KLASSENKAMPF-BILD

„So wird der Unrechtsstaat DDR salonfähig gemacht”

Nach fast 30 Jahren soll ein sozialistisches Wandbild im Neubrandenburger Rathaus wieder freigelegt werden. Kritiker bemängeln eine fehlende Distanz zur DDR.
Ein Ausschnitt des Wandbildes zeigt Karl Marx.
Ein Ausschnitt des Wandbildes zeigt Karl Marx. Nordkurier Archiv
Die Restauratorin Helma Groll hat einen Teil des Wandbildes ihres Vaters Wolfram Schubert im Rathaus Neubrandenburg freigelegt
Die Restauratorin Helma Groll hat einen Teil des Wandbildes ihres Vaters Wolfram Schubert im Rathaus Neubrandenburg freigelegt. Frank Wilhelm
Maler Wolfram Schubert (93) war dabei, als am Donnerstag ein Teil seines Freskos freigelegt wurde.
Maler Wolfram Schubert (93) war dabei, als am Donnerstag ein Teil seines Freskos freigelegt wurde. Stefan Sauer
Die eine Hälfte des Wandbildes im Originalzustand im alten Foyer des heutigen Rathauses. Das Foto ist Anfang der 1990er-J
Die eine Hälfte des Wandbildes im Originalzustand im alten Foyer des heutigen Rathauses. Das Foto ist Anfang der 1990er-Jahre entstanden. Nordkurier Archiv
Neubrandenburg ·

Vertreter des „Internationalen Vereines zur Verbreitung der Geschichte Europas“ haben sich gegen die Freilegung des Wandbildes „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ im Foyer des Neubrandenburger Rathauses ausgesprochen. In einer Resolution, überschrieben mit „Nicht schon wieder“, heißt es, dass „aufmerksame Bürgerinnen und Bürger das politische und gesellschaftliche Leben in der Kreisstadt Neubrandenburg“ mit Sorge beobachten würden.

Erst 2019 sei das Marx-Denkmal nach heftigen Diskussionen am Neubrandenburger Schwanenteich wieder aufgestellt worden. Nun soll ein 30 Quadratmeter großes Wandfresko von Wolfram Schubert im Eingangsbereich des Rathauses freigelegt und restauriert werden.

„Soll DDR-Unrechtsstaat wieder salonfähig gemacht werden?”

„Geht es noch, fragen sich derzeit die Opfer des SED-Regimes. Soll auf diese Weise der Unrechtstaat DDR wieder salonfähig gemacht und durch die Hintertür in das Rathaus gebracht werden?“, heißt es in der Resolution. Namentlich unterzeichnet ist sie von Dr. Silvio Pankratz, dem Vorsitzenden des Vereins, Dr. Harald Möhler, Hans-Joachim Nehring, Jörg Metelmann und Peter Mumm.

Den Verein gibt es seit 1997. Sein Ziel: Die Förderung „persönlicher Kontakte zu Deutschlands östlichen Nachbarn und die gemeinsame Beschäftigung mit Geschichte, um das Zusammenwachsen Europas zu unterstützen und erlebbarer zu machen“, heißt es auf der Internetseite.

Wolfram Schubert (93 Jahre) hatte das zweiteilige Fresko 1969 als Auftragsarbeit im Foyer des Gebäudes geschaffen, das seinerzeit den Rat des Bezirkes und die SED-Bezirksleitung beherbergte. Schubert war jahrelang Vorsitzender des Verbandes der bildenden Künstler im Bezirk Neubrandenburg.

1991 wurde das Werk auf Anweisung der Rathausspitze unter dem damaligen Oberbürgermeister Klaus-Peter Bolick (CDU) übertapeziert. Schubert hatte jahrelang dafür gekämpft, dass das Wandbild wieder sichtbar wird. Auf Anregung von Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) wurde nun ein etwa ein Quadratmeter großes Stück freigelegt. Nach Ansicht der Restauratorin Helma Groll, eine Tochter Schuberts, sei der Zustand des Wandbilds relativ gut.Skeptisch hatten sich zuvor schon Vertreter des Verbandes der Opfer des Stalinismus (VOS) geäußert. VOS-Landesvorsitzender Fred Mrotzek forderte, dass das Fresko mit einem begleitenden Text historisch eingeordnet werden müsse.

Restaurierung würde 100.000 Euro kosten

Der „Internationale Verein“ ist allerdings strikt gegen die Freilegung: „Nein, ein solches Rathaus wollen wir nicht. Wir möchten im Eingangsbereich der Stadtverwaltung Aktivisten der Friedlichen Revolution 1989 gewürdigt sehen.“ Der Verein wolle in „diesem Vorzeigeobjekt unserer Heimatstadt“ keine „sozialistische Kunst“, die als SED-Propaganda deutlich sichtbar sei.

