Tier-Sensation

Urwald-Käfer in einem Wald bei Neubrandenburg nachgewiesen

Rund um Neubrandenburg sind Käferarten entdeckt worden, die es bisher hier gar nicht gab. Und das nicht etwa im Naturwald, sondern im Wald, der bewirtschaftet wird.
Der Tenebroides fuscus ist einer der seltenen Käfer, die in hiesigen Gefilden gefunden wurde.
Der Tenebroides fuscus ist einer der seltenen Käfer, die in hiesigen Gefilden gefunden wurde. Jakob Jilg, Wikimedia, unter CC-Lizenz BY-SA
Zwar Totholz, aber Lebensraum für zahlreiche Insekten.
Zwar Totholz, aber Lebensraum für zahlreiche Insekten. Paulina Jasmer
Hier zeigt sich, wie viel Leben in Totholz stecken kann. Die kleinen Löcher zeigen emsiges Käfertreiben im Gehö
Hier zeigt sich, wie viel Leben in Totholz stecken kann. Die kleinen Löcher zeigen emsiges Käfertreiben im Gehölz. Paulina Jasmer
Gleich neben dem Wirtschaftswald liegt dieses Naturwaldreservat, das weniger Käferarten zeigte als der Wirtschaftswald an
Gleich neben dem Wirtschaftswald liegt dieses Naturwaldreservat, das weniger Käferarten zeigte als der Wirtschaftswald an sich. Im Naturwaldreservat ist das Betreten strengstens verboten. Paulina Jasmer
Neuendorf

Die Wälder um Neubrandenburg gleichen zum Teil einem äußerst artenreichen Urwald. Jedenfalls belegen das die vielen Urwald-Reliktkäferarten, die es laut einer Studie dort geben soll. Es ist dabei insbesondere ein mehrschichtiger Buchenwald mit viel Alt-und Totholz gemeint, der von der Landesforst Mecklenburg-Vorpommern bewirtschaftet wird. Es handelt sich nicht um Wald, der sich selbst überlassen wird wie zum Beispiel in einem Naturwaldreservat (NWR), sondern um Buchenbestände, auf der es Holzeinschlag, Durchforstungen, Jagd und natürliche Verjüngungsmaßnahmen gibt, die aktiven Naturschutz offenbar nicht ausschließen.

Der Stolz über das vorläufige Ergebnis der Studie ist Revierförster Thorsten Loop anzumerken. „Auch wenn über viele Jahrzehnte ganze Förstergenerationen daran beteiligt waren“, wie er sogleich einräumt. So sind seinen Worten nach in dem Buchenwald zwischen Neu Rhäse und Campingplatz Gatscheck im Brodaer Holz gar mehr Urwald-Käferarten nachgewiesen worden als in den Heiligen Hallen bei Feldberg, der bekannteste und älteste Uralt-Buchenbestand Deutschlands mit mehreren hundert Jahren. Als Naturwaldreservat ist dieser streng geschützt.

Beste Lebensgrundlagen für Käfer

Dabei müsse aber gesagt werden, räumt Thorsten Loop ein, dass es sich bei den Käfern nicht etwa um Spezies aus dem Dschungel handelt, die nach Mecklenburg gesiedelt seien. „Es handelt sich um Käferarten, die seit Jahrhunderten einen möglichst naturbelassenen Lebensraum schätzen und dann auch nur dort vorkommen“, sagt der Fachmann. Kurios: Die meisten dieser Käferarten, wie zum Beispiel der Eremit – um nur einen bekannten zu nennen –, sind im Wirtschaftswald der Naturwaldvergleichsfläche (NWV) nachgewiesen worden.

30 Meter hohe Buchen ragen dabei im Wirtschaftswald auf einer Anhöhe in den Himmel. „Sie sind zum Teil abgestorben und bilden dabei, auch durch den direkten Sonneneinfall, beste Lebensgrundlage für die Urwald-Käfer“, sagt Thorsten Loop. Dort seien vor acht Jahren beim letzten Buchenholzeinschlag im Altholz dutzende Horst- und Höhlenbäume sowie nicht sinnvoll verwertbare, also meist absterbende, Buchen stehen gelassen für die Natur. Daneben liegen 40 Hektar unberührte, nicht zu betretene Natur, das seit 2005 bestehende NWR , die „Schieren Buchen“, wo 13 dieser Arten gefunden wurden.

Baumfällungen im Dezember

Vor etwa drei Jahren war die Untersuchung von der Landesforst MV an einen renommierten Käferspezialisten aus Niedersachsen in Auftrag gegeben worden. Es sei dabei um die sogenannte „Käferfauna“ gegangen – im NWR und im Vergleich in der NWV. In einem bisher noch nicht veröffentlichten Bericht steht, laut Thorsten Loop, dass im Wirtschaftswald mit 15 Urwald-Käferarten gar zwei Arten mehr gefunden wurden als im naturbelassenen Teil also im NWR. In keinem Wald Mecklenburg-Vorpommerns sind so viele Urwald-Reliktarten gefunden worden wie hier. Allein durch die Forschung an dieser Stelle seien gar vier neue Arten für Mecklenburg-Vorpommern dokumentiert sowie zwei Arten, die nach mehr als 50 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern wieder gefunden worden. Die meisten dieser Arten sind in Deutschland so selten, dass sie gar keinen deutschen, sondern nur einen lateinischen Namen besitzen.

Der naturnahe Buchenwald im Brodaer Holz allein gehört laut Studie zu den artenreichsten Wäldern in MV und sei „in einem Atemzug“ mit den Heiligen Hallen, Ivenacker Eichen, Scheefgrund, Conower Werder, Useriner Horst, Serrahn und Zippelower Holz zu nennen. Durch Fallen seien diese Arten jetzt nachgewiesen worden. Thorsten Loop freut sich über die Ergebnisse. Für ihn sei es ein starker Beweis, dass „Waldbewirtschaftung und Naturschutz Hand in Hand gehen können“. Gleichzeitig bittet er um Verständnis, dass im Dezember wieder Holzeinschlagsmaßnahmen und aus Sicherheitsgründen zeitweise Wanderwegsperrungen im Brodaer Holz, zunächst rund um den Jahnstein, stattfinden werden.

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