Unsere Themenseiten

:

Trinken gegen Einsamkeit und Altersängste

VonKarl-Heinz EngelSucht im Alter spielt eine größere Rolle, als gemeinhin angenommen. Zum Auftakt der Suchtwoche hat sich ein Fachtag an der Hochschule mit ...

VonKarl-Heinz Engel

Sucht im Alter spielt eine größere Rolle, als gemeinhin angenommen. Zum Auftakt der Suchtwoche hat sich ein Fachtag an der Hochschule mit dem Thema befasst.

Neubrandenburg.Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren. Der Spruch ist allbekannt, zumal auch im höheren Alter ein Gläschen ein Stück Lebenzufriedenheit bedeuten kann. Doch Alkoholgenuss birgt immer das Risiko des Missbrauchs, auch bei Senioren. Darauf haben die Referenten des Fachtags „Sucht im Alter“ an der Hochschule hingewiesen. Ein Gläschen in Ehren sollte bei Frauen nicht mehr bedeuten als 0,5 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein täglich. Bei Männern liegt die Grenze etwas höher, wobei ältere Menschen deutlich weniger Alkohol vertragen als junge. Wie Dr. Rainer Kirchhefer, Chefarzt der Psychiatrie am Neubrandenburger Klinikum, deutlich machte, hat bundesweit etwa ein Viertel der Männer über 65 Jahre ein Alkoholproblem. Bei Frauen seien es etwa sieben Prozent. Riskantes Trinkverhalten könne auch im Alter zur Abhängigkeit führen und wegen des demografischen Wandels zur Erscheinung werden. Betroffen sind keineswegs nur die, die bereits eine Trinkerkarriere hinter sich haben.
Zur Flasche greifen Senioren, um Einsamkeit, Trübsal, körperliche Gebrechen, den Abbruch sozialer Bindungen und Altersängste zu betäuben. Experten raten denen, die einen moderaten Umgang mit Alkohol pflegen, zwei- oder dreimal in der Woche kein Glas anzurühren. So wird der Gewöhnung vorgebeugt.
Größer als durch Alkohol wird allerdings die Gefahr durch Medikamenteneinnahme bewertet. Einer Studie nach nehmen 30 Prozent der über 70-Jährigen Psychopharmaka, in Altenheimen seien es sogar 58 Prozent. In Verbindung mit Alkohol könne das verhängnisvolle Folgen haben, erklärte Rainer Kirchhefer.
Mit zu hohem Alkoholkonsum bei Senioren wird auch der Rettungsdienst konfrontiert. Die Symptome können besonders in Verbindung mit Medikamenteneinnahme sehr vielfältig sein, berichtete Thomas Hanff, stellvertretender Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Malchin. Das erfordere eine besonders umsichtige Diagnostik. Seiner Beobachtung nach, ist die Zunahme von Sucht-
erscheinungen im Alter auch ein Preis, den eine Singlegesellschaft zu zahlen hat. Suchtbedingten Problemen im Alter könne in einer intakten Gemeinschaft sehr viel leichter begegnet werden. Rita Reichert, Sozialarbeiterin bei Neuwoges, informierte über ihre Erfahrungen mit Suchtgefährdeten. 2337 Wohnungen des 13 000 Einheiten umfassenden Bestandes sind an Alleinstehende vermietet. Eine Vereinsamung von Mietern sei mit zunehmendem Alter zu beobachten. Häufig stelle sich dann auch eine Suchtgefährdung ein.
Andreas Rihl von der Landesstelle für Suchtfragen stellte ein Modell vor, mit dem der Entwicklung begegnet werden soll. Erschienen ist zudem ein Leitfaden, der Fachkräften in der Alten- und Suchtpflege Tipps für den Umgang mit betroffenen Menschen gibt.

Kontakt zum Autor
red-neubrandenburg@nordkurier.de