Die Kosten für eine Restaurierung des Wandbilds wurden von Witt auf rund 100.000 Euro geschätzt. Es hofft, dass die Finanzierung von einer Stiftung getragen würde.

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Kommentare (17)

Wird auch schon darüber verhandelt ob das Areal auf dem Lindenberg in seiner ursprünglichen Art und Weise wieder in Betrieb genommen werden soll?
Nie wieder Sozialismus!

Zu Satz eins: ein guter Vorschlag
Satz zwei löschen bitte!

Es ist Neubrandenburg. Also brauchst du dicht nicht wundern. Diese Stadt lebt noch in einer anderen Zeit und wird da wohl vorerst auch nicht raus kommen.

Denn Bereich könnten wir Ausgliedern. Das bespitzeln kann Google, Alexa und ko viel besser.

Mit der Restaurierung hier wird kein Staat salonfähig gemacht! Hier geht es eindeutig um den Erhalt von Kunstwerken einer vergangenen Zeit. Die Unterzeichneten haben den wahren Wert des Bildes total unterschätzt, sie stellen sich auf den gleichen emotionslos zu kommentierenden Tatbestand der s. g. Bücherverbrennung im 3. Reich. Auch hier wurde aus politischen Gründen Kunst vernichtet. Immerhin stellt das Bild einen Inhalt dar, was man bei heutigen Dingen die von den Revoluzern gefordert werden keinen Widerhall findet. Kunst ist unabhängig von Staatsregimen, es spiegelt nur dem Künstler in seinen Lebensraum und seinen Bezug zur Zeit dar. Um das zu erkennen muss man auch nicht den Sozialismus wiederbeleben.
Was einen bedauerlichen Beigeschmack hat, ist die nahe verwandschaftliche Beziehung der Resauratorin zum Künstler. Hier hätte man sich eine geschmackvollere Auswahl gewünscht, alles erinnert sehr an Vetternwirtschaft, wo man sich Aufträge gegenseitig zuschanzt.

So lange die Restaurationskosten aus den Mitteln einer privaten Stiftung kommen, soll doch jeder machen, was er für richtig hält. Kunst ist Meinungsäußerung und fällt damit unter die Meinungsfreiheit. Der Betrachter wird schon wissen, wie er ein Bild einzuordnen hat. Auch ohne Bevormundung von staatlichen Stellen.

Ich wundere mich immer wieder, wie die Vergangenheit auf einen großen Misthaufen geworfen wird, den man am liebsten noch mit einer Tarnplane abdecken möchte. Die Folgen solchen Kopf-in-den-Sand Verhaltens erleben wir bereits in Demmin.
Die Vergangenheit hat die Gegenwart zu dem gemacht, was sie nun ist. Von dieser Vergangenheit muss man sich nicht distanzieren, als ob man kein Teil von ihr ist, sondern man muss ihr einen Platz geben. Wenn wir distanzieren, verfremden wir uns von unserer eigenen Geschichte und vergessen wir, was wir nicht wieder erleben wollen.
Des Weiteren ist die Vergangenheit wesentlich komplexer als sie sich nun in den Äußerungen der Kritiker anbietet. Marxismus ist nicht Stalinismus ist nicht DDR. Die Idee der Herrschaft der Proletarier ist gar nicht mal so verkehrt. Eine Brise dieser Auffassung würde ich gerne als Gegenwind in die ökonomischen Segel des heutigen Kapitalismus lenken, in dem monetäre Gewinne wichtiger sind als der Arbeiter, dem man sie zu verdanken hat.
Die Umsetzung dieser Idee ist und bleibt jedoch schwierig. Nachkriegsdeutschland war nicht bereit für eine Revolution der Proletarier. Diese musste in den Köpfen der Arbeiter und Bauern entstehen und auch von ihnen ausgehen. Sie kam allerdings von oben – nicht von Gott, sondern von Stalin und war etwas ganz anderes als die marxistisch-leninistischen Massendemokratie. So war der auferlegte Zwangssozialismus nur ein Deckmantel für einen Zweiklassenstaat, der die Interessen der oberen 10.000 vertrat und der ohne die Unterdrückung seiner Proletarier das 4. Lebensjahr nicht überlebt hätte.
Auf diesem Wandgemälde nun sehen wir nicht Ulbricht oder Honecker oder Stalin, sondern Marx. Den Urheber einer guten Idee, von der wir uns heutzutage wieder eine Scheibe abschneiden sollten. Das DDR Regime war weit entfernt von dieser Idee und hat sein Volk unterdrückt, gefoltert, eingesperrt und erschossen. Wir sollten nicht die missbrauchte Philosophie an den Pranger stellen, sondern die, die sie missbraucht haben.
Das Kunstwerk ist aktueller denn je und sollte uns daran erinnern, dass es unser Bestreben sein sollte, die Gesellschaft der Menschen gerechter zu machen.

