22.30 Uhr mit seinem Audi unter Alkoholeinfluss gefahren zu sein.
Tatsächlich sind zwei Polizeibeamte zu seiner Wohnung in der Neustrelitzer Straße gekommen und haben eine Stunde später, um 23.52 Uhr, einen Alkoholtest durchgeführt, der einen Wert von 1,83 Promille ergab. Snar Manukyan hatte der Blutentnahme nicht zugestimmt und es gibt Zweifel daran, ob für die Blutabnahme ein richterlicher Beschluss von der Staatsanwaltschaft eingeholt wurde. Snar Manukyan war mit seiner Familie bei einer Feier in Warlin. Eine Zeugin bestätigt, dass sich um 21.45 Uhr nicht Manukyan selbst an das Steuer gesetzt hat, sondern seine Tochter. Manukyan soll laut der Zeugin auf dem Beifahrersitz Platz genommen haben.

Zeugen der angeblichen Trunkenfahrt
Warum ist die Polizei an diesem Abend überhaupt zu Manukyans Wohnung gekommen? Es gibt zwei Zeugen, die den Armenier belasten. Zeuge H. und Zeuge L. wollen einen Audi A4 mit dem Kennzeichen NB-LM777 um 22.33 Uhr an der Bahnschranke in Sponholz gesehen haben. Erste Ungereimtheit: Manukyan besitzt einen A6.Die Bauart unterscheidet sich erheblich. Wenn die Familie bereits um 21.45 Uhr losgefahren ist, wäre sie zu diesem Zeitpunkt längst zu Hause gewesen.
Dann gibt es Unstimmigkeiten in den beiden Zeugenaussagen. Der eine Zeuge sagt, der Audi habe die beiden stehenden Fahrzeuge am Bahnübergang überholt und sich dann schräg vor sie gestellt. Der andere behauptet, dass der Audi schon am Bahnübergang stand, als die beiden Zeugen in ihren Autos dazu kamen. Der Zeuge L. behauptet, dass der Audi schlangenförmig gefahren ist und mehrere rote Ampeln überquert haben soll. Wie aber will jemand bezeugen, dass ein Auto vor ihm über mehrere rote Ampeln fährt, ohne selbst auch über die roten Ampeln zu fahren?
Trotz Dunkelheit und abgedunkelter Scheiben behauptet Zeuge L., dass er Snar Manukyan am Steuer erkannt hat.Snar Manukyan kennt den Zeugen L. vom Sehen her. Der Zeuge L. kennt auch Manukyans Gesicht und wahrscheinlich kannte er auch Manukyans Nummernschild, denn Manukyan stand oft mit seinem Auto vor dem Bistro, wo Zeuge L. regelmäßig vorbeigeht. Manukyan glaubt, dass der Zeuge L. ihm etwas anhängen möchte.
Ist Manukyan in dieser Nacht tatsächlich mit dem Auto gefahren? Es gibt nur die widersprüchlichen Aussagen von L. und H. Die Polizei selbst konnte nur Alkohol im Blut feststellen, die angebliche Fahrt selbst aber nicht beobachten. Aus dem Polizeibericht geht nicht hervor, dass die Beamten die Einstellungen des Fahrersitzes kontrolliert haben. Die dürften sich aufgrund des unterschiedlichen Körperbaus stark unterscheiden.

Ein alter Fehler haftet
Beschuldigtem an
Warum musste Manukyan seinen Führerschein abgeben?Was Snar Manukyan anhaftet, ist eine Trunkenheitsfahrt im April 2006. Die Familie saß zusammen, feierte den Jahrestag von Manukyans Vater, der verstorben war. Manukyan trank viel Wein. Nach Aussage des Armeniers musste er dringend zu seinem Bistro fahren, weil er vergessen hatte, den Laden abzuschließen. Nach wenigen Metern stellte ihn die Polizei. Diesen Fehler bereue er sehr, versichert Manukyan. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“ Snar Manukyan muss um seine Glaubwürdigkeit kämpfen. Er gilt als Wiederholungstäter.
Nachdem er vor dem Amtsgericht in Neubrandenburg gescheitert ist, zu einer Geldstrafe von 2000 Euro und einem Führerscheinentzug von 17 Monaten verurteilt wurde, hat ihn auch das Landgericht wegen vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr für schuldig erklärt. Viel Geld hat Manukyan an die Justiz und die Anwälte bezahlt. Bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht soll es zu einer lautstarken Diskussion zwischen den Zeugen L. und H. gekommen sein. Dies zumindest sagt ein Beobachter.
Manukyan braucht seinen Führerschein wieder. Der TÜV Nord hat in einem Gutachten festgestellt, dass es keine körperlichen Zeichen gibt, die für einen gewohnheitsmäßigen Alkoholmissbrauch oder alkoholbedingte Auswirkungen eines Langzeitkonsums sprechen. Die Leberfunktionen liegen im normalen Bereich. Die extrem hohe Blutalkoholkonzentration von 1,83 Promille, die am
9. August 2010 gemessen wurde, lässt laut TÜV auf eine überdurchschnittliche Alkoholgewöhnung schließen. Auch die DEKRA hat in einem Gutachten vom August 2012 keine medizinischen Auffälligkeiten feststellen können. Allerdings stellt die DEKRA aufgrund der angeblichen Trunkenheitsfahrt die Glaubwürdigkeit in Frage. Dass seine Familie die Unschuld des Vaters vor Gericht beteuert, hat für sie auch ein juristisches Nachspiel, denn das Amtsgericht Neubrandenburg hat Manukyans Frau und beide Töchter der uneidlichen Falschaussage angeklagt. Snar Manukyan hofft, dass dieser Albtraum bald zu Ende ist. Seine ganze Familie leidet unter der Situation.

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i.nehls@nordkurier.de