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„Sportler dürfen nicht unter der Politik leiden“

Testfahrt im Eiskanal von Sotschi, wo im Februar 2014 die olympischen Winterspiele stattfinden. Ist Gaucks Verzicht auf einen Besuch die richtige Entscheidung?
Testfahrt im Eiskanal von Sotschi, wo im Februar 2014 die olympischen Winterspiele stattfinden. Ist Gaucks Verzicht auf einen Besuch die richtige Entscheidung?
Maxim Shipenkov

Setzt Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Absage an einen Olympia-Besuch in Sotschi ein richtiges Zeichen? Sportler und Funktionäre aus Neubrandenburg sagen ihre Meinung zum Thema.

Bundespräsident Joachim Gauck fährt nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi. Kritisiert er damit die menschenunwürdigen Gesetze in Russland? Oder ist es eine private Entscheidung? Auch Neubrandenburgs Sportler diskutieren den Olympia-Boykott.

Jörg Knospe, Vorsitzender des SV Turbine, findet es gut, dass Gauck die Olympischen Spiele in Sotschi boykottiert. „Als Bürgerrechtler und ehemaliger Pastor kommt seine Kritik aus der richtigen Richtung. Er mischt sich nicht politisch ein, sondern symbolisch.“ Damit, so Jörg Knospe, setze Gauck ein Zeichen zum Nachdenken: Unter welchen Aspekten werden die Spiele vergeben? Man solle vorher kritischer prüfen, wer die Spiele austrägt. Schade findet er, dass der olympische Gedanke heute nicht mehr rüberkommt. „Denn ursprünglich stand Olympia für Völkerverbindung und -verständigung.“

"Es ist seine private Meinung, die sicher viele vertreten"

Das bedauert auch Ines Estedt. „Olympia ist nicht aus politischen Gründen entstanden, sondern als friedliches, sportliches Treffen gedacht.“ Sie bemängelt, dass finanzielle Interessen bei der Vergabe der Spiele im Vordergrund stehen. Andererseits sei es schwierig, ein Land zu finden, das nicht in irgendeiner Hinsicht Dreck am Stecken habe. Auch die Spiele in Peking waren problematisch. Gaucks Entscheidung, daheim zu bleiben, sieht Ines Estedt nicht als gegen den Sport gerichteten Boykott. „Es ist seine private Meinung, die sicher viele vertreten. Er sieht keinen Grund, nach Sotschi zu fahren, weil er mit den politischen Umständen in Russland unzufrieden ist.“ Die Sportler selbst, die an den Spielen teilnehmen, müssen mit der Situation im Austragungsland leben. „Sie bereiten sich nicht auf die Politik vor, sondern auf die Olympischen Spiele.“

"Er stellt sich nicht gegen die Sportler"

Wäre ein Olympia-Boykott durch die Sportler gut, um auf die Missstände in Russland hinzuweisen? Heinrich Nostheide, Präsident des SCN, ist dagegen. „Die Sportler dürfen nicht unter der Politik leiden. Das wäre eine Bestrafung, die vier Jahre harte Vorbereitung hinfällig werden ließe.“ Olympia-Boykotts aus politischen Gründen in der Vergangenheit, beispielsweise in Los Angeles, hätten nichts gebracht. Gaucks Entscheidung begrüßt Heinrich Nostheide. „Damit demonstriert er Distanz zu den Missständen in Russland, zum Beispiel dem Homosexuellengesetz. Er stellt sich nicht gegen die Sportler, sondern reagiert auf die politischen Menschenrechtsverletzungen.“ Kritik hat Heinrich Nostheide am Austragungsort. Er findet den Standort Sotschi nicht glücklich, weil dort erst viel Geld in den Ausbau hineingesteckt werden musste. „Russland an sich als Austragungsland sollten wir aber nicht ignorieren, nur weil uns die Politik nicht passt.“

"Als Außenstehende dürfen wir uns nicht anmaßen, in die Politik anderer Länder einzugreifen"

Das sieht Ralf Bartels, ehemaliger Kugelstoßer, ähnlich: „Als Außenstehende dürfen wir uns nicht anmaßen, in die Politik anderer Länder einzugreifen. Wir sollten ihre Ansichten akzeptieren, auch wenn sie nicht unseren eigenen entsprechen.“ Den Rummel um Gauck bewertet Ralf Bartels kritisch. Denn Gaucks Beweggründe, warum er zu Hause bleibt, seien unbekannt. Auch Ex-Präsident Horst Köhler war während seiner Amtszeit nicht bei den Olympischen Spielen in Vancouver. „Erst die Medien deuten das jetzt als Boykott“, sagt Ralf Bartels. „Ich sehe es als Gaucks persönliche Entscheidung.“

Prinzipiell findet der Kugelstoßer es gut, dass durch sportliche Events auf politische Missstände aufmerksam gemacht wird. „Sport und Politik sind miteinander verbunden: Die Politik entscheidet über finanzielle Mittel.“

"Sport und Politik kann man generell nicht trennen"

Carola Drechsler (Zirzow), ehemalige Kanutin, stimmt dem zu. „Sport und Politik kann man generell nicht trennen. Einerseits repräsentieren die Sportler, die zu Olympischen Spielen mitfahren, ihr Land. Sie sind gewissermaßen dessen Aushängeschilder.“ Andererseits trainiere jeder für sich und wolle in erster Linie gute Leistungen bringen, so Carola Drechsler. Sportler seien deshalb nicht in der Pflicht, politische Stellungnahmen abzugeben. Dass Gauck nicht nach Sotschi fährt, hält sie für politisch richtig. „Man kann es als Zeichen gegen die Missstände in Russland begreifen. Er mischt sich dadurch nicht direkt in die Politik ein.“

Klaus Baarck, Trainer von Olympia-Mehrkämpferin Julia Mächtig, findet, man müsse mit den Tatsachen im Austragungsland leben. „Die Sportler gehen nicht wegen Putin nach Sotschi, sondern um ihre Leistung zu zeigen.“ Politische Probleme würden durch Gaucks Boykott nicht gelöst. Man solle Politik und Sport nicht vermischen, so Klaus Baarck. Auch er verweist auf frühere Olympia-Boykotte, die nichts geändert hätten. „Als Staatsoberhaupt sollte Gauck nach Sotschi fahren und seine Funktion als Repräsentant Deutschlands wahrnehmen,“ sagt Klaus Baarck. Schließlich stünden die Olympischen Spiele im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Kommentare (1)

Wer etwas anderes Behauptet lügt. Schon im kleinen wird damit Politik gemacht. Ob es um steuerliche Förderung geht oder um den Prestige. Und es ist richtig das man Wettbewerbe in solchen Staaten wie Russland ausschließt. Die Vergabe an diese Staaten sind zu verhindern. Die Olympische Idee gebietet es schon von allein. Ausmachen muss es aber jeder Sportler für sich ob und wie er teil nimmt. Stiller und lauter Protest vor Ort ist angebracht. Marko Kardetzky