DER WINTER 1979 IST VIELEN IM GEDÄCHTNIS GEBLIEBEN

Schneechaos: Im Panzer zum Jawort

Eine Braut ohne Brautkleid, eine Hochschwangere im Traktor, ein Kettenfahrzeug als Lebensmitteltransporter: Über jenen Winter, der heute vor 35 Jahren unglaubliche Schneemassen über die Region brachte, ließen sich viele Geschichten erzählen. Man könnte sie kaum glauben, gäbe es nicht Beweisfotos.
Anke Brauns Anke Brauns
Räumfahrzeuge am 16. Februar auf der F 96 zwischen Neubrandenburg und Altentreptow.
Räumfahrzeuge am 16. Februar auf der F 96 zwischen Neubrandenburg und Altentreptow. B.Bartocha
Am 16. Februar 1979 auf der F 96 zwischen Neubrandenburg und Altentreptow: Hier und anderswo musste mit Muskelkraft nachgeholfen werden. Foto: B. Bartocha
Am 16. Februar 1979 auf der F 96 zwischen Neubrandenburg und Altentreptow: Hier und anderswo musste mit Muskelkraft nachgeholfen werden. Foto: B. Bartocha
Milchtransporte unter erschwerten Bedingungen. Mit zwei Traktoren wird hier am 19. Februar 1979 die Milch auf der F 104 zur Neubrandenburger Molkerei gebracht. Foto: B. Bartocha
Milchtransporte unter erschwerten Bedingungen. Mit zwei Traktoren wird hier am 19. Februar 1979 die Milch auf der F 104 zur Neubrandenburger Molkerei gebracht. Foto: B. Bartocha
Busse des Neubrandenburger Stadtverkehrs blieben teilweise im Schnee stecken. Hier wurde der "Schlenki" mithilfe der Technik und der Passagiere wieder auf die Fahrbahn gebracht. Foto: B. Bartocha
Busse des Neubrandenburger Stadtverkehrs blieben teilweise im Schnee stecken. Hier wurde der "Schlenki" mithilfe der Technik und der Passagiere wieder auf die Fahrbahn gebracht. Foto: B. Bartocha
Panzer schieben auf der F 96 bei Burow die Straße frei. Foto: B. Bartocha
Panzer schieben auf der F 96 bei Burow die Straße frei. Foto: B. Bartocha
Schipp, schipp, hurra! Auf der F 192 bei Neuendorf und an vielen anderen Orten packten die Menschen mit an beim Kampf gegen die Schneemassen. Foto: B. Bartocha
Schipp, schipp, hurra! Auf der F 192 bei Neuendorf und an vielen anderen Orten packten die Menschen mit an beim Kampf gegen die Schneemassen. Foto: B. Bartocha
Die "Freie Erde" hielt die Leute in dem Schneewinter über die Entwicklung in der Region auf dem Laufenden.
Die "Freie Erde" hielt die Leute in dem Schneewinter über die Entwicklung in der Region auf dem Laufenden.
Neubrandenburg.

Landläufig nannte man ihn mitunter auch Panzer, den „Saporosch“. Als das junge Hochzeitspaar am 17. Februar 1979 mit eben diesem russischen Gefährt am Neubrandenburger Standesamt ankam, die Standesbeamtin den Wohnort Brunn registriert hatte und daraufhin fragte, ob sie denn „auch mit dem Panzer gekommen“ waren, antworteten die jungen Leute wahrheitsgemäß mit „Ja“. Das Brunner Brautpaar jedoch, das einen Tag zuvor den Bund fürs Leben geschlossen hatte, war tatsächlich mit einer Art Panzer vorgefahren. Das sowjetischeKettenfahrzeug, das in der NVA zuvor als Zugmaschine für eine Raketenabschussrampe diente, hatte die LPG Brunn für Planierarbeiten und zum Schieben von Silos erworben, erinnert sich Norbert Greier, der das schwere Gefährt häufig steuerte. Im Schneewinter 1978/79 jedoch wurde es zum Retter in der Not. Als nichts mehr ging, habe man täglich Milch, Fleisch und Brot aus Neubrandenburg damit geholt und die Konsum-Verkaufsstellen mehrerer Dörfer beliefert, so Norbert Greier. Aber auch Arbeiter wurden heimwärts gebracht, Schwangere querfeldein ins Krankenhaus oder eben ein Brautpaar zum Standesamt.