Ihre "Philosophie" wurde aber schon oft missbraucht. Sei es von Mao, Castro, Stalin, Hitler oder Ulbricht. Und immer hieß es am Ende: "Das war kein echter Sozialismus". Hunderte Millionen Tote, gehen auf die Konten von Karl Marx seinen Jüngern.

Es ist eine von der SED im real existierenden Sozialismus beauftragtes Werk für das Gebäude und den Sitz des damailgen SED-Rat des Kreises. Die SED war laut Verfassung der DDR die politische Organisation, die das Volk führt (Wahlen waren somit überflüssig).Es sollte niemand gut finden, dass alte oder moderne, parteipolitische Kunst Bürger, Gäste und Angestellte im Rathaus begrüßt und verabschiedet. Wenn doch, hat man Demokratie und Grundgesetz noch immer nicht begriffen oder will es nicht begreifen. Die Auseinandersetzung mit solch Vergangenheit ist nötig. Das sieht man an der medialen Berichterstattung im NK und auch beim NB-Fernsehen, wo ungefiltert Diktatur und dessen Auswüchse als "Kunst" verkauft wird.

.....ist ja gut und schön, und was ist heute los? Mal nach links und rechts geguckt.
So eine Aufregung wegen einem „Bild“....
Manche haben echt nichts sinnvolleres zu tun.

"Ihre "Philosophie" wurde aber schon oft missbraucht. Sei es von Mao, Castro, Stalin, Hitler [?!] oder Ulbricht. Und immer hieß es am Ende: "Das war kein echter Sozialismus". Hunderte Millionen Tote, gehen auf die Konten von Karl Marx seinen Jüngern."
---- Das ein bisschen zu kurz gedacht. Wir geben Jesus und seinen Jüngern auch nicht die Schuld am Tod vieler Unschuldiger im Namen des Christentums. Es ist der Mensch, der tötet, nicht die Idee.

Nein der Mensch tötet im Namen der Ideologie. Und gerade der Sozialismus als Massenideologie, verführt die Menschen Verbrechen zu begehen, wo sie sonst nie zum Täter geworden wären.
Und ja auch Hitler war, nicht nur vom Parteinamen her, ein Sozialist.

Solche Behauptungen machen mich immer fassungslos. Hitler war alles andere als ein Sozialist. Dazu muss man sich nur bemühen, seine rassistischen, antidemokratischen Aussagen in z.B. "Mein Kampf" zu verstehen. Die NSDAP wurde vom Großkapital unterstützt, auch viele Sozialisten wurden während der Schreckensherrschaft vertrieben, gefoltert und ermordet.
Jetzt zu Karl Marx: Karl Marx war Philosoph und Theoretiker, dessen Kapitalismuskritik heute immer noch gilt. Kritik an einer Gesellschaftsordnung, die immer noch für Armut, Krieg, Waffenhandel und ungerechte Lebensverhältnisse verantwortlich ist. Es ist nicht verwerflich, für eine humanere Gesellschaft einzutreten. Karl Marx ist 1883 gestorben, Stalin war da 5 Jahre alt, Mao und Ulbricht lebten noch nicht. Marx hätte sich wirklich im Grabe umgedreht, wenn er erlebt hätte, wer sich auf ihn und seine philosophischen Beiträge beruft.
Er hätte sich allerdings auch gegen Denkmäler, Monumente, Verherrlichung gewehrt.
Fakt ist: Der Kapitalismus / "soziale" Marktwirtschaft kann und wird die Menschheitsprobleme nicht lösen. Insofern war Marx auf dem richtigen Weg - und seine Aussagen immmer im Kontext der Zeit zu betrachten.

Irrsinn, taktisches Manöver und leicht zu widerlegen- auch an dieser Stelle hilft mehr Bildung statt Einbildung

Und wenn wir diese Bilder nicht erhalten werden wir später auch nichts daraus lernen. Und in der DDR war nicht alles schlecht, das muss mal gesagt sein.

Wenn dem Marx-Gesicht eine Sonnenbrille mit leicht mafiösen Ausdruck verpasst würde und man das ganze Kunstwerk umbenennt in "Kampf und Sieg der Treuhand", wäre doch wohl alles gut, oder ?!

... das die Menschen zu Wort kommen, die ihr Leben in der DDR verbrachten, ohne dass ihnen immer wieder irgendwelche Wichtigtuer einreden wollen, wie sie angeblich lebten. Die Mär von der Stasi an jeder Ecke glaubt ohnehin niemand mehr. Den meisten ging es nämlich recht gut in der DDR. Die Herren Kritiker sollten mal das jetzige System genauer beleuchten, da hätten sie genug zu tun.