MORDFALL IN TORGELOW

▶ Rechtsmedizinerin schildert Leonies langes Martyrium

Der mordverdächtige David H. behauptet, Leonie sei an einem Sturz gestorben. Eine Rechtsmedizinerin berichtet von heftigen Schlägen und Tritten, die dem Mädchen immer wieder zugefügt wurden.
Leonies Stiefvater David H. ist wegen Mordes durch Unterlassen und wegen Misshandlungen angeklagt. Ein Urteil kündigte da
Leonies Stiefvater David H. ist wegen Mordes durch Unterlassen und wegen Misshandlungen angeklagt. Ein Urteil kündigte das Landgericht Neubrandenburg für den 9. Januar an. Bernd Wüstneck
Neubrandenburg.

Leonie (6) aus Torgelow hatte zu ihrem Todeszeitpunkt zahlreiche großflächige Verletzungen, die ihr durch stumpfe Gewalt zugefügt worden sein müssen – und das über einen langen Zeitraum. Manche seien frisch gewesen, viele waren jedoch alt. Das sagte Rechtsmedizinerin Britta Bockholdt am Freitag vor dem Landgericht Neubrandenburg.

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Die Sechsjährige hatte unter anderem im Gesicht, unten dem Kinn und am Hinterkopf schwere Verletzungen. Mehrfache Schläge und Tritte kämen dafür in Betracht, beispielsweise „Kinnhaken wie beim Boxen”, erklärte die 54-Jährige. So könnten auch die Hirnblutungen erklärt werden, die bei Leonies Obduktion festgestellt wurden.

Sturz kann Leonie nicht so verletzt haben

Nur von einem Treppensturz am 12. Januar vergangenen Jahres, der Tag an dem Leonie starb, könnten diese Verletzungen nicht stammen, ist sie sich sicher. Doch genau dies behauptet Leonies Stiefvater David H., der wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung angeklagt ist. Leonie soll mit ihrem Kinderwagen gestürzt sein und daher diese Verletzungen haben, sagte er.

Die Professorin der Greifswalder Rechtsmedizin hingegen sprach von vielen älteren Wunden im Gesicht und im Mundraum, die teilweise verheilt waren. Stark von Karies befallene Zähne und alte Verletzungen sprechen dafür, dass Leonie aber lange nicht von einem Zahnarzt behandelt wurde.

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Alte Knochenbrüche und entzündete Wunden

Auch die Verletzung am Hinterkopf der Sechsjährigen könne aufgrund der Schwere nur durch wiederholte stumpfe Gewalt verursacht worden sein. An der linken Körperseite hatte Leonie eine große „entzündete Wundhöhle” im Bereich des Brustkorbs, erklärte Bockholdt. Drei ältere Rippenbrüche sowie ein früherer Schlüsselbeinbruch seien dort auch zu finden gewesen. Wie beim Kopf auch gab es der 54-Jährigen zufolge „keine Anzeichen einer medizinischen Behandlung”.

„Starke Schmerzen über langen Zeitraum

Leonie müsse über einen längeren Zeitraum starke Schmerzen gehabt haben, erklärte Bockholdt. Das gelte auch für den Nachmittag kurz vor ihrem Tod: „Diesem Kind ging es richtig schlecht.” Ein paar Wunden an der Stirn und am Schienbein wären theoretisch durch einen Sturz erklärbar, so Bockholdt. Doch die Knochenbrüche an der Körperseite, die Hirnblutung, die auch die Haupttodesursache sei, sowie die Wunden am Hinterkopf und am Kinn seien dafür zu massiv.

David H. muss sich seit September vor Gericht wegen Leonies Tod verantworten, weil er unter anderem den Notruf zu spät gewählt haben soll, um Misshandlungen zu verdecken. Hätte Leonie überlebt, wenn der Notruf deutlich früher erfolgt wäre? Gut möglich, sagte die Rechtsmedizinern. Zumindest hätte das Mädchen nicht am 12. Januar an ihren schweren Verletzungen sterben müssen.

Am 9. Januar hat das Landgericht Neubrandenburg ein Urteil in dem Mordprozess um die kleine Leonie gefällt. Sie starb am 12. Januar 2019 in der Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Torgelow. 

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Kommentare (1)

Die Schilderungen der festgestellten Verletzungen weisen auf eine massive Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge des Kindes durch Erziehungsberechtigte, Vormund und ähnlichen Beteiligten hin, die unmittelbaren, wiederkehrenden Kontakt hatten. In diesem Fall auch zwingend die Mutter.