Bianca Hein vor dem „Lebensbaum“, der zum Weltsuizidpräventionstag vor zwei Jahren gepflanzt wurde.
Bianca Hein vor dem „Lebensbaum“, der zum Weltsuizidpräventionstag vor zwei Jahren gepflanzt wurde. Pablo Himmelspach
16 Millionen Anrufe

Seelsorger in Sorge – Immer mehr Menschen haben Angst

Eine steigende Zahl an Menschen sucht psychische Unterstützung. Immer häufiger sind Krieg und hohe Preise auch bei der Neubrandenburger Telefon-Seelsorge Themen der Anrufe.
Neubrandenburg

Es ist eine erschreckende Entwicklung. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl der Anrufversuche bei der Telefon-Seelsorge beinahe verdoppelt. Wurden im Jahr 2017 bundesweit noch neun Millionen Anrufe von Hilfesuchenden registriert, waren es 2021 über 16 Millionen. „Wir sehen, dass der Bedarf an Gesprächen steigt. Insbesondere das Thema Einsamkeit hat in Deutschland gerade ein Dauerhoch“, sagt Bianca Hein, Leiterin der Ökumenischen Telefon-Seelsorge Neubrandenburg, bei der 2021 5800 Anrufe eingingen.

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Hein zufolge liegt das an den zwei Jahren Pandemie, während denen Begegnungsstätten schließen mussten und Menschen in ihren Wohnungen vereinsamten. Die Folgen davon seien bis jetzt spürbar. „Wir merken, dass sich die Nähe nicht so einfach reaktivieren lässt. An vielen Stellen ist die Gesellschaft auseinandergebrochen“, sagt Bianca Hein.

Nur ein Bruchteil der Anrufer kommt durch

Zu den 16 Millionen Anrufern kommt noch eine Zahl hinzu, die deutlich kleiner ist – und ein weiteres Problem offenbart. Denn „nur“ 821.000 Telefonate hat die Telefon-Seelsorge deutschlandweit im vergangenen Jahr wirklich geführt, 4700 davon in Neubrandenburg. „Im Verhältnis zur hohen Zahl von Anrufversuchen ist das wenig und zeigt, dass wir nicht alle bedienen können“, sagt Bianca Hein. Sie suche deshalb weitere ehrenamtliche Seelsorger, insbesondere junge. „Je mehr Leute wir haben, desto mehr Menschen können wir helfen“, sagt Hein.

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Für sie sei es mehr als ein Job, den man in seiner Freizeit macht. Hein bezeichnet die Arbeit eines Seelsorgers als „praktizierte Nächstenliebe“. „Wir möchten Menschen, die sich in einer Krise befinden, wieder Mut zum Leben geben“, sagt sie.

Männer scheuen die Suche nach Hilfe

Doch vielen fehlt anscheinend sogar der Mut, zum Hörer zu greifen, um über ihre Sorgen zu sprechen. Vor allem Männer schrecken anscheinend davor zurück. In Neubrandenburg machen sie nur 33 Prozent der Anrufe aus – was im krassen Gegensatz zu der auffällig hohen Suizidrate steht. 75 Prozent der Selbsttötungen werden in Deutschland von Männern begangen. „Männer lernen früh, ihre Gefühle nicht zu zeigen. Das fängt schon im Kindergarten an, mit dem Spruch, ein Junge dürfe nicht weinen“, meint Bianca Hein.

Um das zu ändern, arbeite sie mit dem Netzwerk Suizidprävention daran, das Thema Suizid mehr in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken. Dafür stellt sie Schulungsmaterial zusammen und hält Vorträge in Ämtern, Altenheimen und Schulen – zuletzt wieder am 10. September, dem Weltsuizidpräventionstag.

Doch nicht nur die Themen Einsamkeit und Suizid beschäftigten die Anrufer. In einem von fünf Gesprächen gehe es momentan um den Ukraine-Krieg und damit verbunden um Inflation und hohe Preise. Im gleichen Zuge sei eine steigende Zahl an Anrufern von Ängsten geplagt. „Das ist sehr auffällig. Immer mehr Menschen rufen bei uns an, weil sie Angst haben“, sagt Hein.

Dieser Artikel wurde am 19.09.2022 mehrfach aktualisiert.

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