KRITIK AUS DER SEENPLATTE

Trotz Corona-Nachhilfe bleiben arme Kinder auf der Strecke

Familien mit geringem Einkommen hatten es in den vergangenen Monaten ohnehin schwer. Das Nachhilfe-Angebot des Landes stellt sie vor weitere Hürden.
Aufgrund der Einschränkungen sind viele Schüler während der Pandemie zurückgefallen. Ein Landesprogramm so
Aufgrund der Einschränkungen sind viele Schüler während der Pandemie zurückgefallen. Ein Landesprogramm soll helfen, doch in der Praxis hapert es. Guido Kirchner
Seenplatte ·

Ausgerechnet Schüler aus einkommensschwachen Familien könnten durch das Corona-Aufholprogramm des Landes künftig noch weiter abgehängt werden – obwohl gerade sie vom Leistungsabfall während der Pandemie besonders betroffen sind.

So bereitet eine Klausel des Nachhilfe-Programms ärmeren Familien und betreuenden Pädagogen aus der Region derzeit besondere Sorgen – eine bürokratische Hürde: Bevor Schüler aus einkommensschwachen Familien wie bisher außerschulische Nachhilfe aus Mitteln des Bildungs- und Teilhabepaketes erstattet bekommen, müssen sie die 30 Förderstunden aus dem aktuellen Aufholprogramm der Landesregierung in Anspruch nehmen.

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Familien zahlen drauf

Und diese Förderstunden werden eben nicht pauschal übernommen, sondern mit 18,75 Euro pro Unterrichtsstunde bezuschusst. Da einige Anbieter aber teurer sind und die Nachfrage groß ist, müssen Familien unter Umständen draufbezahlen. Das können einkommensschwache Familien nicht immer leisten. Für sie ist eine Differenz schwer finanzierbar. Statt zusätzlicher Nachhilfe gäbe es dann gar keine mehr.

„Das ist skandalös“, heißt es nun aus den Reihen der Schulsozialarbeit in Neubrandenburg, die einen gesonderten Blick auf die Schwächsten im System pflegt. Insbesondere Familien mit sprachlichen Barrieren sei es zudem schwer zu vermitteln, dass sie sich ihre Unterstützung erst einmal auf anderem Weg als sonst üblich organisieren müssen. Denn für die Kostenübernahme müssen sich die Eltern immerhin ein entsprechendes Formular zuschicken lassen, eine Bestätigung der Schule organisieren und einen eigenen Nachhilfe-Anbieter suchen. Im Bildungsministerium rechnet man wiederum nicht mit höheren Kosten: Schließlich sei die Unterstützung vor allem für Nachhilfe in Kleingruppen bis maximal sechs Personen vorgesehen. Dafür müssten die 18,75 Euro ausreichen. Eine Zuzahlung dürfte nach Ansicht des Ministeriums für diese Angebotsform nicht erforderlich sein.

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Nicht nur der Preis ist ein Problem für Familien

Aus Sicht eines Nachhilfe-Anbieters ist die Höhe der Kostenübernahme aber gar nicht das Hauptproblem: Die Ausbildungsgemeinschaft Industrie, Handel und Handwerk Neubrandenburg hat sich auf die Unterstützung von besonders förderbedürftigen Jugendlichen spezialisiert und kann Schülern tatsächlich Nachhilfe für die vom Land spendierten18,75 Euro pro Stunde anbieten. Laut der Geschäftsführerin Diana Kuhk hat sich der Verein speziell darauf eingestellt. Zum Beispiel würden unter anderem Studenten die Schüler unterrichten. Mit aktuell mehr als hundert Schülern werde ihre Nachhilfe auch durchaus angenommen. „Dass sich das Angebot an alle Schüler richtet, ist besonders gut“, so Diana Kuhk.

Allerdings seien 30 Stunden bei der Laufzeit des Programms bis in den August nächsten Jahres zu wenig. Kinder würden oft mehrere Stunden Nachhilfe in der Woche benötigen. Wer diese jetzt in Anspruch nehme, bekomme im nächsten Jahr keine entsprechende Kostenübernahme mehr. Und wer dann wieder auf eine Finanzierung durch das Bildungs- und Teilhabepaket umstellen will, müsse mit mehreren Wochen Bearbeitungszeit bei den Behörden rechnen. Solange habe das Kind, dessen Eltern sich die Überbrückung nicht aus eigener Tasche leisten können, dann gar keine Unterstützung. „Kinder brauchen Kontinuität“, argumentiert Diana Kuhk. Auf den ersten Blick mögen viele Förderprogramme hilfreich erscheinen. Doch an der Umsetzung hapere es. „Das ist alles gut gemeint aber schlecht gemacht“, sagt sie.

„Das hat schon Hand und Fuß”

Holger Liß vom Abacus-Nachhilfeinstitut, das Lernhilfe in Neubrandenburg aber auch in anderen Landesteilen und Bundesländern anbietet, sieht das anders: „Das hat schon Hand und Fuß.“ Zwar reiche die Unterstützung vom Land nicht für individuelle Nachhilfe, wie sie Abacus anbietet, aus. Eine solche Betreuung koste rund 30 Euro pro Stunde. In anderen Bundesländern wie Hamburg oder Schleswig-Holstein gebe es aber kaum vergleichbare Unterstützung. Dabei steige die Nachfrage derzeit überall an.

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Kommentare (1)

Guck mal, die da haben gar keine Förderunterstützung. Dann hat ja hier alles Hand und Fuß.