Heute ärgern sich viele Menschen über die frühlingshaften Temperaturen im Februar. Doch was hätte man vor 35 Jahren dafür gegeben. Stattdessen brach die zweite Katastrophe des Winters über den Norden herein. Nachdem schon zum Jahreswechsel 1978/79 Schneesturm, Schneemassen und Temperatursturz Straßen- und Bahnverkehr zum Erliegen brachten, viele Ortschaften von der Außenwelt abschnitten, setzten am 13. Februar erneut starke Schneefälle ein und ließen die Region erneut im Chaos versinken.

Ein Stück Lebensgeschichte

Wer damals Kind war, erinnert sich wohl vor allem mit Freude an den vielen Schnee, vielleicht auch an Schulausfall. Für manchen aber ist der extreme Winter ein Stück Lebensgeschichte geworden. Für Regina und MartinGohla beispielsweise, das Hochzeitspaar vom 17. Februar. Ihre Möbel, erinnert sie sich, habe sie schon ein paar Tage zuvor von Neubrandenburg in die gemeinsame Wohnung nach Brunn gebracht. Aber dann kam der Schnee und sie saßen in Neubrandenburg fest. Den Hochzeitsanzug ihres Mannes und die Ringe habe noch jemand von Brunn in die Stadt bringen können. „Aber mein Hochzeitskleid war bei der Schneiderin in Penzlin, da kam keiner mehr hin“, sagt sie. Die Braut borgte sich ein Kleid, Familienmitglieder und andere Gäste vom Dorf verpassten die Hochzeit. Auf dem Weg zum Fotografen ruinierte Schnee, der von einem Dach geschoben wurde, noch die Frisur der Braut. „Das Hochzeitsfoto kann ich gar keinem zeigen“, sagt Regina Gohla. Aber die Geschichte wird wohl noch in vielen Jahren etwas zum Weitererzählen sein.

Mit Traktor und Räumfahrzeug ins Krankenhaus

So wie manch andere Geschichte auch. Martin Gohla hat den Winter nicht nur wegen seiner Hochzeit besonders deutlich in Erinnerung. Er arbeitete damals beim Kraftverkehr in Neubrandenburg, war mit seinen Kollegen im Schichtdienst im Wintereinsatz. Überall wurden die Lkw mit ihren Allrad-Antrieben und Schiebeschildern dringend gebraucht. Er entsinnt sich an eine Schwangere, die von Lebbin ins Bezirkskrankenhaus gebracht werden musste. In einem Traktor sei sie zunächst über den holprigen Acker bis Woggersin gebracht worden. Dort stieg sie in einen B 1000 um, der an einem Seil hinter seinem Räumfahrzeug hing. Es sei nur mit Schwung durch den Schnee gegangen, immer einige Meter vor, ein paar wieder zurück, erzählt er. Die Barkas-Besatzung hinten dran habe deshalb höllisch aufpassen müssen und sei am Ende schweißgebadet gewesen. Sie schafften es ohne Geburtshilfe bis ins Klinikum.

Nach Bildern von damals befragt, schütteln die meisten Leute den Kopf. Wer hat seinerzeit schon fotografiert? Von Fotograf Benno Bartocha sind damals viele Bilder unter anderem in der „Freien Erde“ erschienen, die er bis heute in seinem Archiv aufbewahrt. Welch ein Glück. Ohne die Schneemassen zu sehen, könnte man die abenteuerlichen Geschichten heute kaum noch glauben.

 

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