„Mecklenburg-Vorpommern in Geiselhaft“ titelt die Postille „Volldraht“, die jetzt in Neubrandenburger Briefkästen landete.
„Mecklenburg-Vorpommern in Geiselhaft“ titelt die Postille „Volldraht“, die jetzt in Neubrandenburger Briefkästen landete. Christine Gerhard
Volldraht

Reichsbürger-Zeitung landet in Neubrandenburger Briefkästen

Erstaunliche Neuigkeiten, die eine Zeitung enthält, die jetzt in Neubrandenburger Briefkästen landete: Ein Großherzog übernimmt das Ruder und alles wird gut. Der neue Regent ist allerdings eine zwielichtige Figur.
Neubrandenburg

Angeblich wurden 300.000 Stück gedruckt, auf dass endlich die „Wahrheit“ unter das Volk komme, und derer wurden in Gestalt der Postille „Volldraht“ nun auch Haushalte in Neubrandenburg gewahr, sofern diese nicht direkt in der Tonne landete. „Mecklenburg-Vorpommern in Geiselhaft“ titelt das Blatt, der zugehörige Artikel zeigt schon mal auf, wohin die Reise im Rest des Blattes geht: Deutschland gibt‘s gar nicht, Mecklenburg-Vorpommern auch nicht, dafür aber gibt‘s jetzt Großherzog Friedrich Maik, und der wird sich das nicht mehr lange bieten lassen, dass Deutschland laut „Volldraht“ und Reichsbürger-Überzeugung in Wahrheit nur eine Firma ist.

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Auf den zwölf Seiten ist dann unter anderem von „Angst-Porno“ in Bezug auf die derzeitigen Einschränkungen in Kitas die Rede, an anderer Stelle gibt es höchst geheime Einsichten in eine neue unerschöpfliche Energiequelle.

Immobilienmakler ernennt sich selbst zum Großherzog

In der Zeitung wird aber auch noch eine Urkunde abgedruckt. Die Ernennungsurkunde von Großherzog Friedrich Maik, von ihm höchstselbst unterschrieben, der neue Regent über die Großherzogtümer Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg-Schwerin. In der realen Welt ist Maik G. hingegen nur ein Immobilienmakler aus Schwerin. Zuletzt war der bekannte Reichsbürger Maik G. im September im Rahmen einer Seminarreihe in Gadebusch. Dokumentiert auf Youtube sind da seine Tiraden zu hören: dass Mecklenburg-Vorpommern aus zwei Staaten bestünde (wegen des Bindestrichs), dass Polizisten und Soldaten nur Söldner seien (da sie von einer Firma engagiert seien), und dass die Menschen im Nordosten jetzt bald die Freiheit erfahren werden – denn der „weiße Adel“ werde bald seine Macht wiedererlangen. Der „Großherzog“ bettelt auf seiner offiziellen Website übrigens um Spenden und um – für eine aufblühende Monarchie sehr ungewöhnlich – Stimmzettel für ihn.

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Laut „Volldraht“ ist der Ausgangspunkt der „unzensierten Nachrichten“ der Ort Sundhagen. „Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern müssen vorbereitet sein“, so Jörn Baumann, der als verantwortlicher Herausgeber im Impressum aufgeführt ist. Laut seinen Aussagen hat die Umstrukturierung des Landes in eine Parlamentarische Monarchie bereits begonnen.

Herausgeber verspricht Hilfe bei Lynchmord an Regierungsmitgliedern

Der Herausgeber macht in sozialen Medien keinen Hehl aus seinen rechtsradikalen und verschwörungsgläubigen Ansichten. Auf einer russischen Facebook-Alternative, auf der sich auch so einige deutsche Rechtsradikale tummeln, teilte er Beiträge der früheren regionalen Führungsfigur des mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“, Sven Liebich. Baumann verspricht außerdem im Namen von seiner Zeitung, dass er Seile und Holz spendieren wolle, um Galgen für die deutschen Regierungsmitglieder zu bauen. „Kein Scherz“, schreibt er.

Der Verfassungsschutz MV hat „Volldraht“ im Blick, im letzten Verfassungsschutzbericht wurde die Publikation erwähnt. Die Anzahl der Reichsbürger in Mecklenburg-Vorpommern stieg demnach um 100 von 450 auf 550. Und: „Überschneidungen mit dem rechtsextremistischen Spektrum finden sich bei circa 40 Personen.“

„Staatsschutz kennt die Leute und beobachtet das”

Es ist nicht das erste Mal, dass diese Zeitung in Mecklenburg-Vorpommern auftaucht: Anfang Juni wurde die gleiche Ausgabe in Demminer Briefkästen verteilt. Schon da war die Einschätzung von Polizeisprecherin Nicole Buchfink: „Das gibt es immer mal wieder, dass solche kruden Zettel in Briefkästen geworfen werden.“ Solange in dieser Post allerdings keine Straftaten wie Volksverhetzungen oder Beleidigungen vorliegen, ist die Handhabe der Polizei gering. „Aber der Staatsschutz kennt die Leute und beobachtet das“, sagt sie.

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