LANDWIRTSCHAFT IN DER CORONA-KRISE

Studenten vernetzen Bauern und Erntehelfer

Als wäre die Corona-Krise nicht schon schlimm genug. Jetzt könnten auch noch Spargel und Erdbeeren Mangelware werden. Denn wer soll Gemüse und Obst ernten, wenn nicht die ausländischen Saisonarbeiter? Ein Internetportal soll helfen.
Diese jungen Leute um Carl-Christian von Diest (oben links) haben die Internet-Plattform „Erntehelfer gesucht“ geg
Diese jungen Leute um Carl-Christian von Diest (oben links) haben die Internet-Plattform „Erntehelfer gesucht“ gegründet. privat
Seenplatte.

Der Countdown läuft. In wenigen Tagen werden die ersten Spargel ihre Köpfe aus Mecklenburgs Boden strecken und die ersten Tomaten in Vorpommerns Gewächshäusern heranreifen. Leckere Frühlingsboten, die in mühevoller Handarbeit geerntet werden müssen, bevor sie in Neustrelitzer, Malchiner, Neubrandenburger und Anklamer Küchen verarbeitet werden können. Doch das wird schwierig in dieser Saison, denn in der Coronakrise bleiben Tausende ausländische Erntehelfer wegen geschlossener Grenzen oder verschärften Quarantänebestimmungen weg.

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Da muss geholfen werden, dachte sich der Neubrandenburger Student Carl-Christian von Diest. Schließlich wollen er und viele andere trotz oder gerade wegen der Pandemie auch in diesem Jahr aromatischen Spargel und süße Erdbeeren essen, die in der Region gewachsen sind. Zusammen mit Kommilitonen und weiteren Helfern hat der Landwirt die Internetplattform „Erntehelfer gesucht“ entwickelt, die sich zurzeit besonders großer Beliebtheit erfreut.

Portal hat bislang fast 500 Abonnenten

„Ich habe selbst schon einige Male als Erntehelfer gearbeitet. Man fand solche Jobs bisher allerdings fast nur an Schwarzen Brettern.“ Das sei nicht mehr zeitgemäß. Darum sei die Idee vom Internet-Job-Portal für Bauern entstanden. Arbeitgeber können ihre Stellenangebote veröffentlichen und Arbeitssuchende Jobs finden. 11.700 Zugriffe und 475 Abonnenten hatte das Portal bis Montag registriert.

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Das Angebot ist gratis. Der 26-Jährige und seine Freunde arbeiten ehrenamtlich, pflegen die Seite und die Kontakte mit Landwirten in ihrer Freizeit. Davon haben die jungen Leute nun mehr, als ihnen lieb ist. Die Hochschulen und Universitäten sind geschlossen. „Ursprünglich wollten wir damit ein bisschen Geld verdienen, aber durch die Krise ist es echt eng bei den Landwirten. Landwirtschaftliche Betriebe sind auf neue Erntehelfer angewiesen wie noch nie zuvor. Gleichzeitig suchen viele Menschen Arbeit in neuen Bereichen.“

Derzeit vor allem Helfer für Spargel und Hopfen gesucht

Rund 40 Betriebe haben bislang ihre Stellenanzeigen veröffentlicht, zum Beispiel die Reichelt GbR in Plau am See, die Spargelstecher sucht. Zurzeit werden überwiegend für Spargel und Hopfen Helfer gesucht, vor allem in Brandenburg, Niedersachsen und Bayern. Wenn die Erdbeerernte losgeht oder sich die Pandemie sogar bis zur Apfelernte hinzieht, kann die Lage auch in Mecklenburg-Vorpommern ernst werden.

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Für Unternehmen wie die Mecklenburger Frische GmbH & Co. KG bei Güstrow, welche mithilfe von rund 160 Saisonarbeitern großflächig Spargel und Erdbeeren erntet, bahnt sich ein echtes Problem an. „Das Szenario ist nicht gerade prickelnd“, sagt Chefin Yvonne von Laer. Sie arbeitet mit Helfern aus der Ukraine, Usbekistan, Rumänien und der Mongolei. „Die haben kein Geld, wir haben kein Geld. Für die Arbeitnehmer ist das fast noch schlimmer als für uns. Sie verdienen bei uns in vier Wochen so viel, wie zu Hause das ganze Jahr.“ Ihr Unternehmen brauche die Saisonkräfte neben der Ernte auch zum Pflanzen. „Da müssen 15 Leute auf der Maschine sein und die Erdbeeren stecken. Das kann ich nicht alles alleine machen.“ Die Helfer aus dem Ausland durch Studenten, Rentner und Kurzarbeiter zu ersetzen, sei zumindest für ihr Unternehmen organisatorisch fast unmöglich. „Der eine darf nur 15 Stunden arbeiten, der nächste nur 450 Euro verdienen, andere halten keine acht Stunden am Tag durch, können nur an zwei Tagen in der Woche oder nur bis zum 20. April.“ Die Unternehmerin hofft, dass die Reisebestimmungen bis zum Erntebeginn gelockert werden. „Sonst wird es sehr viel weniger Erdbeeren und Spargel geben.“

„Ab Ende April wird es brisant“

Toni Jaschinski von der Agrargesellschaft Chemnitz schwant nichts Gutes. Sein Unternehmen baut im Raum Neubrandenburg auf 7 Hektar Erdbeeren an. „Ende Mai brauchen wir bis zu 30 Leute für die Ernte. Dann wird es kritisch. Wer Lust und Zeit hat, kann sich gern melden.“ Auf seinen Feldern reifen in guten Jahren rund 100 Tonnen Erdbeeren.

„Noch sind die Landwirte in Warteposition. Aber ab Ende April wird es brisant“, sagt Rolf Hornig, Geschäftsführer des Mecklenburger Obst- und Gemüse-Verbandes. „Es gibt keine gemeinsame Gangart, jedes Unternehmen muss eigene Wege gehen. Die kleineren Betriebe suchen erst einmal in ihrem direkten Umfeld Helfer. Eins verzichtet in diesem Jahr auf die Verkaufswagen und lässt stattdessen die Verkäufer Spargel stechen“, berichtet Rolf Hornig. Andere würden alle Hoffnungen auf polnische Arbeiter setzen. Die dürfen noch ausreisen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat am Montag sogar Unterstützung für polnische Pendler angekündigt. Doch da die Polen 14 Tage in Quarantäne müssen, sobald sie nach Hause fahren, pendelt nur, wer unbedingt muss.

Helfer aufgrund von Kurzarbeit

„Manche Betriebe bringen polnische Saisonkräfte in Hotels oder Ferienwohnungen unter, damit sie bleiben“, berichtet Rolf Hornig. Zwischen Deutschland und Rumänien habe es bis zum 25. März eine „Luftbrücke“ gegeben. „Rumänische Erntehelfer wurden nach Dortmund und Frankfurt eingeflogen. Aber am vergangenen Mittwoch um 17 Uhr hat das Bundesministerium das gestoppt. Die Verbände drängeln natürlich bei der Politik, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir ab dem 20. April wieder Normalzustand haben.“

Für Erdbeerbauer Toni Jaschinski gibt es immerhin einen Hoffnungsschimmer: Drei Leute haben sich bei ihm schon als Erntehelfer beworben. Sie waren von ihren Arbeitgebern in Kurzarbeit geschickt worden.

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